Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- Seite 411 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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.-'der Brief Gn eifenaus nn AI7exander I. von Rußland abgedruckt: „Man halte ein Auge aus die Juden" . . Es sind ja bereits mehrere F e st s ch r i s t e n für 1812/13 unterwegs. Aber, wenn man ^Untertitel wählt, wie: „ Mit Mann und Ro ß und Wagen hat -sie der Herr geschlagen!" sollte man zu der bevorstehenden Feier nicht noch die Gegensätze verschärfen/sondern (namentlich für die Jugend) eine sorgfältige Auswahl treffen, damit die allgemeine. Jubel- und Dankseier nicht gestört werde durch Uebermut! ' V. " '■. ■ * . . Von dem Verschwinden zweier beschäftigten Berliner Rechtsanwälte, des von Juden stammenden Justizrats P.. Michaelis und des antisemitischen Rechtsanwalts Bredereck haben wir bisher keine Notiz genommenr Da aber die „Staatsbürgerzeitung". es wagt, für die Versehlungen des letzteren den Juden Schuld zu geben, so gewähren wir nachstehendem Artikel der „Franks. Zeita." Raum: . Endlich wissen wir jetzt, wer die Schuld trägt an den Verfehlungen des flüchtigen, konserdativ^antisemitischen Rechtsanwalts Bredereck und an seinein finanziellen und moralischen Zusammenbruch. Niemand anders ist daran schuld als die — Juden. Dies erfahren wir jetzt aus der „StaatsbÄrgerzeitüng", die zu der Affäre in der ihr eigenen Tonart Stellung nimmt, nachdem sie sich von ihrem ersten Schreck erholt hat. Die Ausführungen des Blattes 'sind so ungemein bezeichnend für das Niveau des Antisemittsmus in geistiger und , moralischer Hinsicht, . daß wir sie hier im Auszug wiedergeben wollen. Es heißt da: „Wir lassen es völlig auf sich -beruhen, inwieweit dieser Mann,^ der eine Zeitlang (!) den Konservativen zuzuzählen war, sich schuldig gemacht hat; wie wollen sogar annehmen, daß der strafende Arm der 'Gerechtigkeit ihn gar nicht schwer genug treffen kann — obwohl mehr als nur Vermutungen dafür sprechen, daß-er, wie schon Bessere vor ihm, jener mammonistischen Umklammerung zum Opfer gefallen ist, die uns Judas Ränke beschieden und die heute leider einen großen Bruchteil deutscher Männer in schmachvollen Banden hält. In den unseligen Verkettungen einer raffinierten ündeutschen. Finanzwirtschaft (!) liegen also die Fallstricke,' die den von uns zur Strecke bringen müssen, der in das orientalische Treiben der Wucherer und Wechsler ohne das nötige steife Rückgrat hineingerät . . . Nur wären Juden und Jüdengenossen die letzten-, die uns diesen Fall zum Vorwurf machen könnten, weil sie es gerade sind, die von unseren Schwächen leben wie die Schmarotzer des Waldes von einer Baumkrankheit . , . Wir fällen schonungslos den kranken Baum, auf daß er andere nicht anstecke; wir vergessen aber darüber .auch keinen Augenblick, die hebräischen Schlingengewächse, Schwämme und Wurzolnager im deutschen Walde auszuroden, die schon so viel Unglück über uns gebracht; wie teuflisch sie uns umranken, das tönt bereits fast aus Schritt und Tritt an unser Ohr." Und nun erzählt/das antisemitische Blatt eine unsäglich alberne Geschichte von irgendeinem : Manne, die mit. dem Fall Bredereck absolut nichts zu tun hat. Dann heißt es zum Schluß: -,Das sind die Stimmen aus einer anderen-Welt, aus einer Welt von menschenähnlichen Wesen, die durch geistige Siriusweiten ewig von uns getrennt bleiben werden." So ist dasAntifsmitenorgan glücklich während der. Besprechung der. Affäre Bredereck bei einer häßlichen Beschimpfung des Judentums angekommen; es erinnert an die düstersten Zeiten eines Ahlwardt, wenn hier den Juden sozusagen ihre Eigenschaft als Mensch abgesprochen wird. Aber weiterhin: ist. es nicht geradezu ungeheuerlich, wenn für den Leichtsinn, die moralischem Haltlosigkeit-'die vom.. Staatsanwalt jetzt steckbrieflich verfolgten Sünden eines gebildeten -und seiner Selbstveranttvortung sich bewußten Mannes, der-weder mit, einer „undeutschen Finanzwirtschaft" verkettet war, noch mit „orientalischem Treiben^ im Zusammenhang stand, eine andere Schicht der Bevölkerung verantwortlich gemacht wird? Alle, sittlichen. Begriffe werden hier vollständig auf den Kopf gestellt. # \ Von der Gen er al v e r s amml um g d er Katholiken Deutschlands, die im August in Aachen stattfand, Notiz zu nehmen, hatten wir keinen Anlaß. Nachträge lich geht uns die Gedächtnisrede auf Kardinal Fischer zu>.die Herr Diözesan Präses Dr. Otto Müller gehalten hat. Nachdem der Redner, den Verstorbenen als Schirmherrn der christ- . lichen Arbeiterbewegung gerühmt' hat, geht er auf feine Bemühungen für das Zusammenarbeiten der Konfessionen und . die Förderung des konfessionellenFriedensein. undbraucht dabei'die folgenden Worte: So kannte man ihn schon, als er noch als Religionslehrer in Essen wirkte. Das beweist die Anhänglichkeit selbst.'evangelischer Schüler, die ihn begrüßten, wenn er späterhin als Bischof die Städte seiner Diözese besuchte. Das beweist U. a. auch das' schöne Bekenntnis des Vorstehers der jüdischen Gemeinde in Köln, das in diesen Tagen durch die Presse ging — ein Zeugnis, das den jüdischen Rabbiner nicht minder ehrt, wie den Verstorbenen selbst. - ' Ueber den Iud en eid in Kro atien schreibt die „A. I. K.": . . . ' Im Jahre 1897 leitete der Vorsteher der Essek-Oberstädter Kultusgemeind^, Herr Dr. Hugo Spitzer, eine Aktion ein, um die Eliminierung des besonderen .Judeneides, aus dem Prozeßverfahren im Wege der Gesetzgebung zu erwirken.. Trotzdem seine an den.Landtäg der Königreiche Kroatien-Slavonien und Dalmatien gerichtete,-erschöpfend mottvierte Petition von allen Kultusgemeinden des. 'Landes gutgeheißen und unterstützt und auch Vom Landtägeder Negierung zur Würdigung abgetreten würde, wollte die Sache nicht vorwärts kommen. Die Landesregierung arbeitete zwar wiederholt Entwürfe aus,-allein der stete Regierüngs- und Systemwechsel brachte es mit sich, daß keiner dieser Entwürfe Gesetz wurde, ja-nicht einmal-zur verfassungsmäßigen Behandlung vor den Landtag .kam. . Nun hat dev königliche'Kommisiar in Kroatien-Slavonien, Exzellenz w Cuvaj, eine Landes - Gesetzgebungs - Kommission eingesetzt, welcher . von kroatisch-slavonischen Juden Vorsteher Dr. Hugo Spitzer, Abgeordneter Dr. Ludwig - Schwarz (Agram) und Bankdirektor Oskar Weißmayer (Efsek) als Mitglieder, angehören, und eine der ersten Arbeiten dieser Kommission war die Schaffung eines Gesetzes zur Abschaffung des Jüdeneides. Der von der Kommission entsendete ' Ausschuß, dessen Präsident Abgeordneter Domherr Dr. Radicevic und Vizepräsident Kultusvorsteher Dp Spitzer ist, hat in seiner am 30. Juli abgehaltenen Sitzung die Regierungsvorlage , in Verhandlung gezogen Und mit einigen Abänderungen angenommen, so. daß bei demdemnächst-zu erwartender:- Zusammentritt.des Landtags das ' Gesetz, mit welchem der Judeneid in Kroatien-Slavonien. abgeschafft wird, endlich zur Tat werden wird. dJ»*» Die Mgnmltrshe-Synsgose in Thsrlottkllburs. m 26. August wurde die neue Synagoge,. das erste Gotteshaus der Berliner Gemeinde,/das in einem Vorort gelegen ist, eingeweiht. Der Vorstand der Gemeinde hat aus Anlaß dieses Festes eine sehr hübsch ausgestattete Festschrift erscheinen lassen, der wir zwei (von den dreizehn) Bilder über die Baugeschichte und eine Beschreibung des Baus entnehmen. '. Der Gemeindebeschluß über den Bau des Grundstücks war am 4. Januar 1906 gefaßt, die Baukosten wurden aus 800 000 Mark festgesetzt, die Aufforderung zur Beteiligung am Wettbewerb, für den 10 000 Mark bestimmt waren,'würde am 14. November 1907 ausgeschrieben. Durch das Preisgericht, dem außer Mitgliedern des Vorstandes .und der Repräsentantellversammlung vier hervorragende Baunreister angehörten, wurden drei gleiche Preise verteilt, drei fernere Entwürfe angekauft. Der Bau wurde einem der- Preisgekrönten, Herrn Ehrenfried Hessel, übertragen, die Bauausführung im einzelnen dem Gemeindebaumeister Herrn Hoeniger. „Die Synagoge-sollte Raum für 2000 Plätze enthalten-sowie - die nötigen Nebenräume, Vorhalle, Garderobe," einen Trausaal und eventuell in einem besonderen Nebengebäude die Wohnung der Angestellten und eine Religiönsschule. ' '