Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- Seite 403 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229050--68720-3280994- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
■ Gon seiner Absicht, sich literarisch und wissenschaftlich zu betätigen, ist erfreilich nicht abgekommen. Im Gegenteil, sah er sich durch seinen jetzigen Zustand in seinem ursprünglichen Vorhaben geradezu bestärkt, indem er auf diese Weise noch am ehesten zu einem Erwerb zu kommen hoffte, nachdem er mit seinen bisherigen Publikationen sich bereits die ersten schriftstellerischen Sporen verdient hatte. So beschloß er, während er noch in Europa war, die Herausgabe eines „Paläst i n a- I a h r b u ch e s" und begann, kaum nach Jerusalem zurückgekehrt, gleich an die Ausführung dieses Gedankens heranzutreten. Das Jahrbuch sollte alles das enthalten, was auf die Erforschung Palästinas in Vergangenheit und Gegenwart Bezug hat. Da aber damals in Jerusalem eine einigermaßen brauchbare hebräische Druckerei nicht aufzutreiben war, und da zudem dem Herausgeber die Anfügung.eines fremdsprachigen Teiles neben dem hebräischen als äußerst wichtig erschien, sah er sich genötigt, die Drucklegung des Jahrbuchs in Wien besorgen zu lassen. Allein dadurch verzögerte sich die Herausgabe ganz wesentlich, von den zahllosen Schwierigkeiten, die ein solches Verfahren bei den damaligen chlechten Verkehrsbedingungen notwendig mit sich im Gefolge hatte, schon gar nicht zu reden. Luncz faßte daher den Ent? schluß, sich eine eigene Druckerei zuzulegen und trat zu dem Zwecke von neuem eine Europareife an. Sein Vorhaben gelang ihm, wenn auch unter vielen Mühsalen. Das Palä-. stina-Jahrbuch, von dem zugleich eine deutsch-englische Ausgabe erschienen war, hatte ihm Freunde geworben, die ihm hilfsbereit zur Seite standen. Nichtsdestoweniger hat die Veröffentlichung des Jahrbuchs große Verzögerungen erfahren. Der geringe Interessentenkreis für . Palästina-Forschung, zumal, wenn sie hebräisch niedergelegt ist, und die materiellen Sorgen, mit denen der Herausgeber beständig zu kämpfen hatte, waren in erster Linie daran schuld. So sind bis jetzt nur neun Bände erschienen, während ein zehnter Band sozusagen als Jubiläumsband demnächst erscheinen soll: ein Band also in etwa drei Jahren. Aber was herauskam, bietet unstreitig viel Brauchbares und Gediegenes zur Kenntnis.des heiligen Landes; und abgesehen von den Abhandlungen des Herausgebers, die in keinem Bande fehlen, enthalten die einzelnen Bände auch Beiträge von namhaften Gelehrten wie Berliner, Kaufmann, Joseph Halevh, M. Friedmann, S. Kraus, Z. Schick u. a. Ganz besonders scheinen mir aber doch die Arbeiten des Herausgebers selbst eine Hervorhebung zu verdienen, dessen Untersuchungen namentlich über die Zustände und die Geschichte Palästinas während der Zeit nach der Zerstörung des zweiten Tempels und nach dem Abschluß des Talmuds sehr wertvolles und bisher, unbekanntes Material zutage gefördert haben.. Regelmäßig erscheint hingegen „D e r l i t e r a r i sch e Palästina - Almanach", den Luncz seit 17 Jahren mit wachsendem Erfolge herausgibt. Hübsch geschriebene Artikel, populär gehaltene Aufsätze, kleine nette Skizzen finden sich da in recht erheblicher Zahl. Aber auch sonst habe ich manche gute Betrachtung, fesselnde Schilderung und sorgfältige Zusammenstellung, vor allem so weit die jüdischen Kolonien in Betracht kommen, mit angenehmer Ueberraschung im Almanach entdecken können. Als das eigentliche Arbeitsfeld von Lunez werden wir indessen die rein wissenschaftliche Tätigkeit ansehen müssen, und zwar vorzüglich auf dem Gebiete der Sammlung und der Edition. Hier vermochte er in der Tat seine schönsten Leistungen zu vollbringen. So hat er schon vor Jahren die glückliche Idee gehabt, die Herausgabe einer „P a l ä st i n a-B i b l i ot h e k" in die Wege zu leiten: einer Sammlung und Neuedierung von allem, was in früheren Zeiten über Palästina geschrieben worden und in wissenschaftlicher Hinsicht als wertvoll zu betrachten ist. In der -Palästina-Bibliothek sind bis jetzt vier Bände erschienen: „Kastor Waferach" (in 2 Teilen) des Rabbi Eschtori Hafarchi, der vor nahezu sechshundert Jahren gelebt hat und als erster Palästinaforscher gilt; „Tewuoth Ha'arez" des Rabbi Joseph Schwarz; ferner zwei Sammelbände von wissenschaftlichen Abhandlungen, die in den verschiedensten hebräischen Zeitungen und Zeitschriften während des letzten Jahrhunderts veröffentlicht worden und seitdem kaum noch zugänglich .mären. Vier weitere Bände dieser Sammlung sind teils bereits zum Abschluß gebracht, teils in Vorbereitung und sollen in nächster Zeit schon in kurzer Reihenfolge dem Drucke übergeben werden. Die bedeutsamste Leistung Lunczens, und zweifellos auch von bleibendem Wert, ist jedoch seine Neuedierung des „Talmud Jerufchalmi". Bekanntlich fällt die Abfassungszeit des jerusalemischen Talmuds rund ein Jahrhundert vor her des babylonischen, so daß feine Kenntnis begreiflicherweise für die Ergründung der jüdischen Geschichte jener Epoche von außerordentlicher Wichtigkeit sein muß. Aber auch in bezug auf die Halacha hat der' Talmud Jerufchalmi seine großen Vorzüge. Er ist nicht so scharfsinnig und. nicht so populistisch wie der Talmud Babli, dafür jedoch überaus logisch und klar und in seinem Urteil nicht selten weitherziger und milder. Das wäre freilich allein Grund genug, daß fein Studium vernachlässigt wurde; es mögen zudem noch vielerlei Momente dabei eme Rolle gespielt haben. Aber daß die Juden sich so gar nicht , um den Talmud Jerufchalmi — im Gegensatz zum Talmud Babli — gekümmert haben, wird ohne allen Zweifel in erster Linie daran liegen, daß von ihm bislang keine einzige einigerem aßen brauchbare Ausgabe existiert hat. Und so hat in der Abraham Moses Lunez. 'Mm