Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- Seite 415 (sequence 7)
- Language
- German
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unserer Darlegungen gekennzeichneten Zeitgeistes, aus der Bedürfnisfrage - der ' allgemeinen Wissenschast. - erwachsen sie rechnet nur mit ihr zu'anders gearteten -Zwecken. ' Insofern befindet diese Bewegung sich in einem, gewissen Rückstand ' gegenüber der Parallelbewegung in-Bonn, die seitens des dortigen' Orientalistenvereins neuerdings für Begründung eines ’ Lehrstuhls der Talmudwissenschast in der Bonner-»philosophischen Fakultät ins Leben getreten, ist und in einem Ansang März d. I. an das Kultusministerium gerichteten Gesuch ihren Ausdruck erhalten hat, das inzwischen auch auf Verlangen des. Ministers von der Fakultät, begutachtet und neuestens ministeriell beschieden würde.-Denn aus Grund genauer Beobachtung' aus nächster Nähe darf versichert' werden, daß diese Bonner Bewegung reinwissenschaftlichem Streben ihre Entstehung verdankt,' also einem mehr innerlichen Moment, während es sich in Berlin um das der Gleichberechtigung handelt, das an sich ja bedeutsam genug, im Vergleich mit jenem aber doch mehr äußerer Natur ist.' ' ' Jn^ diesem Züsämmenh ang dürften einige Bemerkungen über den Bonner Orientalistenverein selbst nicht überflüssig sein: . Ep ist .vor mehreren Jahren an der Universität zu dem Zweck entstanden, den am Orte befindlichen Wissenschaftlern auf den weitaüseinandergehenden Gebieten der orientalistischeN Studien einen Sammelpunkt zu gegenseitiger Aussprache, Belehrung und Anregung zu verschaffen. Dem Verein gehören außer anderen Fachgelehrten und wissenschaftlich vorgeschrittenen Studenten sechs. Universitätsprosessoren an: König, Meinhold, Prym, Horten, Jakobi, Wiedemann. Nachdem Verfasser dieser Zeilen Mitglied geworden war, ist es ihm gelungen, neben dem bereits vorhandenen Interesse für das Alte Testament auch der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem eigentlichen Judentum, zunächst mit der Mischna, Freunde zu gewinnen. Derart ist außer dem sanskritistischen und ägyp- - tölogischen sog. Kränzchen ein hebräisch-aramäisches eingerichtet worden. Letzteres tritt wöchentlich im orientalischen Seminar zusammen. In ihm wurde, abgesehen von der Lektüre alttestamentlicher Bücher, der Traktat Berachot Belihot großenteils durch gearbeitet, während jetzt die Pirke Abot das Studiumobjekt bilden. Der Orientalistenverein hat, wie bemerkt, Errichtung eines Lehrstuhls der Talmudwissenschaft vom Ministerium verlangt. Ist auch die Zeit noch nicht gekommmen, die durchweg interessante Eingabe weiteren Kreisen zugänglich zu machen, so kann es jedenfalls nur von Nutzen sein, wenn die für jene Forderung geltendgemachten Gründe hier im Umriß wiedergegeben werden: - 1. Der Talmud ist der Schlüssel .zur Wesenserkenntnis des Judentums. 2. Die für christliche Studierende besonders großen Schwierigkeiten 'des Talmudstudiums machen den Mangel eines organisierten Unterrichts, um so fühlbarer.' 3. Ersteres hatte man christlicherseits bereits in der Reformationszeit erkannt und zur Behebung der Schwierigkeiten Versuche unternommen, die in den letzten Jahrhunderten leider sallengelassen wurden. 4.. Eine Ueberfülle verschiedenartigsten Sprachguts harrt hiermodern-wissenschaftlicher Durcharbeitung. . 5. Nur quellenmäßige Erforschung des im Talmud zum Ausdruck kommenden räbbinischen Milieus ermöglicht eine Zuverlässige Darstellung der Ursprünge des Christentums. 6. 'Auch 5as Verständnis der Vulgata setzt Belesenheit im - Talmud voraus. . .7. Luthers Übersetzung des alten Testaments ist aus dem Wege über de Lyra durch die rabbinische Bibelauslegung Raschis vielfach beeinflußt. 8. Der Entwicklungsgang der Scholastik knüpft' verschie dentlich an die religions-Philosophischen^Systeme > gewisser - mittelalterlichen Rabbinen an. . 9. Auch der Jslamforscher bedarf talmudischer.Kenntnisse. 10. Die verschiedensten, insbesondere modernen Wissenschaften haben von der Talmudkenntnis noch bedeutende Förderung zu erwarten, so die vergleichende Religionswissenschaft, ganz besonders die vergleichende Rechtswissenschaft; dann die Geschichte der Medizin, die gesamte, kulturgeschichtliche -Forschung. — : . - Es würde der Sachlage kaum entsprechen, wollten die Berliner die Bonner Bewegung als eilte quantit6 ndgligeable betrachten. .• . ■ : . ' . ' ■ Schön der Umstand, daß sie so gut wie ausschließlich von. Christen ausgeht, verleiht ihr, wie die Verhältnisse .bei uns liegen, ein namhaftes Uebergewicht gegenüber der jüdischen, und dementsprechende stärkere Aussichten auf Erfolg. Wirklich, hat ja die Tatsache, daß christlicherseits' von unbefangenem Standpunkt die Errichtung eines Universitätslehrstuhls für jüdische Wissenschaft bei der Regierung verlangt und'betrieben wird, in der preußischen Geschichte keine Präzedenz : aufzu- ^weisen. : ';v /: Weiter. Es ist ja verständlich, daß Berlin, das seit langemzwei Rabbinerseminare besitzt, von der Ansicht ausgeht, gerade der Besitz alter jüdisch-wissenschastlicher Institutionen be-' gründe seinen Anspruch aufneue. Ob das aber eben'in der in Rede stehenden Angelegenheit auch die Ansicht des preußischen Kultusministeriums ist? Hat doch dieses Ministerium an gewissen Provinziäluniversitäten im besonderen' im Hinblick aus das Judentum bisher - schön manches zugelassen, . was es von der Berliner Universität bedachterweise fernhält! . Sollte.aber nicht selbst vom rein sachlichen Standpunkt die These der Berliner Resolution, daß mit Rücksicht auf' seine beiden jüdisch-theologischen Anstalten Berlin der für den ' Lehrstuhl geeignete Ort sei, ziemlich anfechtbar sein?; Im Osten des Vaterlandes soll zu den in Berlin und Breslau bestehenden drei Rabbinerseminaren eine vierte Wegestätte jüdischer Wissenschaft hinzutreten. Die Rabbinerseminare im östlichen Teil der Monarchie erwähnt auch die Eingabe des Orientalistenvereins und hebt demgegenüber hervor, daß im Westen den Jüngern der Wissenschaft keine für die Oeffentlichkeit in Betracht kom-; mende Gelegenheit zu den genannten Studien gegeben sei. Ganz gewiß: der Lehrstuhl ist für unseren Westen unbedingt nötiger als für den Osten. . > . . Mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit ist aus mehreren Umständen zu entnehmen, daß das selbstverständlich geheim ergangene Gutachten der Fakultät geltend gemacht hat, es seien vorderhand einige dort näher bezeichnete Lehraufträge noch wichtiger als die Talmudprofessur, im übrigen aber die Forderung des Orientalistenvereins für berechtigt erklärt hat. In Uebereinstimmung mit. diesem Fakultätsgutachten ist die ministerielle Beantwortung der Eingabe so gefaßt, daß, wenn auch nicht im Augenblick, so doch für absehbare Zeit Erfüllung des Wunsches zu hoffen ist. In jedem Fall geht daraus hervor, daß die vom Orientalistenverein ausgeführten Gründe als sächlich zutreffend erachtet wurden. " Der Orientalistenverein seinerseits ist entschlossen, die Arbeit für den Bonner Lehrstuhl ausdauernd .fortzusetzen. Schon schließen sich der Bewegung außerhalb des Vereins stehende Kreise an. Was speziell die für den Erfolg überaus wichtige private. . Stellungnahme der Bonner Professoren hetrifft, so ist aus diesen Kreisen bisher bereits von den verschiedensten Seiten unzweideutige Sympathie für das Unternehmen des Orientalistenvereins geäußert worden,-und so glauben wir unsauchnicht