Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- Seite 410 (sequence 2)
- Language
- German
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'‘mit; der Hinterlassenschast des -rntzhr' -alsdreißigjährigek-chami-.. vischen Regimes''aufzüräumen ganz natürlicherweise-schwere 'Kämpfe'auslöste, sondern vor allem, weil die neue Aera eine Fülle'bisher unbekannter Probleme heräufbeschivor. ^Diechäufig gemachte Beobachtung, daß' nach eingetretener Krisis viele--' -früher 'gänzlich -übersehenen Lokalerkränkungen akut wurden, hat sich auch hier wiederholt. Jetzt' erst konnte man erkennen, wie sehr das, Land an allen Gliedern litt. Dazu kommen dann noch die vielen Reizungen und Störungen, die durch den 'Heilungsproze selbst neu verursacht würden. So hat gerade die revolutionäre Bewegung neben den zentripetalen - auch gewaltige zentrifugale Kräfte hervorgebracht; und je mehr Anstrengungen zur Gesundung des - Gesamtorganismus gemacht wurden, desto größer zeigten sich die Schwierigkeiten, die dem hinsichtlich der.Einzelglieder in den Weg traten und den, -Regenerationsprozeß nicht selten nahezu völlig Hintertrieben. .Es waren Schwierigkeiten - mannigfachster. Art: Politische, Wirt-' -schaftliche, religiöse und kulturelle Schwierigkeiten. Vorzüglich aber das Nationalitätenproblem, das sie alle überwog und vielfach in sich einschloß — namentlich soweit die jüdische Frage in Betracht' kömmt. Welche wichtige Rolle das Nationalitätenproblem im Reiche ' des Halbmonds zu spielen berufen, ist,, konnte dem nicht entgehen, der in den Politischen Dingen in Oesterreich einigermaßen Bescheid,weiß. Hat doch die Türkei den. zweifelhaften .Vorzug, mit ihrem Völker- und Sprachengewirr in der Welt voranzugehen und selbst die in dieser Hinsicht als klassisch gel- ' tende. Donaumonarchie noch in den Schatten zu stellen. Da haben wir schon im europäischen Teil des Reiches neben den Osmanlis die Bulgaren/die Serben, die Arnauten oder Albanier, die Griechen, die Kutzowalachen und die Juden. Die asiatische Türkei zählt .außerdem noch Araber, Armenier/Kurden, Levantiner, Tscherkessen, die ihrerseits wiederum in soundsoviele Untergruppen weiter zerfallen. Von besonderer Schwierigkeit erweist sich dabei das Nationalitätenproblem, wenn man die. Kopfstärke der einzelnen Völkerschaften in Erwägung zieht. Ziffernmäßig genaue Angaben lassen sich freilich hierüber nicht machen; dazu fehlt es in der Türkei noch immer an zuverlässigen Volkszählungen. Die Eesamtbevölkerung des osmanischen Reichs wird mit 30 Mill. angegeben. Etwas höher käme allerdings eine Schätzung, die auf-den von der Regierung vor den Parlamentswahlen. getroffenen- Aufstellungen beruhen soll. Danach beträgt die Kopfstärke der männlichen Bevölkerung über 16 Jahre 12,5 Mill. Hiervon entfallenwenn wir von der Aufzählung einiger kleinerer Gruppen absehen, auf die einzelnen Nationalitäten folgende Ziffern: Araber 5 000 000, Türken 2 860 000, Bulgaren und Griechen i 050 000, Bosnier und Serben 700 000, Albanier 650 000, Kurpen 650 000, griechische Orthodoxe 500 000, Armenier 450 000, Juden 350 000, Tscherkessen 100 000. Was hier sofort ins Auge springt, das ist das Fehlen einer durch ihre numerische Ueberlegenheit von Natur aus zur Hegenomie vorbestimmte Rasse. Und daß die der Rasse nach, eine Minderheit bildenden Türken gerade durch geistige Auszeichnungen zur Herrschaft über die anderen Völkerschaften besonders.qualifiziert sein sollen, wird man wohl nicht ohne weiteres behaupten können. , (Schluß folgt.) Me Mache - Berlin, den 27. August 1912, ' eber die in diesen Blättern oft genug behandelte Zurücksetzung de r I u d e n im p reußi sch e n Heere veröffentlichte'das „Berl. Tageblatt" vom 22.-August einen Leitartikel , von Georg Gothein. Darin werden die ' Debatten des letzten Reichstags noch einmal behandelt, die Fälle kritisiert, wegen deren zwei Juden ausgeschlossen wurden, '-"und die Antworten' des Kriegsministers einer scharfen Kritik unterzogen. Es wird namentlich betont, daß die- Kon- . fession daseinzig wirkliche; Hindernis der Beförderung bilde, daß die Taufe alle sog./Gründe vernichtete. Der beachtenswerte Artikel, der den Ausschluß der Juden als „berfassungswidrig" kennzeichnet, schließt mit folgenden Sätzen: -; Daß darunter die innere Wahrhaftigkeit, das Gefühl für Recht, wie für Ehre, das auf der Wahrheit und Ehrlichkeit beruht, schwer leiden muß, ist klar. Daß aber auch das Ansehen des Offizierkorps bei anderen Nationen leidet, die den, Antisemitismus, diese Schmach des Jahrhunderts) wie ihn Kaiser Friedrich genannt hat. als eine traurige Kulturrückständigkeit empfinden, müßte man sich auch in den -leitenden Kreisen unseres Heeres sagen. . Ist es schon ein schreiendes Unrecht, daß man der Religionszugehörigkeit wegen einen Teil unserer Mitbürger von der Offizierslaufbahn ausschließt,' so . ist doch, die Nichtzulassung zum Reserveoffizier das Unerhörteste. Denn jeder einzelne muß dienen; er hat nicht die Mahl, es zu tun. oder zu lassen. Wenn ihn aber der Staat zum Heeresdienst zwingt, so muß er ihm unbedingt auch die Möglichkeit geben, die- Stellungen darin zu erlangen, die jedem anderen zugänglich sind. Der Ausschluß der Juden von der Stellung des Reserveoffiziers ist der schreiendste Akt der Ungerechtigkeit, den die Reaktion sertiggebracht hat; er ist ein ständiger Bruch , der Perfassung,, ein Hohn auf den Begriff des Rechtsstaats, ein Rückfall in die Unkultur, der Preußen an die Seite des von den echtrussischen Leuten geleiteten Rußland stellt. Es ist ein Zustand, den die' .große Mehrheit des Reichstages stets aufs schärfste mißbilligt hat, den sie mit Scham empfindet, den zu ändern sie aber bisher nicht, den Entschluß gefaßt hat. Dieser Entschluß müßte darin bestehen, jedem Kriegsminister das Gehalt zu verweigern, der nicht radikale Abhilfe schafft, der nur mit Worten, nicht aber mit Taten die Verfassung hochhält.; Von Herrn M. Friedbe^g erhalten wir folgende Zuschrift: . . . .;;. Im Anschluß an die Notiz in Nr. 31, Seite 364, über Antisemi-. tismus in den Festspielen und bevorstehenden Z entenaber in n erringen a n 1812/13 erlaube ich mir auf folgende, vielleicht unbeabsichtigte „politische Brunnenvergiftung" aufmerksam zu machen. Der Leipziger Lehre r v e reim gibt für die Jugend ein Buch heraus,'das mit dem Völkerschlachtdenkmal auf dem Umschlag und vielen Illustrationen - (bei denen Professor Arthur Kamps-Berlin/ Akademiedirektor Haug-Stuttgart und andere Berater waren' und zu denen auch das HohenzollernMuseum in Berlin, das Leipziger Museum und andere beigesteuert haben), also sehr vornehm ausgestattet ist, und das in den Schulen bei der Hundertjahrfeier nicht nur in Leipzig eine . Rolle spielen wird. Da es eine An th olo gi e ist, liegt an einigen Stellen wohl mehr Unachtsamkeit vor, die bei späteren Auflagen verbessert werden kann. Aber was soll es. bedeuten, wenn aus einem 1910 bei Creutz in Magdeburg erschienenen „patriotischen" Buch von I. I. Wachsmuth in diese Leipziger F e st s ch r if t für Schulkinder antiquierte Stellen vom Leipziger Lehrerverein ausgenommen worden sind, in denen Seite 159, Seite 462 ein jüdischer Leutnant in Rußland 1812 (?) als Shylock bezeichnet wird, er plündert die Soldaten aus; auch eine Zeile auf. Seite 310 ist antisemitisch . . . Wohltuend berührt dagegen aus dem Aufsatz von E r ck m a n n - C h a t r i a n „Zum Militärdienst gepreßt" der Anruf: „Bruder Juds oder Brüder Christ"! Gar nicht benutzt ist in dem Teil über 1 '812 in dem Ehrenbuche (für, meine honarfreie Mitarbeiterschaft hat mir der Leipziger Lehrerverein seine Anerkennung ausgesprochen) das sehr interessante Tagebuch eines aus Rußland zurückgekehrten deutschen Soldaten, das in der bekannten Winterschen Universitätsbuchhand lang in H e i d el b e r g erschienen ist, und das die Hilfsbereitschaft d er rufsifch en und d eutschen Juden in jenen schweren Tagen beredt schildert . . . Seite 127 ist