Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- Seite 416 (sequence 8)
- Language
- German
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in 'der Beobachtung zu täuschen, daß die geneigte Stimmung auf dieser Seite in der Zunahme begriffen ist. Diese sichtlich erstarkende Bewegung wird bestimmt in nicht ferner Zeit' soweit' gediehen sein,"daß die Regierung sich dem Gewicht der Tatsachen nicht länger wird verschließen können. ' Aber ' die Befürchtung, daß bei der Besetzung derartiger Lehrstühle' die' doch am meisten dafür berufenen jüdischen Kräfte könnten Übergängen werden -- scheint sie nicht begründet^genug? —^;— — —. -— '— — Wäre sie es, würde sie dann für Berlin etwa weniger begründet sein als für Bonn? ' - ' ' Tatsächlich steht es so, daß einerseits wertvolle Kräfte für diese Wissenszweige zurzeit und jedenfalls noch aus lange hinaus." so gut wie ausschließlich nur auf jüdischer Seite vorhanden sind, und anderseits dringt auch bei den Christen immer stärker das Bewußtsein durch, daß sie über die in Betracht kommenden Disziplinen um besten von den jüdischen Fachmännern belehrt werden können. Was aber im besonderen die Bonner Universität anlangt, so würde an ihr etwaige antisemitische Pseudowissenschaftlichkeit schwerlich einen günstigen Boden finden. Denn wenn an irgendeiner Pflegestätte der Wissenschaft in unserem Vaterlande Milieu und Verwaltung humane sind, ist es an der Bonner Universität der Fall. Noch wirkt an ihr der Geist des verewigten Kurators Rottenbnrg lebendig fort. Kaum ist anzunehmen, daß selbst der Plan der Frankfurter Universität die Bonner Ziele beeinträchtigen wird. Denn die verschiedentlich diskutierte Hoffnung auf eine jüdisch-theologische Fakultät an dieser Universität der Zukunft ist schon darum Phantasterei, weil nach der Versicherung Eingeweihter die Theologie dort überhaupt ausgeschlossen bleiben soll. Zum Schluß noch eine Frage. Die Sachlage schließt keineswegs aus, daß die Lehrstuhlangelegenheit sich allmählich auf die Parole zufpitzen wird: „Nicht in Berlin, sondern in Bonn!" Sollte es dann zweckdienlich sein, es auf die andere Parole ankommen zu lassen: „Entweder in Berlin oder nirgends?" Oder empfiehlt es sich vielleicht, den kommenden Dingen möglichst früh entgegenzusehen und, ehe es zu spät ist, im idealen Interesse nicht bloß des westdeutschen, sondern des gesamten vaterländischen Judentums sich darauf einzurichten? Nkbetcka Llkan. Novelle von Soph ie Ho echstetter. ■ IV. 9 err von Rosenkreutz nickte. Diese Darstellung war bedacht *0 und zuverlässig. „Und am Freit-äg selbst — ich bin schon um elf Uhr vormittags abgereist, und Sie sagen, Sie haben das Zimmer erst in der Dämmerung aufräumen und abschließen lassen — war da ein Fremder im Hause?" „Niemand", antwortete Fräulein Sabine Elkan rasch, „denn die Betjuden waren den Tag über bei Apfelbaums, haben auch dort gegessen und sind erst zum Nächtigen in die untere Stube gekommen." Rebekka Elkan war ans Fenster getreten. Sie wußte, Conny war dagewesen. Er hätte auch für eine kleine Zeit, während sie wartete, das Zimmer des Herrn von Rosenkreutz betreten. Das durfte sie aber nicht sagen. Conny hatte es so dringend verlangt. Niemand sollte ja wissen, daß er noch einmal von ihr Abschied genommen. „Nebekkchen" —. hörte sie die Stimme der Tante —, „du warst doch den ganzen Tag zu Hause am Freitag. Ist gekommen kein'fremder Mensch ins Haus. Wer sollte sein gekommen?' Mer macht kein Geschäfte vorm Fest. Könnte höchstens'sein gekommen eine Magd von Bekannten wegen Mazzes. Hat in der'Küche-zu tun, nicht bei uns in der Stube." Fräulein Elkan sprach den jüdischen Jargon, sobald sie mit Freunden oder^einein der ihrigen redete Rebekka Elkan wandte halb das Gefichü Sie sagten „Kein Fremder war im Hause." Sie log nicht mit den Worten. Aber sie wußte wohl, daß sie im Sinne all der Fragen log. Und nahm es aus sich. Da sagte endlich Herr von Rosenkreutz: „Ich fragte nicht aus Neugier. Kommen- Sie selbst, bitte, in mein Zimmer. Das alte Schloß an der rechten Schreibtischschublade ist aufgebrochen. Wohl mit einem Stemmeisen die Platte etwas gehoben." Fräulein Sabine Elkan stieß einen Ruf des Schreckens aus. Sie folgte Herrn von Rosenkreutz hinüber in fein Zimmer. Wirklich, man sah den Eingriff eines Stemmeisens auf der- Politur, man sah, daß die Platte etwas auf den Holzzargen stand. „Fehlt etwas, Herr Baron?" „Es fehlt mein Paß, es fehlt meine Matrikel an der Universität Erlangen, und es fehlen dreihundert Mark." „Gott der Gerechte — und das in unserem Hause!" schrie Fräulein Sabine Elkan.. Fräulein Sabine Elkan hattesich eingeschlossen. Sie brauchte die völlige Stille zum Nachdenken. Nochmals hatte sie Rebekka . gefragt, nochmals. die christliche Magd.. Es war kein Fremder ins Haus gekommen. Auchkonnte man menschenunmöglich in einem Hause des Brandenburgers in Fürth zu irgendeiner Tag- oder Nachtstunde eine Leiter anlegen und, ohne die verschlossenen Fenster zu verfehren, ins Zimmer steigen. Die christliche Magd war seit sechzehn Jahren im Hause. In ihren untadligen Lebenswandel hinein einen solchen Verdacht zu werfen, wäre Fräulein Sabine Elkan schlechthin eine Gemeinheit erschienen. Sie begriff, was es heißt, wenn ein altes Mensch sein Lebtag hat dienen müssen, um zu existieren, um langsam Mark zu Mark für einen kärglichen Altersfonds zu legen. Eines alten Dienstboten Ehre ist seine Ehrlichkeit. Fräulein Sabine Elkan hätte sich geschämt, auch nur den Gedanken des Verdachts gegen die alte Hanna aufkommen zu lassen. Dieses war erledigt, ohne in Frage zu kommen. Der Konrad, der Reneß, dachte sie flüchtig, Gott sei Dank, er hat sich verabschiedet am Donnerstag. Es blieben die zwei Betjüden, der Wittelshöfer und der Herr Max. Gott möge uns bewahren, wenn es so weit wäre, daß am Schäbbes, am Pesach ein rechtgläubiger Jude ein Geld anrührt. Und daß er gar noch ein fremdes Geld anrührt, es zu stehlen. Wie stände es um den alten Glauben, wenn so etwas am Pesach in der Stadt Fürth Vorkommen könnte. Man müßte zweifeln, daß es noch Recht und Sitte auf Erden gäbe; keine Familie, keine Gemeinde konnte sich er-, innern, daß feit Menschengedenken es passiert wäre, ein Jude hätte am Pesach fremdes Geld angerührt, um es zu stehlen. D^r Herr Max? Fräulein Sabine Elkans Gesicht verdüsterte sich. Der Herr Max war nie bei Kasse. Der richtige Schnorrer. Schon der leichtsinnige christliche Name! Ich tiL ihm unrecht, dachte sie. Und wenn es gewesen wäre, es dürste nicht sein! Von der Schande dürste kein Jude und kein Goj je etwas erfahren. - Und Fräulein Sabine rechnete. Wie oft mußte sie liefern ein Sargenes, bis dreihundert Mark Profit herauskamen — heilige Erzväter, wie oft! Aber trotzdem reiste ein Entschluß bei Fräulein Sabine, und mit diesem Entschluß ging sie - zu Herrn von Rosenkreutz. Der aber lehnte ab.. Keineswegs solle. Fräulein Elkan aufkommen für die dreihundert Mark.. Er