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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-08-23 · Heft 34 (23.8.1912) · p. Seite 407

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 34 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
Seite 407 (sequence 11)
Language
German
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. Rebekka Elkan stand auf der Treppe. Gestern abend hatte sie unten an der Pegnitz, an einem stillen, traurigen Platz, dort wo -man immer im Schutze der Dämmerung oder des frühesten Morgens das Ostergeschirr im fließenden Wasser reinigte, den schweren, heißen Abschied von Conny Reneß genommen. Jetzt war Conny oben bei Herrn von Rosenkreutz. Er hatte noch etwas zu bringen. Herr von Rosenkreutz war nicht zu Hause. Da hatte Conny gesagt, er müsse ihm dann etwas Schriftliches hinterlassen. Und Rebekka Elkan wartete auf der Treppe. 'Morgen früh reiste Conny nach Würzburg. Und -diesen Abend, am Sabbateingang, durste sie das Haus nicht mehr verlassen. Ein Wort, eine Umarmung aus der Treppe, dies würde das Letzte sein. Sie wartete. Ihr Herz schlug heftiger. Da kam Conny. Er war so bleich. Ja, er ging leise. Niemand sollte ihn hören, damit ihnen niemand die letzten Minuten raubte. Conny-sagte flüsternd: „Erwähne nicht, daß ich noch da war, ich will es lieber von Würzburg aus an ihn schreiben." Rebekka nickte. Sie verstand keinen Sinn. Nein, sie würde natürlich nicht sagen, Conny war noch da, sie würde es den Tanten nicht sagen, daß er zum Abschied noch einmal gekommen. Conny Reneß beugte sein bräunliches Gesicht zu Rebekka herab. „In drei Tagen bin ich in Paris. Ich schreibe dir postlagernd. Du weißt. Am Hauptpostamt in Nürnberg achtet niemand aus den Brief. Du darfst niemand sagen, wo ich bin, bis ich eine Stelle habe und selbst an den Kantor und den Rektor schreibe. Ja, du darfst auch nicht sagen, daß du von meinem Fortgehen weißt. . Der Kantor erwartet nichts als eine Ankunftskarte von mir. Ueber vierzehn Tage habe ich Zeit. So lange darfst du nicht das geringste von mir verraten." Seine Erregung teilte sich ihr in anderer Weise mit. Sie fühlte den Abschied brennend am Herzen. „ Oben ging eine Tür. Da küßte Conny Reneß noch einmal Rebekka auf den Mund, riß sich los und eilte über den kurzen Flur hinaus in die Dämmerung des österlichen Abends. Es war nun Sabbatfeier. Man ging an den Nachmittagen spazieren. Der Onkel Elkan hatte einen steifen Hut ein wenig im Nacken sitzen, die Tante Sabine trug einen neuen Frühjahrsmantel, ganz nach der Mode. Rebekka mußte mit ihnen gehen — einmal den Weg nach der alten Feste hinaus, einmal gegen Nürnberg zu, an den Häusern der Reichen vorbei, der Glaubensbrüder, die auch da „promenierten" und am Schabbes den Gruß von Hirsch Elkan achtsamer erwiderten als sonst. - Rebekka ging mit und gab mechanisch Antworten. Immer kannten ihre Angehörigen sie nur freundlich zu ihnen. So war sie es auch jetzttrotzdem ihre Gedanken weit sich wegwandten. Noch fühlte ihr Herz keine Leere durch Connys Fortgehen. Denn der Abschied hatte sie innerlich näher verbunden, als sonst der Tag es tat. Sie hatte eine feste Zuversichtdaß Conny sich durchsetzen würdedaß er alles erreichte-.. Denn er. war eine von jenen Naturen, die das Vertrauen erwecken, sie werden sich behaupten. Daß er trotz all seiner Worte kein Verletzlicher war, wußte Rebekka gut. Nicht aber wußte sie, wie der zu handeln vermag, der kein Verletzlicher ist. Diese Erkenntnis liegt nicht bei sehr jungen Menschen. . Rebekka' dachte: Einst kommen wir wieder. Aus? Paris. Einst kommen wir wieder in diese Stadt. Und dann freuen sich die Tanten, wenn sie sich auch vorher über manches nicht freuen werden. Die Abende saß Rebekka allein. Dann wurde ihre Sehnsucht wacher. Dann ging wohl ein Zittern über sie hin im Gedächtnis vergangener. Stunden, Sie begann an Conny zu schreiben. Aber da sie noch keine Adresse wußte und. fürchtete, durch irgendeinen Zufall könne das Papier an jemand kommen, der dann Connys Flucht erriet, verbrannte sie es wieder. Und wie „einst das Herz als Asche niederfällt", sielen ihre Liebesworte in kleine weißgraue Wolken zusammen. Wieder saß Rebekka Elkan allein in der feiertäglichen - Stube. Niemand außer ihr und Herrn von Rosenkreutz befand sich im Hause. Da klopfte es, und Herr von Rosenkreutz trat ein. Er fragte nach der Tante Elkan. Rebekka mußte ihre Anwesenheit verneinen, die Tanten waren noch immer zur Totenfeier bei Grüntals. „Und Herr Reneß macht eine Ferienreise, nicht wahr?" fragte Herr von Rosenkreutz. „Er hat Ihnen noch nicht geschrieben?" fragte Rebekka Elkan dagegen, und sie erschrak zugleich vor ihrer Frage. Denn es kam ihr wieder ins Bewußtsein, daß sie ja jede der letzten Mitteilungen Connys verschweigen sollte. 'Glücklicherweise legte Herr von Rosenkreutz keinen Belang auf Rebekkas unbedachte Worte. „Ihre Tante ist doch sicher morgen zu sprechen?" sagte er dann, „Ich könnte sie holen lassen, wenn es dringend ist", antwortete Rebekka Elkan. Herr von Rosenkreutz stand vor dem Barockschrank und hatte die Hand wie gedankenlos auf einer der gewundenen Säulen liegen. „Ich möchte doch fast darum bitten", sagte er dann, „denn heute wollte ich Fräulein Elkan gern noch sprechen. Herr Elkan ist auch nicht zu Hause?" Nein, schon heute, am Tage nach dem hohen Feste, war der Onkel wieder zu seinen Geschäften in die kleinen fränkischen Orte geeilt. Rebekka ging aus dem Zimmer und beauftragte die christliche Magd, hinunter zu Grüntals zu laufen. Sie fand zurückgekehrt, Herrn von Rosenkreutz noch an dem Schrank stehen. - Er sagte: „Nicht wahr, über das Fest sind doch gar keine fremden Leute zu Ihnen ins Haus oder ins Geschäft gekommen? Jedenfalls niemand hier nach oben." „Hier nach oben? Nein", sagte Rebekka. „Nur ein paar Glaubensgenossen waren da, aber sie haben unten, in der Stube gegenüber dem Kontor/geschlafen. Und gegessen haben sie auch dort. Die Tanten nehmen sie nicht herauf in die Zimmer." „Warum?" sagte Herr von Rosenkreutz. Es war mehr eine gedankenlose Frage. ' „Es sind oft Polen, und sie sind nicht reinlich. Sie kommen doch von der Wanderschaft." „Und feiern hier in der Stadt das Fest? Das interessiert mich, erzählen Sie mir—" Rebekka fühlte eine kleine Wichtigkeit. Der Jude erzählt gern von seinen Sitten. Er liebt sie und freut sich, wenn Andersgläubige ein ernsteres Interesse daran nehmen. „Mein Onkel hat doch sein Gewerbe draußen in den kleinen Orten", sagte, fiel „Und da ist die Kultusgemeinde oft nicht vollzählig. Es müssen zehn erwachsene Männer sein, wenn man in der Schul Pesach oder den Langen Tag feiern will. Oft wohnen nur fünf, sechs Männer an einem Ort und wollen doch Schul halten. Da bestellt man denn zum Feiertag die Vetjuden — es sind alte Männer, die ohne festen Wohnsitz sind und. durch das Land ziehen. Es kommen immer einige gegen. Ostern und Herbst hierher zum Onkel und fragen, ob man sie draußen irgendwo braucht, weil er weiß, wo es nötig ist. Manches Jahr kommen zu viele, manches Jahr zu wenige. Heuer sind zwei gewesen, für die gab es kein Unterkommen. Da hat man sie hier behalten übers Fest." - ,,Sind ^s irnmer djeselben, die kommen?" ps.. .v- £?., . ^.—. ,..r-.sa&r.

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