Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-08-23 · Heft 34 (23.8.1912) · p. Seite 406

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 34 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
Seite 406 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229015-3229050--68723-3280997
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ideal der Gegenwart vor sich zu sehen vermeinte' Der Tempel war in allen seinen Räumen überfüllt, und selbst der skeptisch gusgelegte Zuhörer konnte sich des tiefen Eindrucks nicht erwehren, der die Menge durchzitterte und mit sich fortriß. Als ich den Tempel verließ, kam ich vordem Ausgang an einem, in einen Kreis versammelter, über die. angehörte Predigt begeistert gestikulierender Tempelbesucher vorbei, und da hörte ich einen ausrufen: „Heute, meine Freunde, bin ich mir vorgekommen wie ein Fürst!"-—. Ich besuchte Jellinek unmittelbar nach dem Gottesdienst, und als er erfuhr, daß ich bei seiner Predigt gewesen, da fragte er mich gespannt, wie sie Mir gefallen habe. Ich teilte ihm mit, was ich soeben-über dieselbe unten vor dem Gotteshaus die Leute sprechen hörte. Er stutzte ein wenig über meine Antwort, zeigte sich gleichwohl erfreut über meine Mitteilung, nur schien es ihm zu verdrießen, daß ich eine solche Wirkung seiner Predigt nicht für erwünscht hielte. Denn er sagte etwas verärgert: „Wie wollen Sie anders aus unsere heutigen Juden, die, religiös indifferent, von einer materialistisch gerichteten Tagespresse verwirrt und in eine antireligiöse Strömung hineingerissen, ihr Schrifttum, ohne es, zu . kennen, mißachten, wirken und jüdisches Bewußtsein in ihnen wecken?" — Die begeisterten Sabbatbesucher traten ein und . unterbrachen erfreulicherweise unser Gespräch. Der Titel Oberrabbiner, der ihm in späteren Jahren verliehen wurde, ließ ihn kalt. „Unser Vorgänger im Amte", sagte er, „führte vordem den Titel „Fleischbeschauer"; „Seelenbeschauer" wäre der richtigere gewesen. Die größte rabbinische Autorität,. die je existiert, welche die Nächstenliebe als den Inbegriff aller Religion bezeichnet^ sie hatte keinen Titelsie hieß schlechtweg: Hillel." — Unmodern war Jellinek nur in einem Punkte, nämlich darin, daß er wie die alten Rabbiner keine Besuche machte, . am wenigsten bei den großen und einflußreichen Häusern, Wie' es vormals in Israel Sitte war, daß vornehm und gering den Rabbiner in seiner Behausung aufsüchten, nicht umgekehrt; so kamen auch' die Reichen zu ihm, nicht er zu ihnen auf Besuch. Dagegen suchte er würdige Arme und. Gelehrte in ihren Wohnungen aus. Nur wenn es galt, ein gutes-Werk zu stiften, überwand er sich und ging in die Häuser der Neichen. Er war von einer erstaunlichen Einfachheit und Bedürfnislosigkeit,. die man unter gleichem Stande und gleichen Verhältnissen kaum wieder findet. Der einzige Luxus '— allerdings ein sehr kostspieliger —, den er sich gestattete, war: der Bücherkauf. — Allwöchentlich schickte dev /Buchhändler ihm ganze'Ladungen von Büchern ms Haus, die neuesten Literatürerscheinungen; er blickte in alle hinein und behielt die wichtigsten. Er hatte den Fehler, vor dem er die angehenden Gelehrten warnte: non multa, sed multum! der seiner Konzentration im Wege stand. — Aber man sammelt, auch Bücher nicht ungestraft, zuxnal wenn man die ,Rechnung ohne den Wirt macht. Der Wirt aber war diesmal die vortreffliche Gattin, eine seelengute, mit fremdem Elend und fremder Not tief mitempfindende Frau, die sie über ihre Verhältnisse zu' lindern bestrebt war. — Als nach Jahresfrist eine horrende Rechnung vom Buchhändler einlief, da gab es einen häus- . lichen Sturm. Die Frau trat ungestüm, die Rechnung in der Hand, in die Studierstube des Gatten ein, in momentaner Aufwallung klagend: „Woher'soll ich das viele Geld zur Begleichung verschaffen, da ich ohnedies im starken Rückstand Mit dem Wirtschaftsgeld bin." Vergebens suchte der Gatte sie zu beschwichtigen, versichernd, in Zukunft vorsichtiger mit dem Bücherkaus sein zu wollen. Als sie wieder draußen war/ . sagte Fr: „Sie hat ja recht, die gute Frau, und ich verzeihe ihr gern ihr Aufwallung"; darauf lispelte er vor sich hin die Worte des Propheten: „Ich gedenke ihr gern die Liebe ihrer Jugend, der bräutlichen Liebe/ als sie mir nachfolgte in die Wüste und dürres Land." Gerührt verabschiedete ich mich. Im Vorzimmer begegnete ich der Frau' Jellinek wieder. Sie war bereits vollständig beruhigt, und mir die Hand reichend, sagte sie: „Was sagen Sie nur zu meinem weltvergessenen Mann; er kann nicht rechnen, kann nicht rechnen!" . Glückliche Menschen das, sie konnten beide nicht rechnen. Es war eine schöne, vielverheißende Zeit — das Frühlingserwachen der geistigen und physischen Freiheit — in der Jellinek sein Predigeramt in Wien antrat; es war die Zeitin der führende Geister im Judentum, wie Zunz, Geiger und ihre Nachtreter im Westen, Krochmal, Rappoport u. v. a. aus dem Osten das Dornröschen jüdische Wissenschaft aus tausendjährigem Schlaf wachzurütteln, im Schweiße ihres Angesichts einen gangbaren Weg. durch uraltes. Gestrüpp und Geröll zu bahnen anfingen, um der Welt zu zeigen, daß nicht nm das biblische, sondern sogar das als kultur- und menschenfeindlich verschriene talmudische Judentum einer ungeähnten Entwicklung.fähig und die Konkurrenz mit den fortgeschrittensten Religionen nicht zu scheuen brauchte. — Hätten wir diesen Weg doch weiter verfolgt, wie stünden wir jetzt da, imponierend und ergreifend, in einer Zeit, wo ringsum die Reaktion Orgien feiert! Und wo gäbe es einen gebildeten Juden — die karrieresüchtigen selbstverständlich ausgenommen — der von einer auf der Höhe der Zeit stehenden, stetig mit ihr fortschreitenden und dem modernsten Empfinden Rechnung tragenden Religion a b f a l len wollte, um sich zu einer rückständigen, das freie Denken und Forschen Perhorreszierenden zu bekehren! Wir erwiesen uns aber in der Zeit der Prüfung schwach, und völlig unselbständig, ließen uns ganz widerstandlos von der hereingebrochenen reaktionären Strömung mitreißen, gerietenallmählich zurück ins Ghetto, dem wir vor Dezennien noch uns mit aller Macht -zu - entwinden strebten: was Münder nun, daß unsere Intelligenz uns nicht dahin folgen will? Nrbekks Man. Novelle von Sophie Hoechstetter.; ui. : . : jüdischen Läden der. Stadt wurden geschlossen. Ein ' scharfer Aprilwind hatte die Straßen reingefegt, die stechende grelle Sonne des Tages die Steine weißgebleicht. Ganz festlich und erwartungsvoll sah die Stadt Fürth aus. ' Das Gymnasium hatte zu den Ferien.'geschlossen — vor Palmsonntag. .Mit diesem Schluß fiel der Vorbeginn des Passahsestes zusammen. Rein und blank .gescheuert stand das Haus am Brandenburger. Der Onkel Elkan saß in seiner Kammer und betete. Nichts störte ihn darin, an nichts nahm er teil. Abgesondert von allen äußeren Dingen hockte er und Murmelte alte, vielleicht ihm selbst kaum klare Worte des Gebets. . . . Die Großmutter Grüntal war in den großen Frieden eingegangen. Nun „saß" die Frau Elkan dort; eine Woche mußte dort immerwährend ein Mensch sitzen und Gebete sprechen. Und man konnte die Großmutter Grüntal über das hohe Fest nicht aus-dem Hause tun. Fräulein Sabine war heimgeeilt. Äuf dem Tisch in der schönen Stube stand schon das alte österliche Geschirr — Haufen von MM^x dabei, dem ungesäuerten Brot. Kerzen waren auf dem Sabbatleüchter, das Lamm briet'in der Küche, und man roch einen brenzlichen Geruch durch das Haus.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.