Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-08-23 · Heft 34 (23.8.1912) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 34 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229015-3229050--68728-3281002
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Umfang und Verteilung des gesamten Lehrstoffes für die sechs unteren Jahrgänge decken sich mit den Einrichtungen an den städtischen Bürgerschulen, nach Maßgabe des „Lehrplansfür die Bürgerschulen in Franksurta. M." aufgestellt von der städt. Schuldeputation und genehmigt durch Verfügung der Königl. Regierung zu Wiesbaden im Jahre 1907.' Den kombinierten Oberklassen liegt ein besonderer Lehrplan'zugrunde, der an der Hand des städt. Lehrplans ausgearbeitet und von'den voxgesetzten Behörden im Jahre 1909 genehmigt wurde. Für ^en Religibnsunterricht (Hebräisch und -Religion) wurde, im vorigen Jahre,^der Neueinteilung entsprechend, ein neuer Lehrplan entworfen, der in zwei auseinanderfolgenden Schuljahren probeweise durchgeführt werden sollte, Bei allen Unterrichtsfächern, außer Hebräisch und Religion, werden dieselben Schulbücher wie in den städtischen Schulen benützt. 47 Kinder, deren Eltern die Beschaffung der sämtlichen Lernmittel zu schwer fiel, erhielten von der Schule Schulbücher, darunter waren 21 Kinder,- denen die sämtlichen Schulbücher verabfolgt wurden. Das Schuljahr begann am 2. April v. I. .Die Schule zählte am 1. Februar 381 Kinder, 188 Knaben und. 193 Mädchen. Am Schlüsse des Schuljahres werden nach erfüllter Schulpflicht 23 Knaben und 24 Mädchen entlassen. Die Schulleitung hat sich.-wie in den früheren Jahren wieder bemüht, den austretenden Kindern und ihren Angehörigen bei der Frage der Berufswahl und bei der Erlangung geeigneter Lehrstellen beratend und helfend zur Seite zu stehen. Es ist ihr in 5 Fällen gelungen. Passende Stellen zu vermitteln. Im Lause des Schuljahres 1911'traten acht Kinder in hiesige höhere Lehranstalten ein. Ein Schüler besucht seit Oktober vorigen Jahres die Präparattdenanstalt zu Höchberg. Auf behördliche Anordnung hin werden zum Schluß des Schuljahres drei Kinder der Hilfsschule überwiesen werden. 16 Schülerinnen der oberen Klassen beteiligten-sich an dem von der „Jüdischen Haushaltungsschule" eingerichteten Schulküchenunterricht. Der Stundeirplan der Schule wurde so eingerichtet, daß die Teilnehmerinnen keine Schulstunde versäumen mußten. An der Schule wirken acht Lehrer und zwei Lehrerinnen. — Würzbrrrg, 16. August. Die schon längst erwarteten neuen . Bestimmungen über die Ausbildung der Lehrer in B a y e r n sind nun erschienen und in Nr. 25 des - Kgl. Bayer. Ministerialblatts für Kirchen- und Schulangelegenheiten vom 2. August dieses Jahres veröffentlicht worden. Die einschneidendste Aenderung besteht' in der Erweiterung der Ausbildungszeit mm ein Seminarjahr." Aus 'die -jüdischen Verhältnisse ist immer entsprechende Rücksicht genominen, so hinsichtlich der Bestimmungen über Religionsunterricht/ über Orgelspiel usw. Doch dürste für die drei jüdischen Lehrerbildungsanstalten in Bayern, die Präparändenschulen zu Burgpreppach und zu Höchberg und das'Seminar zu Würzburg die Neuordnung noch zu. schwerwiegenden Konsequenzen führen. Die jüdische Lehrerbildung umfaßte nämlich bis jetzt schon 6 Jahre gegen die 5 der staatlichen Anstalten, weil die intensive-Ausbildung in den jüdischrabbinischen Disziplinen entsprechend mehr Zeit erforderte. Die jüdischen Anstalten haben sich Nun die Fragen vorzulegen: Soll ein . siebentes Bildüngsjahr eingesührt werden? Oder soll der Religionslehrstosf gemindert werden? Oder wird es möglich sein, ohne daß Stosfüberbürdung eintritt, auch jetzt mit 6 Jahren auszukommen? Da die "Neuorganisation für das nächste Schuljahr zunächst nur im 1. Präparanden- und 1. Seminarkürse einzusetzen hat, wird sich vielleicht nach sachdienlichen theoretischen Erwägungen eine praktische Lösung der schwierigen Fragen im Laufe der Zeit ergeben. — Nürnberg, 16. August. Am 11. d. M. wurde in Gegenwart einer überaus großen Trauerversammlung, unter welcher sich in erster Linie zahlreiche Vertreter der Stadt und Aerzte befanden, der so Plötzlich verstorbene Gemeindebevollmächtigte und Oberarzt am städtischen Kran!- kenhause, Herr Dr. Jos. Neuberger, auf dem israelitischen Friedhof zur irdischen Ruhe bestattet. Herr Rabbiner Dr. H e i l b r o n n führte in seiner Gedächtnisrede, die in der Halle gehalten wurde, aus, daß die Trauer um den Verblichenen weit über dessen Familie hinausgehe, denn um ihn trauern die Berussgenossen und die Gemeindevertretung der Stadt, da er im Rate derer saß, welche das Wohl der. Gemeinde beraten, und er seine ärztliche Kunst voll und ganz in den Dienst des Gemeinwesens gestellt hatte/ Man kann von dem Verstorbenen mit Jesaias sagen: Er war ein Edler, der Edles ersann, und der das edle Werk, das er ersann, auch aussührte. Er war aber auch der Arzt der Hilfe, der überall da,, wo Armut und Elend die Hand entgegenstreckten, nicht nur mit ärztlichem Beistand zur Seite war, sondern auch die Mittel bereitstellte, das Elend zu lindern. Es dürfe aber ferner nicht vergessen werden, daß der Verewigte den Bestrebungen des modernen Judentums das . regste Interesse entgegenbrächte: Der zweite Vorstand des Gemeindekollegiums, Herr. Dorn, schilderte die uneigennützige Tätigkeit des Dahingeschiedenen in den Ausschüssen sowohl wie in dem Gemeindekollegium überhaupt. Besondere Verdienste aber müßten dem Verstorbenen auf dem sozial-hygienischen Gebiet zugesprochen werden, woselbst er für alles eintrat, was'er als^Arzt und Mensch für notwendig hielt. Der Leiter des städtischen Krankenhauses Herr Professor Dr. Müller rühmte die rasche Auffassungsgabe und Opferwilligkeit des Verstorbenen, der für jedes der Allgemeinheit dienende Unternehmen leicht zu gewinnen war. Wärmster Dank gebühre ihm für all das segensreiche Wirken an und für die Anstalt, inderen sowie im Namen der Oberärzte vom Redner ein Kranz an der Bahre niedergelegt wurde. Herr Krankenhausverwalter Lini legte namens der Verwaltung des städtischen Krankenhauses und deren.Beamten einen Kranz nieder und rühmte das ' überaus freundliche und dienstbereite Entgegenkommen des Entschlafenen, der den Dienstverkehr zu einer Freude machte. Herr Hofrat Dr. Goldschmidt widmete dem Kmnpser für Standesehre und den Zusammenschluß der Aerzte namens des Präsidiums der Aerztekammer von Mittelfranken einen Kranz und legte einen weiteren im Auftrag des Vorstandes und der Mitglieder des ärztlichen Vereins nieder... Herr Dr. Mainzer sprach namens des Aerztlichen Bezirksvereins Nürnberg ' sowie des Vorstandes des Verbandes deutscher Aerzte zu Leipzig, welch letztere Korporation fast nur sein Werk gewesen und für das er lebte bis zu seinem Ende. Herr Gemeindebevollmächtigter Dr. Herbst widmete im Namen des Lokäkausschusses der Fortschrittlichen Volkspartei dem Förderer des liberalen Gedankens einen Kranz. Von dem Verstorbenen konnte der Satz gelten: Ich verbrauche mich, indem ich anderen diene. Herr Rechtsanwalt Dr. Ehr. Kühn legte im Auftrag des Vorstandes des Fortschrittlichen Volksvereins einen Kranz nieder Und führte aus, daß Selbstlosigkeit, Aufrichtigkeit, Opferfreudigkeit und Treue, diese in unserer kalt berechnenden Zeit so seltenen Eigenschaften, die Grundpfeiler von Dr. Neubergers Wesen waren. Er war ein feuriger Kämpfer mit einem warmen, blühenden Herzen. Der Verewigte liegt auf der Wahlstatt. Mögen alle als Zeichen der Dankbarkeit in seinem Sinne weiter arbeiten an dem großen Werk des Ausbaues des Liberalismus. Zum Schluß sprach noch Herr M. S p ät h im Namen des Fortschrittlichen Arbeitervereins und rühmte die ersprießliche Tätigkeit des . Verstorbenen in diesem Verein. Unter dein üblichen Zeremoniell erfolgte dann die Beisetzung. . Gesterretch-Angarn. E. 3. Teplitz-Schörmrr, 16. August. Eine in Hamburg erscheinende antisemitische Zeitung, die Deutschsozialen Blätter, verösfentlicht ein Verzeichnis „Judenreine Bäder und Sommerfrischen". In diesem Verzeichnis kommt auch unsere Badestadt, und zwar mit der Bemerkung vor, daß Auskunft der Deutsche Ortsrat in Teplitz erteilt. Hieran knüpfte die. Selbstwehr in ihrem Leitartikel vom 2. August Glossen, die sich gegen Teplitz und den Deutschen Volksrat richteten. Der Deutsche, Ortsrat in Teplitz ist nämlich ein Glied in der Organisation des Deutschen-Volksrates, und in dieser Eigenschaft als einer nationalen Schützorganisation soll die Förderung parteipolitischer Interessen und insbesondere eine antisemitische Stellungnahme sernliegen. — Jüdische Vertreter im Stadtverordnetenkollegium drangen daher auf Klarstellung mit dem Erfolg, daß der hiesige Orts- . rat sowohl den Deutschsozialen Blättern als auch der Selbstwehr eine Berichtigung zugehen lie.ß Die Berichtigung geht dahin, daß der Ortsrat jener Notiz vollständig fern steht. Um das Interesse, welches die Stadtvertretung selbst an der Berichtigung nimmt, zu dokumentieren, ist dieselbe vom Bürgermeister mit unterzeichnet. Es muß nicht erst ausdrücklich betont werden, daß in Teplitz Badegäste aller Konfessionen willkommen sind. 'Die Bevölkerung unserer Stadt besteht zu 10. pCt. aus Juden, und von den Badegästen gehören mindestens 20 pCt. unserem Glauben an. Hier wird seit acht Jahr-, zehnten mit großen Opfern ein Badehospital, für arme Israeliten . erhallen. Noch me war hier ein jüdischer Kurgast wegen seines Glaubens einer Verunglimpfung oder auch nur Zurücksetzung ausgesetzt. Der unter, dem Deckmantel der Anonymität und unter Mißbrauch des Namens des Deutschen Ortsrates unternommene Versuch, Teplitz als sogenannten judenreinen Kurort hinzustellen, richtet sich durch seine Lächerlichkeit. Vor fünfzig Jahren sang ein hiesiger jüdischer Arzt und- Dichter, Dr. Schmelkes, dessen Andenken zu Ehren vor kurzem eine Straße in Teplitz „Schmelkestraße" benannt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.