Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- Seite 402 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ausfallen muß aber, daß der sonst so vornehm denkende Herausgeber des „Türmer",' der die Liebe zum Nächsten als den wahren Geist des Christentums stets betont und betätigt haben will, solch grundlosen Beschuldigungen die Spalten seiner Zeitschrift geöffnet hat --. oder sollte auch er — was wir uns gar nicht denken können — antisemitischen Allüren zugänglich geworden sein? . L. Oppenheimer. . ■ ' ■ Lin Utrrarilchks Jubiläum in Jerulslem: Wrshsm Woles Lunr?. Von Dr. Alphons I. Sußnitzki. s ist nicht gerade sehr viel Erfreuliches, was man im allgemeinen aus der heiligen Stadt zu hören bekommt: Armut, Bettelei/Degeneration. Um so erhebender ist es, einmal wirklich von einer Persönlichkeit und einer Leistung berichten zu können. Auch da freilich ist das Bild, das sich , vor unseren Augen entrollt, nichts weniger als anmutig: ein Krüppel, wie er darbt und leidet und auf geistigem Gebiete kämpft und ringt. Allein eben darin liegt vielleicht die ganze schicksalsschwere Tragik der dortigen Bevölkerung, und das ist es letzten Endes, was die Erscheinung aus dem rein Persönlichen ins Typische hinaushebt. Ein physischer Krüppel, der nach dem geistigen Lorbeer strebt. Ein Galeerensträfling, dessen Seele nach der Freiheit weint. Ein Raffael ohne Arme;, ein taubgeborener Beethoven. Wieviel wertvolle Kraft, wieviel kostbares Gut in diesem Ghettogewirr, ohne Volkstum, ohne Resonanzboden, ohne Anregung und Ansporn unwiderbringlich verloren geht .— wer vermöchte es zu sagen? Auf solchem Sumpfboden gedeiht eine edle Pflanze schwer. Und es müssen nahezu schon die eruptiven Naturgewalten des Genies bei einem Menschen vorausgesetzt werden, der unter solchen unsäglich lähmenden Bedingungen sich noch zu einer einigermaßen produktiven Tätigkeit emporschwingen solle. „Es war ein Glück, daß Luncz früh erblindet ist", schrieb vor kurzem in einer Würdigung seiner Leistungen eine hebräische Zeitung. „Ein Glück nicht für ihn, aber für die Wissenschaft, der er sonst verloren gegangen .wäre." Gemeint ist damit nicht, daß ihm, wie gewöhnlich Blinden, eine gesteigerte geistige Konzentration ermöglicht wurde, sondern, weil er sich nunmehr dem äußeren Zwange ausgesetzt sah, in'der literarischen Beschäftigung einen Erwerb zu suchen und mit Rücksicht auf sein Gebrechen in der Welt für seine Arbeiten eher Beachtung und damit pekuniären Gewinn finden zu können hoffen durfte. Nun feiert er sein 30 jähriges literarisches Jubiläum in Jerusalem . . Luncz ist 1856 in Kowno in Rußland geboren, wo er eine streng orthodoxe Erziehung genoß. Schon als Junge von sechs Jahren studierte er den Talmud, und im Alter von zwölf Jahren ging ihm in seiner Vaterstadt bereits der Ruf eines Talmudgelehrten voraus. Zu jener Zeit siedelten seine Eltern nach Jerusalem über, wodurch die vorwiegend religiöse Ausbildung des Knaben eine nur noch stärkere Note erhielt. Kaum in der heiligen Stadt angekommen, wurde er sofort von seinem Vater in die dortige Jeschiwä untergebracht. Mit großem Eifer oblag nun der kleine Luncz seinen schwierigen Talmudstudien und vielfach auch mit gutem Erfolg — und schon winkte ihm als herrlichster Lohn, eines Tages die Rabbinatswürde zu erlangen. Freilich begannen gerade damals auch noch andere Wünsche sich in seiner Brust zu regen. Der Fanatismus und Obskurantismus war allgewaltig zu jener Zeit in Jerusalem. Das einzig Erlaubte und ' Gebotene war das Studium des Talmuds und seiner Kommentatoren. Selbst die / Lektüre der Bibel war verpönt, und.geradezu als sträflich galt - es, sich mit der hebräischen Literatur zu beschäftigen. Allein auf die Dauer glaubte der junge Luncz ohne eine allgemeinere Bildung doch nicht auskommen zu können, und so begann er, zunächst freilich ganz heimlich und verstohlen, einen Teil der Zeit der Bibellektüre sowie dem- Studium der hebräischen Grammatik und der althebräischen Poesie zu 'widmen. Auch sonstiges profanes Wissen suchte er sich, soweit es bei den mißlichen Verhältnissen möglich war, anzueignen. Und bald sehen wir ihn als eifriges Mitglied der kleinen Gruppe von Intellektuellen, die damals in Jerusalem durch Aufklärung, und Verbreitung von Bildung den Kampf gegen Unwissenheit und Zelotentum aufzunehmen sich anschickte.. Es ist seitdem auch keine größere Organisation geschaffen worden, ohne daß er dabei aktiv beteiligt gewesen wäre. So hat er schon 1875 die erste, jüdische Bibliothek in Jerusalem mitbegründen helfen. Er, war dann einer der ersten Mitglieder der Bne-Brith- Loge, als sie 1888 in Jerusalem ins Leben gerufen wurde; und ^er hat sich auch aufs eifrigste betätigt, als man einige Jahre später daran ging, mit Hilfe der Loge eine jüdische National- ' bibliothek zu schaffen. Daß es ihm unter solchen Umständen an Haß, Verfolgungen und Verleumdungen jeglicher Art nicht gefehlt hat, versteht sich fast-von selbst. Und er hat alle diese Anfeindungen mit einer neuen Tat beantwortet, mit einer herrlichen Tat auf sozialem Gebiete, indem er ein Blindenheim begründete, das erste und einzige jüdische Blindenheim in Palästina. Von den vielen Wohltätigkeitsinstituten, die ich während meines letzten Aufenthaltes in Jerusalem besichtigt habe, hat vielleicht keines, bei mir einen so tiefen Eindruck hinterlassen wie diese Anstalt. Freilich nicht bloß durch ihre wohlgelungene Organisation und sorgfältige Verwaltung, sondern durch ihre ganze Tendenz. Hier werden Krüppel zu Menschen' gemacht und verwahrloste Wesen einer gewissen Daseinsfreudigkeit entgegengeführt. Nachdem sich Luncz im Jahre 1873 verheiratet hatte, und, so vor die Notwendigkeit , gestellt, für seine Familie zu sorgen, bald die Erkenntnis gewann, daß ein Rabbinerposten in Palästina ihm doch gar zu wenig Chancen nach dieser Richtung biete, versuchte er es zunächst mit dem Privatlehrerberuf, wobei er seine freien Stunden unablässig dazu benutzte, um sich fortzubilden und vor allem seine Sprachkenntnisse. nach Möglichkeit zu vervollkommnen. Schon damals reiste bei. ihm der Plan einer systematischen Erforschung Palästinas, wie dies bis. dahin noch von keiner Seite, in Angriff genommen worden war. Zu diesem Zwecke trat er eine längere Reise über Nablus nach Galiläa an, deren Ergebnisse er nach seiner Rückkehr in Jerusalem in verschiedenen hebräischen und anderssprachigen Zeitungen veröffentlichte. Bald gab er auch das Unterrichten ganz auf, um sich nur noch der wissenschaftlichen Tätigkeit zu widmen. Mit wahrem Feuereifer stürzte er sich auf das Studium der Geschichte und Geographie Palästinas und vermochte schon im Jahre 1876 das Buch „Netiw oth Zion Wijeruscha l a i m" herauszubringen, das eine vollständige Topographie Jerusalems enthielt. Der Anklang, den diese Schrift bei den Lesern und nicht minder bei der Kritik gefunden hätte, diente ihm als Ansporn, auf dem betretenen Wege weiterzugehen- und so begann er gleich mit der Materialiensammlung für ein großangelegtes Werk, das in drei Teilen eine erschöpfende Darstellung der Geographie und Geschichte der heiligen Stadt während' des letzten Jahrtausends umfassen sollte. Allein die anstrengenden Arbeiten, die vielfach im Entziffern alter, kaum leserlicher Druck- und Handschriften bestanden, brachten ihm ein Augenleiden bei, das mit dem völligen. Ver- .lust des Sehvermögens endigte.. Vergeblich suchte er in Wien, wohin er sich nach einiger Zeit begeben hatte, Heilung; Luncz blieb auf beiden. Augen blind.