Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese . Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch-: Handel o'er die Post (in Berlin und vor-' orten purch unsere veririebsstellen) bezogen vielteljährlich S M. — Postscheckkonto 32t. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson ' Unter Leitung des ' 2 3; { Geheimen «egierungr-Ratr Professor Dr. Ludwig Geiget Verlag: Huäolk Mosse, Berlin, Jerusäleiner Strasse 46/40; . Alle Zusendungen für Redaktion und - Expedition sind an die Adresse: Verlag' der »Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße ^6/^9, zu richien. - Verlag von Rudolf Altösfe, Berlin. Die problematische Türkei und das jüdische Problem. Von Dr. Alphons I. Sufrnrtzki. — Die Woche. — Die Fasanenstrciße - Synagoge in Charlottenburg. — Der Talmud und die Medizin. Von Rabbiner Tr. S. Friedmann in Lublinih. — Unbekanntes von Heine. — Die Wissenschaft des Judentums und der Bonner Orientalistenverein. Von Rabbiner Tr. E. Kalischer. — Feuilleton: Rebekka Elkan. Novelle von Sophie Hoechstetter.' — Literarische Mitteilungen.' — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gerneiirdebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Juden» tamsE). Berlin,' Königsberg i. P., Kattowitz/ Breslau. Dresden, Offenbach a. M., Dietz. a. L., Wien, Budapest, Bukarest, Pari?, Nerv York. — Von Nah und Fern. Die prllblemstilche Türkei und das jüdische Problem. 'Von Dr. Alphons I. Sußnitzki. Unter dem alten Regime'gab es keine türkischen Fragen. Da gab es nur eine türkische Frage: die Türkei s e l b st. Als ein staatliches Gebilde, das dem durch die Geschichte gebotenen Entwicklungsprozeß in keiner Weise Rechnung trug; als ein Gebilde, das, um in der Sprache jener i natürrechtlichen Fiktion, die bei. der Staatswerdung die Menschheit aus einem Zustand 'des Anarchismus in den des ' Absolutismus übergehen laßt, zu reden, sich an der Schwelle dieses Ueberganges zu befinden schien,, wobei nicht einmal gesagt werden konnte, ob mehr das anarchische oder das absolutistische Stadium überwog —, war das Osmanenreich dem Untergang verfallen. So hat die Türkei allein in Europa während der letzten hundert Jahre Griechenland und Bessarabien, Rumänien, Bulgarien, Serbien und Montenegro sowie Zypern,-Bosnien u.nd die Herzegowina, also mehr als zwei Drittel ihM" Warnten 'europäischen Besitzstandes, eingebüßt. Daneben gingen dann noch die gewaltigen Verluste an der afri- - kanischey Hüste« um.dexenketzte Besitzrestedärtgexade..jetzt die Türkei einen vergeblichen ^Kämps führt. Und mit dem' Regierungsantritt- AbdulHWrids/dieser.stärksten Verkörperung orientalischer Despotmherschast,, geriet das Reichin einen förmlichen Auflösungs- und marasmusartigen Zersetzungs- Prozeß: es war der kranke Mann am Bosporus, an Geist und Körper krank, wmf. selbst die geschicktesten.^diplomatischen Mor-! PhillmemsPritzünMn ' - und/staatsmänpiHem. Kampferinjektionen das Leben mühselig verlängern,michtimehr dauernd erhalten konnten- -Wer aber so in-der-Agonie liegtbei dem fragt män nicht nach Zatznwch; >Kopsschmerzestmdem Ohren-f reißen. -Die-Türkei<.wär-Mon^saMzuMsMmbolgMorden:.^ als anachronistisches-Ueberbleib.seb .aus Veschwundener-Zer und.! als. warnendes BeiMG äMderMWePOHvilisierten Europas. Für die Juden kam der osmamsche Staat kaum in Be- , tzäHMHewiß Hattestsie MihnrBHHWgepz>abex-;diesest>Wen> gagz^akzrdenteller Natur."-'Päiäfklna/'das'Mpo. ihxG' Sehn-' sÜchtAbildete eLn^WviEdestWOeU wiöInöerw'sle hortAerN ^.bindWgenMuteHielten, traten. sie.notwendig, auch. nüt dieser in Berührung. Das Mutterland selbst jedoch galt den Juden, je nach' dem Temperament und der Politischen' Einsicht bald als Mantite 'nög;ji§eadle, bald als nöli me fähgereJ Sie' konzentrierten ihr Interesse und ihre Aufmerksamkeit -ausschließlich auf das Heilige Land/in der Hoffnung, mit dem Schlendrian in der Türkei über kurz oder läng leicht fertig zu werden. Oderabest siegingen^ diesem^ Schlendrian ängstlich aus dem Wege, ohne vostihm etwas wissen zu wollen. Selbst die im Lande ansässig-waren, fühlten sich dort fremd,, und von wenigen Ausnahmen abgesehen, zogen sie es auch vor, als Fremde zu leben. Es muß auf dieses Verhalten der Juden unter dem alten Regime in der Türket hingewiesen werden, weil sich dadurch die Tatsache erklärt, warum sie nach der Politischen Umwälzung aus der für sie günstigen Situation so wenig profitiert haben. Sie vermochten daraus keinen Nützen zu ziehen, weil sie für die neugeschaffenen Verhältnisse in keiner Werse vorbereitet waren. Als ich in Konstantinopel war, erzählte mir ein guter Bekannter, Paul Nathan hätte wenige Wochen noch vor dem Ausbruch der türkischen Revolution ihm gegenüber die Meinung geäußert, daß für absehbare Zeit in der Türkei politische Ueberraschungen nicht zu erwarten wären. Dr. Paul Nathan ist ein großer Kenner des Orientsein Kenner aus eigener Anschauung -—so unvermutet trat die neue Aera im Reiche des Halbmonds ein. Dadurch wird mit Bezug auf die dortige Judenheit manches begreiflich, wenn auch nicht alles gerechtfertigt. . . . Nun kam mit einem Male der gewaltige Umschwung. Das alte Regime wurde gestürzt-- Abdul Hamid wurde abgesetzt und ein neuer,'moderner Geist begann auf der Hohen Pforte zu wehen. Dies hatte denn auch bald eine, Sinnesänderung der - Juden zur Folge. Man erinnerte daran, daß gerade die Tür- . kei sich von jeher durch Toleranz und Vorurteilslosigkeit aus- ' gezeichnet hatte und den Juden schon zu der Zeit, wo sie in der . christÜchen Melk nochunter den schwierigsten Verhältnissen lebten, vollständige-Gleichberechtigung mit den anderen Bürgern einzuräumen sich bereit fand. . Man hob hervor, daß es ein türkischer Sultan war, der einst .das schöne Work, sprach: Der König Ferdinand von Spanien könne doch unmöglich, wie behauptet wird, klug sein, da er Ne-Juden aus seinem Lande vertreibt und. dadurch sein- Land verarmen läßt; ich will sie lieber in mein Land aufnehmen, nur mein Land auf diese Weise reich zu machen. Undman unterließ schließlich . nicht den^ Nachweis zu führen, wie sehr das osma- - mischeReich, einmal in der Entwicklung: begriffen/ iü jeder Beziehung.'-die;Voraussetzung. biete, als günstige Zufluchtsstätte . weit umfassendes Reservoir, für die Juden anderer Länder zu . dienest.- Aber wie wirksam auch das demokratische Elixier sich ' erwies, so ist dleWstderbelebüng des Staatskörpers doch ,nicht; WreHWe Erschütterungendes gesamten sozialen. Organis- . mus.voxAch. gegaygen^Nicht allein, weil'die Notwendigkeit, Jl ''M Wh ''I : Wl m il