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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-08-23 · Heft 34 (23.8.1912) · p. Seite 405

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 34 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
Seite 405 (sequence 9)
Language
German
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mit dem Salomon die Unterredung schließt, als die ganze Gesellschaft zum Frühstück beim Herzog marschiert, hat wohl Anspruch daraus/ebenso wie die Worte bei den übrigen Aktschlüssen, zum geflügelten Wort zu werden. Ein hübscher humoristischer Ton belebt das Ganze. Wie gesagt, man wird das Werk keineswegs zum Meisterstück stempeln wollen, aber an der Geschicklichkeit der Erfindung, an der verständigen „Mache", an der belebten, mit manchen frischen Zügen durchwebten Darstellung kann man Behagen empfinden. Aber wie harmlos muß doch ein Publikum sein, das acht Monate und länger sich an einem solch einfachen Stücke ergötzt. Udolk (Uhren) yellimk. (Schluß.) in Beispiel, das mir eben in Erinnerung kommt, mag das Gesagte illustrieren. Es war vor etlichen . dreißig Jahren an einem sehr heißen Samstagnachmittag. Ich saß mit einem mir und Dr. Jellinek befreundeten Greise, einem emeritierten Arzte, in einer schattigen Allee des Schönbrunner Parkes, als Jellinek, der damals seine Sommerwohnung in Lainz hatte, eilenden Schrittes daherkam. Wir erhoben uns rasch, eilten ihm entgegen, um mit ihm den gewohnten Spaziergang anzutreten. Er aber winkte schon aus der Ferne ab und erklärte uns, nähergekommen, daß er heute aus das Vergnügen eines Spazierganges verzichten müsse, da er zu einer sehr wichtigen Vorstandssitzung in die Stadt gehen müsse, in der es sich um die Besetzung eines bedeutsamen Amtes handle. Und da müsse er.vor einem faux pas warnen, der gemacht werden könnte, wenn nicht der richtige Mann für das richtige Amt akquiriert würde. Sprachs, wischte sich den Schweiß von der Stirn und eilte von dannen. — Er ging also, da es Sabbat war, zu Fuß in der glühenden Hitze von Lainz nach der Stadt, Seitenstettengasse 4, um einer guten Sache zu dienen! Am anderen Tag erfuhr ich von dem gen. Arzt, dessen Schwiegersohn als Vorstandsmitglied dieser Sitzung beigewohnt hatte, worum es sich in derselben gehandelt. Er berichtete mir ausführlich den Sachverhalt ungefähr also: Für ein bedeutsames Amt sollte eine führende Persönlichkeit angestellt werden, ein Mann, der Kops und Herz am rechten Platze, der nicht bloß Ideen, sondern auch praktischen Sinn haben sollte. Aus den sehr zahlreichen Bewerbungen wurden zwei zur engeren Wahl ausgehoben. Einer der Kandidaten erfreute sich großer Protektion von einflußreicher konservativer, oder besser ausgedrückt: quietistisch gerichteter Seite, welche das Schwergewicht auf den praktischen Dienst des Amtes legte. Sie ließ dem Kandidaten der Gegenpartei die vollste Gerechtigkeit widerfahren, gab bereitwillig zu, daß er nicht unbedeutende Begabung und Fähigkeiten besitze; allein diese lägen auf dem Gebiete der Wissenschaft. Im vorliegenden Falle aber handle es sich um praktische Begabung, um gesunde Brust und leistungsfähige Beine, da der Anzustellende treppauf, treppab, von einery Vorstandsmitglied zum anderen werde laufen müssen, um sie, deren Zeit doch anderweitig völlig in Anspruch genommen sei, stets auf dem laufenden zu erhalten. Diese Eigenschaften besitze im vollsten Maße ihr Kandidat, während jener der Gegenpartei schwach auf der Brust, kränklich undnoch überdies Liebhaber der Wissenschaft sei und sich in sein praktisches Amt nicht finden werde. Liese Vorstellungen machten auf die vielbeschäftigten Kausleute im Vorstand Eindruck. — Jellinek trat ihnen mit aller Entschiedenheit entgegen. Er erklärte dein Vorstände..zunächst was das Amt eigentlich bedeuten sollte und was es erheische, was es bisher nicht geleistet, was es aber leisten müßte, schilderte in beredten Worten, wie die anzustellende Person beschaffen, über welche Qualitäten sie verfügen müsse und zeichnete schließlich den-Kandidaten feiner Partei, dessen Wirken und Streben er Jahre hindurch beobachtet habe, und alles das so überzeugend, daß mit Ausnahme eines einzigen der gesamte Vorstand seinen Ausführungen unverhohlen Beifall spendete. Und als er auf den Einwand, sein Kandidat sei kränklich, mit den Worten reagierte: „Ja, meine Herren, der Mann ist krank, er krankt an Bescheidenheit!" da raffte der Referent Julius R. v. Goldschmidt die zahlreichen Bewerbungsgesuche zusammen, und sich erhebend sagte er: „Wir sind fertig, meine Herren, die Wahl ist entschieden, es bedarf keiner Abstimmung mehr." Der Präsident hielt ihn jedoch noch zurück, um die formelle Abstimmung durchzuführen, bei welcher auch der Hauptgegner erklärte: „Damit der Kandidat einstimmig gewählt erscheine, gebe ich ihm auch meine Stimme." — So endete diese Sitzung mit dem Siege Jellineks, der in den Kampf ausschließlich für die Sache eingetreten. Er selber aber sprach niemals über die Vorgänge in dieser Sitzung, auch nicht im-intimsten Kreise, so oft er auch über dieselbe interpelliert wurde. Ich habe hier nur das eine Beispiel feines opferwilligen Eintretens für seine Idee angeführt, weil es zeigt, .wie die ruhebedürstige „Orthodoxie" damals aussah undwie lebendig und werbekräftig noch das Interesse für den Freisinn und die freie Forschung lebte. Der Beispiele aber sind Legion;, und Jellinek war wie kein Zweiter in der Lage, die richtige Wahl zur Förderung moderner Ideen zu treffenda er die Leistungen ihrer Vertreter unentwegt verfolgte und in Evidenz hielt. Ebenso vorbehaltlos wie er wahres Verdienst würdigte, so schroff konnte er gegen angemaßtes sein. Am meisten ungehalten war er, wenn junge Rabbiner, kaum auf die Kanzel getreten, auch schon ihre Predigten in Druck erschienen ließen, und es besänftigte auch dann nicht seinen Unwillen, wenn sie sich dabei zu seinen Schülern und Nachahmern bekannten. Ich war Zeuge einer Abfertigung, die er einmal in Prag — ich glaube es war im Jahre 1869, wo er daselbst erschien, um dem verblichenen Oberrabbiner Rappoport eine Leichenrede zu halten — einigen jungen Rabbinern gab, die ihn im Hotel aussuchten, um ihm ihre Erstlingspredigten zu überreichen. -„Studieren Sie erst!" ries er den Verblüfften zu, „lernen Sie erst ehrlich und gründlich; und sind Sie dann in der erfreulichen Lage, aus der Fülle zu fchöpfen, daun mögen Sie meinetwegen auch Ihre Predigten drucken lassen." Jellinek war jeder Zoll ein Idealist und Illusionist; im Superlativ aber war er es auf der Kanzel, und er blieb es bis zu seinem letzten Atemzug. Die Ueberwindung des herrschenden Materialismus durch den Idealismus erwartete er von einem Tag zum anderen, mit dem Propheten fragend-. „Wächter, was ist die Nacht?" und-'mit ihm sich antwortend: „Der Morgen bricht an." Ich habe es schon angedeutet, daß Bibel, Talmud und Midrasch in seiner geistvollen Bearbeitung die brennendsten Lebensfragen erhebend zu lösen verstanden. Denn er war-modern bis in die Fingerspitzen, obgleich ihm merkwürdigerweise die hebräischen Schriftzeichen, deren er sich fast ausschließlich beim Niederschreiben seiner Predigten bediente, geläufiger als die deutschen waren. — Ich besuchte seine Predigten nur selten, da mich mein Beruf daran verhinderte. Wie kindlich aber frepte er sich/ wenn ich das eine oder das andere Mal ihnen beiwohnte. Das war auch der Fall, als an einem Sabbat das Thema über Abraham an der Reihe war. Er meißelte denselben an der Hand von Bibel, Talmud und Midrasch, dermaßen heraus, daß "man das vornehmste, die ganze Welt bestrahlende und erwärmende

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