Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- Seite 420 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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jeden Vorbehalt zur Verfügung zu stellen.' EineiAüslösung der Synagogenvereine würde aber zu Zuständen führen, die äuchs Mhs öetn? Herrn Verfasser nicht erwünscht sind-...... - :v: Wie sollen Andachtsbedürftige an der Peripherie und in den VoroMkllüHi5e^MWserrM8'öMiM'''k»efrre8rgen^'"' R)ie m weiter Ferne befindlichen Gemeindesynagogen haben fast, gar keine verfügbaren Plätze. . Denn.wenn dieselben auch nicht ständig voll besucht sind, so sind .,doch die Plätze in festen Händen/ und es ist nicht jedermanns Sache, einen, ihm nicht gehörigen Platz zu benutzen, von welchem er - jeden Augenblick von dem berechtigten Inhaber fortgewiesen werden kann.. Der Herr Verfasser, macht für. die unentschuldbare Handlung einzelner die Gesamtheit verantwortlich und verfällt damit in den Fehler, den wir.leider und von jeher von , unseren Gegnern zu beklagen haben. ... Geht man überdies den Dingen auf den Grund, .dann wird man . finden, daß die Drahtzieher jener unschönen Agitation, die den Anlas; zu dem Artikel gegeben hat, nicht in den Kreisen der Synagogenbereine oder der Orthodoxie, sondern bei ehemaligen Säulen des' liberalen Vereins zu suchen sind. ..Es wird deshalb niemand einsallen, den liberalen Verein der jüdischen Gemeinde dafür verantwortlich zu machen. Das Gute, das einzelne Synagogenvereine stiften, soll durch den Schaden, den sie verursachen, reichlich ausgewogen werden. Ja, welchen Schaden verursachen sie denn? Das; sie Andächtsstätten und Neligionsschulen unterhalten und hierfür außer ihren Gemeindesteuern noch erhebliche Mittel aufwenden, kann der Herr Verfasser doch Wohl unmöglich als Schädigung der Gemeinde ansehen. Und nun gar die Angriffe auf die zugezogenen Vorsteher kleiner Gemeinden, von denen er einmal unter 25 Shnagogenbesuchern 12 ermittelt haben will. Ja, woran hat er denn diese ehemaligen Vorsteher kleiner Gemeinden bei seinem Synagogenbesuch erkannt? Ansehen kann man doch niemand, daß er früher in einer auswärtigen Gemeinde ein Amt gehabt hat, und ausgefragt wird er, der doch wohl zum Beten die Synagoge besucht hat, die anderen Besucher auch nicht haben. Seine Behauptung ist daher wohl mehr ein Phantasiegebilde, als der Wirklichkeit entsprechend. Dabei ist aber doch die Frage erlaubt, wieviele von unseren Ehrenbeamten der Gemeinde, Aeltesten, Repräsentanten, Synagogenvorsteher usw. in Berlin geboren sind? Wieviele eingeborene Berliner kümmern sich überhaupt ums Gemeindeleben? Wollte man die Zugezogenen eliminieren, dann würdet; wohl herzlich wenige übrigbleiben, die sich dem Ehrendienste der Gemeinde widmen. Die Angriffe auf die „sogenannten Seelsorger der Synagogenvereine" mögen lieber unerörtert bleiben, denn poeeatur intra et extra murös. Düs Vergehen einzelner Vereine soll damit nicht entschuldigt werden, aber dem Herrn Verfasser muß es doch bekannt sein, das; die Synagogenvereine in ihrer großen Mehrzahl jede Solidarität mit diesen Vereinen abgelehnt haben und deren Vorgehen keinesfalls billigen. Und nun gar der Hinweis auf die Synagogenvereine G. m. b. H., Synagogenvereine auf Aktien usw. Es würde zu weit führen, und den Raum Ihrer geschätzten Zeitung über Gebühr in Anspruch nehmen, diese Angaben nach ihrem wirklichen Wert richtig zu stellen. Es soll jedoch Vorbehalten bleiben, in einer späteren Zeit diese Verhältnisse eingehender zu behandeln und all die vielen „Jrrtümer" zu beleuchten. Inzwischen haben Sie wohl die Liebenswürdigkeit, diesen Zeilen einen kleinen Platz einzuräumen. Hochachtungsvoll * A. Lewinski. der Sitzung der Reprüsentantenversammlung der Berliner Jü- V bischen Gemeinde am 30. Juni 1912, wiedergegeben im Gerneindeblatt vom 12. Juli 1912, wurde seitens einer Anzahl Repräsentanten eine Interpellation an den Gemeindevorstand gerichtet, die sich u. et. mit der Petition beschäftigte, welche seitens des Vorstandes unseres Vereines zur Erhaltung des überlieferten Judentums am 3. März 1912 an die beiden Häuser' des preußischen Landtages und an die Königliche Staatsregierung gerichtet worden war. Die Kritik, welche unsere Petition sowohl seitens der Interpellanten wie des Gemeindevorstandes erfahren hat. Zwingt uns, gegenüber unseren Mitgliedern wie gegenüber derjüdischen Oesfentlichkeit die folgende Erklärung ahzugeben. ... . - 1. Unsere Petition Haben wir eingereicht kraft des jedem preüßi- * schen Staatsbürger verfassungsmäßig zustehenden Rechtes/ (Artikel 32 der. .Verfassungsurkunde für den preußischen Staat.) Gegen jeden Versuch einer Schmälerung dieses verfassungsmäßigen Rechtes, müssen wir von vornherein Verwahrung einlegen.. . 2. Die von dem Begründer der Interpellation, Herrn Dr. Kall i sch e r , ausgestellte- Behauptung:. „Es gibt 'andere Wege/ die Erfüllung wirklich, religiöser Wünsche zu erlangen; sie sind, bei den Gemeindebehörden noch nie vergebens geäußert worden, wenn es in ihrer Macht lag, sie zu erfüllen", steht, wie Herrn Dr. Kalischer bekannt sein mußte,-mit den Tatsachen in schneidendem'Widerspruch. Es seien in aller Kürze nur einige Punkte erwähnt, zu denen unser Verein innerhalb der letzten Jahre Vorstellungen bei dem Gemeindevorstand erhoben hat. а) Gesuch, auf dem Friedhöfe in Weißensee bei Gelegenheit der Errichtung einer neuen Leichenhalle eine Einrichtung zu treffen, die auch den K oh an im den Eintritt in die Halle ermöglicht. . Jj) Protest unseres Vereins. gegen die Annahme der Dr. Cohn- . schen Stiftung, die auf die S a b b a t e n t w e i h u n g seitens jüdischer Handwerkslehrlinge eine Prämie in' Gestalt beträchtlicher Geldun.terstützungen aussetzt. c) Wunsch um Enthebung des Herrn Dr. Kellermann von seinem Amte als Religionslehrer der jüdischen Gemeinde, nachdem K. in Wort und Schrift das Judentum schmähende Aeußerungen getan hatte, und nachdem er durch seine Veröffentlichungen sich zu einem unverhüllten Pantheismus be- . kann! und damit sich selbst außerhalb der Lehre des Judentums gestellt hatte.. б) Gesuch, um Einrichtung von Jugendgottesdiensten an den hohen Festtagen nach. dem überlieferten Ritus. Bis- . her wird der Jugendgottesdienst an diesen Tagen ausschließ- ' lich in einer Form abgehalten, die die Teilnahme gesetzes- . treuer Kreise ausfchließt. Der Erfolg unserer Vorstellungen und Eingaben war in allen diesen Fällen, wo es sich unbestritten um „wirklich religiöse" Wünsche Handelte — die Liste ließe sich noch erheblich verlängern —, vergleiche. Die Eingaben wurden zu den Akten gelegt, während wir eine Antwort überhaupt nicht, oder erst nach Jahren erhielten. Das ist die Behandlung, die die.Gemeindebehörden den Vertretern des überlieferten Judentums innerhalb der Berliner jüdischen Gemeinde seit Jahren angedeihen lassen. Durch die geplante Anstellung der besoldeten Vorsteher mußten wir befürchten, daß die zur Zeit gegen das überlieferte Judentum verfolgte Praxis, von der wir hofften, daß sie bald eine Aenderung erfahren, für unabsehbare Zeiten verewigt werde. Um das zu verhindern, waren wir gezwungen, dem Vorstand aus dem von i h m z u e r st eingeschlagenen Wege zu folgen und um die Ablehnung des von ihm inspirierten Gesetzentwurfes die beteiligten Körperschaften anzugehen. Ob wir damit wahrhaft jüdische Interessen verletzten oder nicht, vielmehr, wie wir glauben, ihnen in hervorragender Weise gedient haben, darüber haben nicht der Vorstand und die Repräsentantenversammlung zu entscheiden; sie sind hier entgegen den elementarsten Rechtsgrundsätzen Kläger und Richter in einer Person, und ihrem Urteil werden wir uns nicht beugen. Auch dann nicht, wenn man, wie es in jener Sitzung leider geschehen ist, unseren Verein und die Mitglieder unseres Vorstandes durch Schmähungen zu verunglimpfen sucht. Wir legen die Entscheidung über , die Berechtigung unseres Vorgehens gegenüber der jahrzehntelang systematisch betriebenen Unterdrückung aller Forderungen des überlieferten Judentumes in die Hände eines größeren Forums: des „Kelal Jisroel". . Eine ausführliche Kritik der in jener Sitzung' aufgestellten Behauptungen behalten wir uns vor. .Die vorliegende, in der ersten, nach den Ferien abgehaltenen Sitzung unseres Vorstandes beschlossene Erklärung soll nur einstweilen zeigen, daß wir nicht gewillt sind,, jene Angriffe unerwidert zu lasten. . Der Vorstand des Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums. ' I. A.:; -:; ," : Moritz A. Loeb, Vorsitzender. . ...