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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-08-30 · Heft 35 (30.8.1912) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 35 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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76. Jahrgang Nr. 35 k Berlin, 30. August 1912 Beilage zur „AUgeyielnen Letlüng deK Judentums". lkLrrelpondm?m und Aschrichten. Deulschland. L2 Berlin> 27. August. Gestern mittag wurde die Ms Charlottenburger Gebiet-, in der Fasanenstraße 79/80, erbaute Synagoge, die siebente in Groß-Berlin, feierlich eingeweiht und ihrer heiligen K Bestimmung übergeben. Der Festakt sah die Synagoge bis äuf den letzten Platz gefüllt. Als Vertreter des Kaisers war Generäladjutant - Exzellenz v, Kess el erschienen, als Vertreter des Staatsministeriums des Innern. Ünterstaatssekretär Holtz. Ferner waren vertreten: das Kultusministerium durch Ministerialdirektor v. Chappuis, das Reichsamt des Innern durch Unterstaatssekretär Dr. Richter, das Generalkommando durch Oberst v. Brauchitsch, das Polizeipräsidium durch den-Polizeipräsidenten v. Jagow und dessen Stellvertreter Geheimrat F r i e d h e i m. Ferner war der Oberpräsident der Provinz Brandenburg v. Conrad erschienen. Die Stadt Berlin war durch den neuen Oberbürgermeister Wermuth, der damit zum erstenmal seines Amtes als Oberbürgermeister waltete, durch Bürgermeister Dr. Reicke, die Stadtverordneten Geh. Justizrat Cassel und Nosenow, die Stadt Charlottenburg durch Bürgermeister Mattin g vertreten. Auch die katholische und evangelische- Geistlichkeit wohnte durch ihre Vertreter dem Festakt bei. Der Gemeindevorstand mit dem ersten Vorsitzenden Herrn Jacoby, die Repräsentanten sowie die ortsanwesenden Rabbiner und Kantoren waren fast vollzählig erschienen. Eingeleitet wurde die Feier durch ein Präludium von Bach, worauf Herr Benas Lev.y, der Vorsitzende des Synagogenvorstandes, die heilige Lade öffnete, während unter dem Vortrage des „Erhebet ihre Tore" (nach Psalm 24) durch den Chor sich die Einhebung der von Gemeinderabbinern, dem Gemeindeältesten, Sanitätsrat Dr. Stern, und dem Vorsitzenden der Repräsentantenversammlung, Louis Sachs, getragenen - Thorarollen vollzog. Sodann sangen Vorbeter und Gemeinde das „Schema" und die sonstigen für eine Synagogeneinweihung bestimmten Gebete, und nachdem.Rabbiner Dr.,Eschelb a ch e r das Gebet beim Schließen der heiligen Lade gesprochen hatte, erfolgte, nach abermaligem Chorgesang das Anzünden der ewigen Lampe durch Rabbiner Dr. Bergmann, wobei er folgende weihevolle Worte sprach: „Kraft, und heilige Begeisterung hat Gott zum Gelingen des Werkes, verliehen, ihm sei Dank. Dank auch allen, die. am Werke mitgearbeitet. Zu einem Heiligtume des Lichtes möge das Gotteshaus werden, zu einem Heiligtume des Idealismus. Immer hat das Judentum am Idealismus gehangen, immer sei es gewesen eine Gemeinschaft von Idealisten und Duldern. Auch in den dunkeln Tagen beteten wir für das Wohl und das Glück des Vaterlandes, in dem unsere Vorfahren seit anderthalb Jahrtausend gelebt haben. Vor hundert Jahren zogen jüdische Freiwillige in den Befreiungskampf, für das Vaterland erlitten sie den Tod. Lehrstätte war den Juden das Gotteshaus, Lehrstätte der Nächstenliebe und des Glaubens an den Sieg des Guten. Liebe zu Gott erfüllte die Juden, wenn sie in das Gotteshaus eintraten, erfüllt von der Liebe zu den Nebenmenschen verließen sie es. Gottes Liebe leuchtet über allen Menschen, . wie das ewige Licht hier. Gewiß, wir leben jetzt in einer anderen Zeit, die sich gewandelt hat, aber geblieben ist in uns jener Idealismus, der in uns gelebt hat durch die Jahrtausende.. Das Gotteshaus ist uns zuerst eine Stätte des Gebetes, aber auch eine Stätte des Lichtes, der Lehre, der Wahrheit, der Liebe, des Lebens. Wie nie das Licht in diesem Gotteshause erlischt, so kann auch kein Sturm unsere Vaterlandsliebe erlöschen." Nach einem von Frau P a u l a W e i n b a u m meisterhaft zu Gehör gebrachten Sologesang, hielt namens der Gemeinde Herr Sanitätsrat Dr. Stern eine Ansprache, in der er zunächst die Teilnehmer des Festaktes begrüßte, insbesondere den Vertreter des Kaisers, die Stäats- Provinzial- und städtischen Behörden, die Geistlichkeit der'anderen Kon- ' fessionen und die Vertreter der Vereine. Daraus, daß der Kaiser sich hier durch Exzellenz v. Kessel vertreten lasse, dürfe man aufs neue ersehen, daß, wie wir alle es wissen, dem Herzen des Landessürsten alle gleich nahe stehen ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses. Besonderen Gruß entbot erauchden Vertretern der Neichsbehvrdeu und des Staates. Wie der Staat an der Erhaltung des -religiösen Lebens überhaupt' warmes Interesse bekundet, so liege auch uns an der Erhaltung des religiösen Lebens. Die Vertreter der anderen Konfessionen begrüßte er-gleichfalls herzlich, man müsse sich die Hände ‘ reichen, denn schließlich sei es -doch das gemeinsame Streben aller Konfessionen, " -die'-Menschen höheren sittlichen Zielen entgegenzüführen. Wie das Vaterland,- wie die Vaterstadt Berlin sich zu ungeahnter Entwicklung gehoben, so habe auch die Berliner Gemeinde gleichen Schritt mit dieser Entwicklung gehalten/ Der Zug gehe aus dem' Zentrum der Arbeitsstädt in die Vororte. Die Folge dieser Entwicklung sei. das Erbauen dieses Gotteshauses, das einem dringenden/Bedürfnisse seine Entstehung verdankt. ' Es sei auch/ein Wahrzeichen des religiösen Sinnes, der unsere Glaubensgenossen beseele'und in ihren" Herzen tief wurzle. Dem Bedürfnisse genüge dieses Gotteshaus auch nicht annähernd. Dank aber spreche er allen aus, die mit'gearbeitet, "dieses herrliche Gotteshaus zu errichten. Er schloß mit den Worten: „Möge dies Haus allzeit seine hehre Aufgabe erfüllen, möge es fein eine Stätte der Freude, des Trostes, der Belehrung, der Liebe zu Gott, der Liebe zu den Menschen, der Liebe zum' Vaterlande, der Liebe zum Judentum!" -- Dann trug der Chor den Psalm 84 vor, worauf Rabbiner Dr. H o chf e l d die ungemein eindrucksvolle F e st p r e d i g t hielt. Einleitend gedachte der Geistliche voll Dankes des Gemeindevorstandes und der Baumeister, die das stolze Gebäude schufen, das das Sehnen vieler Brüder und Schwestern zur herrlichen Verwirklichung gebracht habe. „Möge das Bewußtsein, ein tiefes heiliges Bedürfnis befriedigt zu haben, allen zur Genugtuung gereichen. Ein tiefes heiliges Bedürfnis! Mehr als in der kleinen Gemeinde fühle man sich in der Großgemeinde vereinsamt, wo das Hasten und Treiben kaum zu flüchtigem Grnß von Bekannten Zeit läßt. Da ist es das Gotteshaus, das eine Stätte der Pflege des Gemeinschaftsgeistes, des Gemeinschasts-, gefühls bildet, wo die Gemeinde erst zur Gemeinschaft wird. Unter welchen Doräussetzungen lasse sich Pas erreichen? Gott müssen wi"r. hier suchen, weiter nichts. Nicht ohne tiefen Sinn werden unsere Gotteshäuser „Haus der Versammlung" genannt. Hier kommt es uns zum Bewußtsein, daß der Ausbau der Gesamtheit wichtiger ist als das Schicksal des einzelnen, hier wird der Gedanke der Verbrüderung der Menschheit lebendig. In unseren Gebeten ist daher fast überall das Wörtchen „Ich" verschwunden, und' an dessen Stelle das Wort „Wir" gesetzt. Das Mitgefühl.muß. die.kalte Gleichgültigkeit tilgen, allen Werken muß der Gedanke ausgeprägt Jctn, den das Wort des Propheten ausspricht: Haben wir nicht alle einen Vater! Dies Gebot der Nächstenliebe beschränkt sich nicht auf unsere.Glaubensgenossen, sondern auf alle Menschen. Das Judentumschreibt vor, Gottes Erbarmen für alle Völker der Erde zu erflehen, wie schon der weise König Salomo bei der Einweihung des heiligen Teuchels auch für den Nochri, den Fremden, betete. Man soll die Armen ohne Unterschied unterstützen, man soll die Kranken pflegen, ganz gleich, ob sie Glaubensgenossen sind oder nicht. Als kleine Gemeinschaft, die ihre geschichtlichen Erinnerungen pietätvoll wahrt, fügen wir uns der größeren Gemeinschaft des Vaterlandes ein. Wir dienen ihm mit Gut und Blut, im Frieden wie in Zeiten der Gefahr. Wir ehren die Ueberzeugung der anderen, achten die Andersdenkenden .und werden nie die religiösen Empfindungen derjenigen verletzen, die nicht unseres Glaubens sind. Die Versittlichung der ganzen Menschheit ist und bleibt allein unser Ziel." Mit einem Gebet für den Kaiser, in das auch eine Bitte für seine baldige. Genesung von der augenblicklichen Krankheit eingeflochten war, und mit dem ersten Segensspruch über die Gemeinde im neuen Hause-schloß Rabbiner Dr. Hochseld seine ungemein packende Festrede. Dann sang der Chor unter Trompeten-. und Harfenbegleitung das Gernsheimsche „Juchzet dem Herrn", woraus der Einweihungsakt mit einem Postlndium schloß. Die erschienenen Ehrengäste verabschiedeten sich darauf vom Vorstand. Der Herr Generaladjutant des Kaisers, Generaloberst Exzellenz v. Kessel, unterhielt sich vor dem Scheiden aus dem Gotteshaus mit Herrn Samtätsrat Dr. Stern und dem alten Herrn J a c v b y und drückte seine Befriedigung aus über den schönen Verlaus der Feier.

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