Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- Seite 417 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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sähe ja, wie Peinlich ihr die ganze Angelegenheit wäre. Nein, wenn sie es denn so dringend wünsche, wolle er die Polizei nicht verständigen. Jedoch einen Privatdetektiv müsse er'bei-' ziehen. Deün Paß und Matrikel seien Dinge, die jemand nur nähme, um sie zu mißbrauchen. Dies beruhigte Fräulein Sabine einen Moment. Denn weder der alte Wittelshöfer noch der Herr Max würden sich als Studenten und als Barone Rosenkreutz ausgeben wollen. Dies stand außerhalb jeder Möglichkeit. Dann siel ihr ein, diese wertlosen Papiere könnten von dem Diebe längst beseitigt sein, in der Eile sieht man dergleichen wohl nicht so genau an. Es erschien noch am selben Tage aus Nürnberg ein wohlgekleideter Herr von einnehmenden Formen, bereit, im Hause Elkan den Sherlock Holmes zu spielen. Der Herr' stellte fest, daß der Schreibtisch mit einem Stemmeisen eröffnet sei, einem schon früher benutzten Stemmeisen, denn es hatte keine glatte Fläche mehr gehabt. Er war, wie im stillen Fräulein Sabine, der Meinung, daß weder die Betjuden noch die alte Magd, noch die Elkans sich fürderhin Rosenkreutz nennen wollten und dazu Matrikel und Paß entwendet hatten. . Die Ledertasche des Herrn von Rosenkreutz hatte noch ein zweites Fach. In diesem lag ein Scheckbuch, lagen noch, mehr Geldscheine. So weit hatte der Dieb gar nicht 'gesucht oder es gelassen. Die dreihundert Mark hatten zwischen Paß, Matrikel und einigen belanglosen Papieren gelegen. Obenauf der Paß. Das Weitere war ungesichtet von dem Diebe mitgenommen und sicherlich das Geld als etwas Nebensächliches, aber doch Annehmbares. „Wen haben Sie hier bei sich zu Besuch gesehen?" fragte der Detektiv. „Sind Sie denn sicher, daß an jenem Freitagmorgen die Dinge noch in der Mappe waren?" Dies konnte Herr von Rosenkreutz nicht beschwören. Besuch aber hätte er nicht gehabt außer dem Gymnasiasten Reneß. Der Detektiv notierte sich den Namen. Am andern Tage wußte der Detektiv, daß Reneß eine Ferienreise nach Würzburg gemacht zu seinem Klasfengenossen. Und am Abend fuhr der Detektiv nach Würzburg. In Rebekka-' Elkans Seele war kein Argwohn. Sie rechnete und wartete, bis sie nach Nürnberg konnte, den ersten postlagernden Brief von Eonny zu holen. Erst morgen konnte einer da sein. Seit zwei Tagen besann sich nun die Tante über den Dieb. Rebekka dachte: Wie kann man sich nur so besinnen! Es hat sich ein Einbrecher ins Haus geschlichen, sich über die Zeit, da noch jemand wach war, auf dem Boden versteckt, und des Morgens konnte er leicht einen Augenblick, da niemand um den Weg war, zum Entwischen finden. Alle Tage standen solche Dinge in der Zeitung, wenn man sie denn lesen wollte.. Man sollte sich einen kleinen, braven Hund anschafsen, dachte Rebekka, wenn es plötzlich so unsicher in Fürth wurde. Der wohlgekleidete Herr, dessen Beruf Rebekka nicht kannte, war wieder bei Herrn von Rosenkreutz gewesen.-. Er hatte ihm die Nachricht gebracht, die Rebekka nicht erstaunt hätte, daß nämlich der. junge Reneß sich nur einen Tag bei dem Klassengenossen in Würzburg aufgehalten. Sein weiteres Ziel war eine Spessartwanderung. Nun, in acht Tagen begann das. Gymnasium. wieder, da. würde man. ja sehen. Der wohlgekleidete Herr hatte auch noch von einer bisher ganz unbeachteten Person, der Waschfrau des Herrn von Rosenkreutz, unauffällig erfahren, daß ihr an jenem Freitag, als sie. plaudernd vor dem Haufe am Brandenburger gestanden, der Herr Reneß, aus dem Hause kommend, begegnet war. Wieso er aus die Wäscherin und ihre Wissenschaft gekommen, blieb das Berufsgeheimnis des wohlgekleideten Herrn. Es begab sich, daß Herr von Rosenkreutz das kleine. Alleinsein mit Rebekka Elkan, welches er seit der. Rückkehr des. vööhlgekleideten Herrn aus . Würzburg suchte, fand.. Der Tanten Tätigkeit im Hause Grüntat . schien kein Ende zu nehmen. Sie waren wieder oder immer noch fort.. 7 , ' . . Rebekka hatte. Auftrag, endlich an diesem Abend mit, der christlichen Magd an die Pegnitz , zu gehen^ um das Oster>. geschirr zu reinigen. Es muß dies nach mosaischem Gesetz, fn fließendem Wasser geschehen, und der rechtgläubige Jude verwechselt einen Fluß nicht mit einer Wasserleitung. Man tat dies am frühen Morgen oder im Schutze der Dämmerung, damit man nicht das Gespött von Ungläubigen oder Gassenkindern wurde. Denn die Pegnitz ist kein schöner Fluß uud hat. ein dunkles Wasser. Man mußte zu Hause natürlich alles nachwaschen. Man hing in einem großen Henketkorb das aufgestapelte Geschirr von einer Planke ausan der ein-'eiserner Haken war, in den Fluß. Wenn der Korb später etwas abgetropft hatte, trug man ihn heim. Das Tragen konnte die christliche Magd tun, das Hängen ins Wasser mußte, durch einen Gläubigen geschehen. Vor dieser Arbeit aber wollte Rebekka nach Nürnberg fahren. Jetzt konnte ein Brief da sein- und wenn Rebekka mit der . Ludwigsbahn fuhr, so brauchte sie zu diesem Ausflug vielleicht anderthalb Stunden. Die Tanten mußten es nicht wissen. Der Herr von Rosenkreutz begann, von dem . Diebstahl zu sprechen. Rebekka war ein wenig unruhig, sie wollte doch nach Nürnberg fahren, und . am liebsten um diese Zeit nach Tisch, wo sie oft einen Spaziergang machte, so daß also ihr Fortsein auch der alten Magd nicht auffiel. Bedachtsam sagte Herr von Rosenkreutz: „Ich würde nicht so viel Wert auf die Angelegen- : heit legen, wenn ich nicht dächte, daß es für den, der es getan ., hat, etwas fehr Schweres ist. Irgendein Mensch kommt.leichtsinnig zu einem solchen Tun, und wenn es dann geschehen ist, erhält es plötzlich für ihn Gewicht als eine Schuld, deren er sich schämt, und von der er sich nicht mehr zu befreien weiß. Eine solche Sache kann dem, der sie tat, die Ruhe seines Gewissens auf lange Zeit rauben, wenn er nicht den Mut findet, sie durch ein Geständnis wieder auszulöschen." Herr von Rosenkreutz hatte Rebekka Elkan nicht angesehen, während er sprach. Und auch bei seinem Weiterreden beobachtete er sie nicht. „Sie finden es vielleicht wunderlich, daß ich so von der - Sache spreche, aber wirklich, mich beschäftigt mehr der unbekannte Täter als mein Verlust dadurch. Man beurteilt' ein solches Tun in den meisten Fällen zu hart. Ich finde, man kann nie wissen, ob über dem Menschen nicht ein momentaner Zwang, eine Art fremder Suggestion lag, die ihn zu etwas nötigt, das mit seinem sonstigen Charakter in gar keinem Zusammenhang steht. Ein solcher Mensch sollte sich einem andern anvertrauen, oder wer um sein Tun weiß, sollte ihm helfen, daß er sich ausfpricht." Nun sah Herr von Rosenkreutz Rebekka Elkan ins Gesicht. In Rebekka Elkans Zügen war jedoch nichts zu lesen als eine leichte Verwunderung. Sie dachte, gestohlen ist gestohlen, und ein Dieb ist ein Dieb. Sie fand, daß Herr von Rosenkreutz wohl sehr gut sein müsse, er redete mit einer unbegreiflichen Nachsicht und war doch der Geschädigte. „Ich würde dem Menschen so gern sagen, daß sein Tun vergessen sein soll", fuhr Herr von Rosenkreutz fort. „Er kann nicht Herr seines Willens gewesen sein, und er leidet vielleicht, jetzt in dem Gedanken, man hält ihn für schlecht. Und es gibt doch Menschen, die über solche Vorkommnisse ganz gnders denken." ^Rebekka Elkan wußte nicht zu antworten. Da ging Herr von Rosenkreutz. Ein wenig traurig ging er.