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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-08-23 · Heft 34 (23.8.1912) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 34 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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wurde: „Die Quellecheilt der Menschen Gebrechen, — Fragt nicht, ob's Deutsche oedr Tschechen, — So heile auch du.- mein Vaterland deine Nationen, — Frag nicht nach den: Namen und nicht wo sie wohnen." Bon der Verwirklichung des Patriotischen Wunsches des Dichters sind wir heute wohl noch weit entfernt. Jedenfalls werden aber die Vertreter der jüdischen Bevölkerung in Teplitz darüber wachen, daß, soweit es sich um Kranke handelt, die'hier Genesung von ihrem Leiden suchen, wenigstens in unserem Kurorte im Sinne dieser Verse nie ein Unterschied Zwischen Nationen und Konfessionen gemacht werden wird. — Budapest, 16. August. Se. Majestät hat, wie das ungarische Amtsblatt mitteilt, dem Kouuirvmer Oberrabbiner Dr. Armin Schnitzer in Anerkennung seiner langjährigen und hingebungsvollen Tätigkeit das Ritterkreuz des Frnnz-Joseph-Ordens verliehen. Schnitzer, der heute im 76. Lebensjahre steht, ist'nicht nur eines der ältesten, sondern auch eines der verdientesten und sympathischsten Mitglieder des ungarischen Rabbinerkorps. Seit nunmehr einem halben' Jahrhundert waltet er ununterbrochen als Seelsorger der Komaromer israelitischen Gemeinde, und er erfreut sich der Verehrung und der Liebe sämtlicher Kreise der Stadt. Ein gebürtiger Mährer, hat er sich die ungarische Sprache derart. angeeignet, Daß er auch in dieser einer der eloquentesten Kanzelredner ist. Dabei entfaltet er auch eine umfassende literarische Tätigkeit und hat nebst zahlreichen Predigten vor einigen Jahren sehr interessante Memoiren veröffentlicht. Es ist nicht die erste Auszeichnnng, die dem Oberrabbiner Schnitzer von Allerhöchster Stelle zuteil wurde; schon als er sein 25 jähriges Seelsorgerjubiläum beging, verlieh ihm der König das goldene Verdienstkreuz mit der Krone; damals zeichnete ihn auch Moritz Jokai — bekanntlich ein gebürtiger Komaromer — durch ein warm gehaltenes Gratulationsschreiben aus. Er nimmt auch am öffentlichen Leben hervorragenden Anteil; so ist er Mitglied des Munizipalausschusses, des städtischen Schulstuhls, Präsident des Landesrabbinervereins usw. —Der Franz-Joseph-Orden wird A. Schnitzer nächste Woche im Rahmen einer großangelegten Feier vom Obergespan überreicht werden. — G. Maramarossziget, 16. August. Am 5. d. M. ist, wie bereits gemeldet, die Ortschaft Fal'uszlatina, Komitat Maramaros (Ungarn) n i e d e r g e b r a n n t. Nahezu 50 jüdische Familien mit 300 Seelen haben ihr ganzes Hab und Gut erloren. Diese gehören der allerärmsten Klasse an. Es sind nämlich T a g l ö h n e r, die vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein in der Stadt Maramarossziget vor der allerschwersten Arbeit nicht Zurückschrecken, um für ihre Kinder und Frauen das trockne Brot ehrlich zu verdienen. Am 5. d. M. in der Mittagsstunde ist das verheerende Feuer ausgebrochen. Die Häuser sind aus Holz gebaut, und da die Erwachsenen fern vom. Hause in der Arbeit waren, so konnte nicht einmal das Allernötigste gerettet werden. Die Häuschen sind bis zum Erdboden samt der .armseligen Einrichtung, selbst Bettzeug, eingeäschert. Es ist ein jammervoller Anblick, wie diese zumeist von armen Juden bewohnte Ortschaft dem Erdboden völlig gleich geworden ist. Hunderte von Kindern lausen aus der Straße herum und schreien um Brot. In Maramarossziget hat sich noch am selben Tage ein Hilfskomitee gebildet mit dem Oberrabbiner Dr. Samuel Danzig au der Spitze, der mit Aufbietung seiner ganzen Autorität diesen Bedauernswerten sich annimmt. Zur sofortigen Hilfe wurden in Maramarossziget mehrere hundert Kronen, Nahrungsmittel, Kleider und Wäsche gesammelt. Das Elend und die Not dieser Allerärmsten ist aber so groß, daß sie gezwungen sind, die Hilfe aller edeldenkenden und mitleidempfindendcn Glaubensgenossen anzurusen, daß es ihnen wieder ermöglicht werde, für ihre Kinder und Frauen das tägliche Brot zu . erschwingen. Spenden nimmt Oberrnbbiner Dr. Samuel Danzig, Maramarossziget, entgegen^ Portugal. - z. Lissabon, 16. August. In unserer Stadt wird demnächst aus dem vornehmsten Platze, auf welchem sich auch die Kathedrale befindet, ein Monument zum Andenken des portugiesischen Dichters Antonio Jose da Silva enthüllt werden. Antonio Jose da Silva wurde im Jahre 1705 in Rio de Janeiro als Sohn eines berühmten jüdischen brasilianischen Advokaten am 8. Mai geboren. Beide Eltern waren Marannen, die mit Gewalt zur Taufe geführt wurden. Im Alter von 8 Jahren kam Antonio Jose in Entsprechung eines Ediktes des Königs Johann des V., wonach sämtliche verdächtigen und geheimen Juden Brasiliens in die Hauptstadt Portugals gebracht werden mußten, mit seinen Eltern nach Lissabon, wo sie unter ständiger Aussicht der Inquisition standen. Hier studierte er die Rechtswissenschäst, widmete jedoch den größten Teil seiner Zeit , seinen sioe-. tischen Neigungen und dem Studium der Literatur. Seine Poesie brachte ihn auch zuerst in Konflikt mit der heiligen Inquisition. Im Alter von kaum 21 Jahren wurde er in den Kerker geworfen, "und am 18. September 1726 als Ebraizzante zum erstenmal der Tortur unterzogen. Von da ab beginnt die große Serie der unbeschreiblichen Qualen für ihn und seine Familie. Einer hochstehenden Protektion verdankte er seine Befreiung und heiratete gleichfalls eine Märannin namens Leonora Maria Carvallo, Tochter der Hanna Henriques, welch letztere ihr Leben aus dem Scheiterhaufen lassen mußte. Antonio Jose da Silva widmete sich nun ganz der Poesie. Frei wie in seinem Denken war er auch in seinen Schriften. Und das sollte sein Verderben sein. Er geriet das zweitemal in den Kerker, diesmal mitsamt seiner jungen Gattin und seiner greisen Mutter. Seine sämtlichen Schriften, seine Gedichte, Lustspiele und Dramen, welche in jener Zeit sich der größten Popularität erfreuten, wurden auf den Index gesetzt und öffentlich verbrannt. Am 19. Oktober 1739 starb Antonio Jose da Silva, nachdem er. denTorturen aller Grade unterworfen war, auf dem Campo de LL in Lissabon den Feuertod des Märtyrers. „Der Tod dieses Menschen ist der blutigste Justizmord, der jemals im Namen Gottes verübt worden ist, und ist ein ewiger Schrei eines Opfers, das im Namen der Religion dem Moloch zugeworsen wurde", sagt Theophilo Braga in seinem Werke O Teatro Portughese. Antonio Jose da Silva ist der eigentliche Schöpfer des portugiesischen Dramas, und genoß bei seinen Zeitgenossen ein so großes Ansehen, daß er noch viel später zum Helden eines in Portugal sehr beliebten Dramas „Antonio Jose" von Domingos Jose Gonea Loes Guimares und eines historischen Romans „O Juden" von Camillo Castel Lobranco wurde. Das Piedestal des Monumentes stellt einen großen brennenden Scheiterhaufen dar, dem der Märtyrer im Gewände der Delinquenten zuschreitet. Darüber das Sinnbild des Lustspieles, und darüber erhebt sich die edle Gestalt des „Juden". Die Enthüllung dieses Monumentes wird mit großen Feierlichkeiten verbunden sein. Luszland. Z. Petersburg, 16. August. In der letzten Nummer der russischen Zeitung „Nazswiet" äußert sich der Dumadeputierte Nisselow i t s ch, einer der zwei jüdischen Abgeordneten in der kürzlich; geschlossenen Duma, dessen Wiederwahl sehr zweifelhaft Ist, über die politische Lage der Juden in Rußland. Seiner Meinung nach wird die vierte Duma, mögen die bevorstehenden Wahlen wie immer ausfallen, keine so große-progressive. Majorität aufzuweisen haben, von welcher die Juden Rußlands eine faktische Besserung ihrer Rechtslage erwarten könnten. Zu dieser Ueberzeugung gelangte Nisselowitsch während seiner fünfjährigen Erfahrung als Mitglied, der dritten Duma, wo er reichlich Gelegenheit hatte, die Politiker aller Parteien und Richtungen näher kennen zu lernen. Er, gleich vielen anderen Politikern, brachte einen festen Glauben an die russische Volksvertretung in die Duma mit, er glaubte, daß mit Hilfe der Opposition es gelingen werde, wenigstens die schrecklichste aller Nechtsbegrenzungen der Juden aufzuheben, aber er mußte bald erkennen, daß er sich getäuscht habe. Allmählich erkannte er den wahren Charakter der russischen Opposition und ihre Stellung zur Judensrage, und heute muß er es gestehen, daß die Juden von der russischen Opposition ohne Druck seitens der jüdischen öffentlichen Meinung ein aktives und' entschiedenes Eintreten zum Schutze der Interessen der Juden nicht zu erwarten haben. Nisselowitsch belegt diese seine Anschauungen mit einer Reihe von Tatsachen und Erscheinungen aus der letzten Duma. Als interessantestes Faktum führt Nisselowitsch an, daß Stolypin im Jahre 1907 wohl eine Verordnung zur Erleichterung des Wohnrechtes der Juden erließ, aber gleich daraus hatte die Reaktion mit desto größerer Wucht eingesetzt, und am meisten bekamen diese Reaktion natürlich die Juden zu fühlen. Ob die Regierung damals die Duma beeinflußt hat, oder umgekehrt, ließ sich nicht gut feststellen, aber eines ist sicher, daß die Duma die Reaktion entschieden gefördert hat. .Die eventuellen jüdischen Deputierten der kommenden vierten Duma, so schließt Nisselowitsch seine Ausführungen, müssen dessen eingedenk sein, daß die Leiden der Juden in Rußland unerträglich geworden sind und daß daher jede Hilfe, die ihnen ohne Verletzung der eigenen Ehre geboten wird, mit Freuden akzeptiert werden muß. Deshalb müssen die Juden in Rußland nur'dies eine Ziel vor Augen haben, alle kleinlichen inneren Differenzen beiseite zu legen und geeint und geschlossen sich an der Wahl in die vierte Duma zu beteiligen.

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