Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- Seite 404 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Tat auch Luncz in seinem Unternehmen vor allem nach dieser Seite sein Augenmerk gerichtet. Ich bin in talmudischen Dingen Liebhaber, nicht Fachmann, um mir in einer derart verwickelten Spezialfrage ein Urteil zu erlauben. Schade. Ich hätte sonst wahrscheinlich Worte des Lobes gebraucht, die ich jetzt nicht auszusprechen wage. Noch erinnere ich mich, mit welch bewunderndem Staunen ich den Darlegungen des Herausgebers über das von ihm beobachtete Verfahren folgte. Als Unterlage dient die in Venedig herausgekommene Editio princeps aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts, daneben werden noch die späteren. Ausgaben zum Vergleich herangezogen. Es dürste kaum etwas, was von Belang ist, hierbei außer acht gelassen werden. Denn Luncz hat zu diesem Zwecke lange und langwierige Studien in den meisten' großen Bibliotheken Europas gemacht, bei welcher Gelegenheit es ihm sogar gelungen ist, ein bisher noch unbekanntes Talmud- Ieruschalmi-Manüskript zu entdecken, das im Verzeichnis der Vatikanischen Bibliothek als ein Werk des Alfassi katalogisiert war. Von den ganz wertvollen Drucken und Handschriften besitzt er photographische Aufnahmen, und außerdem stehen ihm Gelehrte als Lektoren zur Verfügung, die alles aufs sorgfältigste untersuchen. Prüfen und abwägen. Aber Luncz wollte sich nicht mit der bloßen Rolle des Herausgebers begnügen; er betätigte sich auch als Kommentator. In schlichter leichtfaßlicher Sprache werden von ihm, unter teilweiser kompilatorischer Benutzung bereits vorhandener, jedoch schwer verständlicher Kommentatoren, alle unklaren Stellen gedeutet sowie zahlreiche ergänzende und berichtigende Anmerkungen hinzugefügt. Seit fünf Jahren ist der Talmud Jeruschalmi im Erscheinen begriffen. 1907 kam das erste Heft, 50 Folioblätter umfassend, heraus. Zwei weitere Hefte von gleicher Stärke sind seitdem gefolgt. Das vierte Heft befindet sich zurzeit unter der Presse. In etwa sieben Jahren hofft Luncz den ganzen Talmud Jeruschalmi herausgebracht zu haben. Er hofft — in jenem bewundernswerten Optimismus, der die eigentliche Stärke seines Schaffens ausmacht. Aengstlich und fast beschämt hörte ich das alles an. Wird ihm auch sein Unternehmen gelingen? fragte ich mich nicht ohne ein Gefühl bangender Sorge. Und dann mußte ich mich schämen, für uns alle schämen, als ich daran dachte, unter welch schwierigen, ja traurigen Bedingungen dieser infirme und dennoch unermüdliche Arbeiter sich seiner Lebensaufgabe weiht. Freilich ist ihm auch die Wissenschaft eine heilige Sache, keine melkende Kuh — eine in Jerusalem ebenfalls nicht alltägliche Erscheinung. Sommerliche Thesterkreuden. Von Ludwig Geiger. a ich im Winter wenig Zeit hatte, so habe ich erst im Früh- und Spätsommer zwei Theaterstücke gesehen, die seit Monaten die Freude der Berliner und der Berlin besuchenden Fremden ausmachten. Die sogenannten kritischen Berliner sind im Grunde unendlich harmlose Leute. Dies zeigt sich dadurch, daß Mitte August im Berliner Theater „Die großen Rosinen" und im Theater Königgrätzerstraße „Die fünf Frankfurter" etwa zum 240. Male gegeben werden. Man muß freilich bemerken, daß, wie schon angedeutet, zu den Zuschauern die Fremden ein gewaltiges Kontingent stellen und ferner, daß die Häuser nichts weniger als ausverkauft sind, daß endlich die Theaterdirektionen gerade zur Sommerzeit mit Freibilletten nicht sehr zurückhaltend , sind, — aber Immerhin ist die so große Zahl von Vorstellungen ein Gradmesser für die fast ungeheuerliche Nachsicht und Bescheidenheit, die das Berliner Publikum übt. Die „Größen Rosinen" sind eins der jämmerlichsten Stücke, die je auf einer Bühne gegeben worden sind. Von einem Inhalt kann kaum gesprochen werden: denn daß eine Person, ein Herr Fritz Schaumschläger, ein Bummler und Schuldenmacher, der „Große Rosinen" im Kopf hat, schließlichwie es scheint, auf den Pfad der Tugend gelenkt wird, kann man nur bei sehr mäßigen Ansprüchen als einen Inhalt qualifizieren. Sonst ist das Stück nur dazu da, um hübsche Dekorationen und Kostüme zu zeigen, massenhaft Couplets vortragen zu lassen — darunter einige ganz witzige —, die mit dem Inhalt des Stückes gar nichts zu tun haben, sondern nur die Lachmuskeln reizen. Ich erwähne das Stück an dieser Stelle nur, weil ein Jude darin vorkommt, und zwar in der beliebten Weise, wie Possenautoren Juden vorzuführen pflegen. Herr Siegfried Silberborn nämlich ist einer der Bewohner der Pension der Frau Kettelzahn. Ihr Geburtstag wird gefeiert, wobei ein findiger Gast herausbringt, daß schon 99 Pensionäre das gastliche Haus ausgesucht haben. In der Freude ihres Herzens beschließt die Pensionsmutter, den 100. Gast einen Monat umsonst zu beherbergen. Daraufhin kündigt Herr Silberborn sein Logis und erscheint in einer halben Stunde wieder, um den Prosit mitzunehmen, wird aber in dieser Hoffnung betrogen, weil in der Zwischenzeit ein Hundertster eingerückt ist. Das ist eine ganz witzige Idee, — warum aber muß dieser Schlaue gerade Silberborn heißen und ein Jude sein, warum muß er — übrigens recht schlecht — mauscheln? Die „Fünf Frankfurter" sind wohl' das erfolgreichste Stück der Saison. Es wird überall, nicht nur in Berlin, gegeben und überall belacht. Es ist kein Meisterstück, aber es verdient seinen Erfolg. Die fünf Frankfurter sind die Brüder Anselm, Nathan, Salomvn, Karl, Jakob v. Rothschild. Der Inhalt ist kurz der: die Rothschildsche Firma will mit dem verschuldeten und geldbedürftigen Herzog vom Taunus ein großes Geschäft (Lotterieanlehen) machen unter der Bedingung, daß er Charlotte, die Tochter des Salornon zur Frau nimmt. Die Sache scheint schon perfekt zu sein, obgleich Charlotte von dem Plane nicht entzückt, die alte Mutter Gudula sogar entschieden gegen den Plan ist. Aber die Heirat kommt nicht zustande — ebensowenig das Geschäft — die Million, die das Haus, Rothschild von vornherein geopfert hat, wird von ihm verschmerzt, — weil der. jüngste Bruder Jakob eine Neigung für Charlotte empfindet, die von ihr erwidert wird, und sie zur Frau nimmt. Dieser recht einfache Inhalt, bei dem wir uns nicht zu fragen haben, ob er historisch ist oder nicht, wird mit hübschen Zügen verbrämt: das Interieur der herzoglichen Wohnungder Garten, wo die Brüder erscheinen, das Innere des Rothschilden Hauses wird anmutig dargestellt. - Die Art/ wie Frau Gudula dem Herzog ihre Bedenken auseinandersetzt, wie sie als einfache Wirtin im Hause schaltet, wie sie trotz alles Reichtums ihre schlichte Bürgerlichkeit bewahrt, wie sie das Andenken an ihren verstorbenen Gatten mit größter Treue hegt, wie sie ohne verletzend gegen andere zu sein, und ohne anderen etwas dreinzureden, sich ihre tiefe Frömmigkeit bewahrt, wie sie von ihren Söhnen geliebt und verehrt wird, ist recht erquicklich ausgeführt. Auch die Charaktere der einzelnen Brüder in ihrer Verschiedenheit: des Engländers, Italieners, Parisers und Frankfurters zeugen von guter Beobachtung und geschickter Darstellung. Und was am Text besonders erfreut, das ist, daß der Verfasser, der offenbar kein Jude ist, keine Verspottung der Juden beabsichtigt, freilich auch keine Verhimmlung, daß er die Geschäftsleute mit ihrem Erwerbssinn, ihrer Schlauheit, aber zugleich auch Mit allen möglichen guten Eigenschaften ausstattet. Dasausgezeichnete Wort: „Das soll uns die Konkurrenz nachmachen".