Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- Seite 401 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Abraham, Jsaac und Jakob sind in unterwartet geschichtliche Beleuchtung gerückt worden. Die Ergebnisse der Ausgrabungen haben eine Ueberlegenheit besonders der mosaischen Gesetzgebung in allen Punkten erwiesen. Der jüdische Neligionslehrer kann sich der Ucberlieferung wieder mit besserem Gewissen anschließen; er darf auf die Darstellung der so lange mißhandelten biblischen Quellen wieder größeres Vertrauen setzen, ohne den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit auf sich zu laden. Die -jüdische Theologie sollte diese Wendung wahrnehmen, und mit neuen biblischen Studien auf den Plan treten. Von einer Diskussion null die Versammlung absehen, um nicht die gesamte Pentateuchkritik aufzurollen; jedoch soll die pädagogische Seite des Themas in der nächsten Versammlung noch eine besondere Beleuchtung erfahren. („Wie tragen wir in der Prima biblische Kritik vor?") Die Behandlung übernimmt Oberrabbiner Dr. Levr. Dr. Baeck bittet, von der vorgesehenen Vorlesung eines Kapitels aus seinem neuen Buche „Romantische und klassische Religion" abzn- .sehen, da der Gegenstand für eine kurze halbe Stunde zu anspruchsvoll sei. Dr. Jacob trägt-sodann einige Abschnitte aus^ seinen neuen Studien über den Dekalog (das erste und zweite Gebot) vor. Zunächst wird die Frage nach der genauen Abteilung und Zählung der Gebote .erledigt; dann die Erscheinung, daß den ersten fünf 'Worten Begründungen bei gegeben sind, den letzten fünf nicht. Das erste Gebot führt das göttliche Ich als Fundament des Ganzen ein; Er ist über der Natur, an keine Schranke gebunden; Er hat seine Zusammengehörigkeit mit-Israel durch den großen Einzelfall der Erlösungstat bewiesen. Er ist der. Gott der Freiheit, Freiheit ist sein Odem, sein Reich ist von dieser Welt. Der zweite Ausspruch ist nach Dr. Jacob nur unter dem Bilde von der Ehe zu verstehen. Kinah ist die sittlich berechtigte Eifersucht des Mannes gegenüber der der Untreue verdächtigen Ehefrau, und dahin gehören auch die Verba ahab und sane. Nicht Bilder vom wahren Gott zu machen, ist hier verboten, sondern überhaupt Bilder zur abgöttischen Verehrung; durch letztere werden die Bilder selbst Abgötter. Reicher Beifall lohnte die aufschlußreichen Ausführungen. In den freien Besprechungen, die den Schluß der Verhandlungen bildeten, fragte Dr. Caro wegen des Verhaltens des Rabbiners bei Feuerbestattungen an, insbesondere in betreff des Fungierens bei der Beisetzung der Aschenreste. Es wird darauf hingewiesen, daß der Rheinische Rabbinerverband zwar im Jahre 1903 ein Referat von Dr. Rosenthal beifällig entgegengenommen, einen formellen Beschluß aber nicht gefaßt habe. Die neue Situation in Preußen habe die Vereinigung der liberalen Rabbiner veranlaßt, erneut Stellung zu nehmen, es stünde den Kollegen frei, deren Beschlüsse in der Praxis zu befolgen. — Dr. Jacob macht aufmerksam auf den Bescheid des schlesischen Provinzialschulkollegiums an die katholische geistliche Behörde, wonach dieser zugesichert wird, den Religionsunterricht auch in den Unterstufen der höheren Schulen nur durch akademisch gebildete, rechtmäßig ordinierte Geistliche zu übertragen. Mit Danksagungen an die Referenten sowie an den Vorstand trennten sich die Teilnehmer. Mehrere derselben unternahmen noch eine Rheinsahrt nach Westhofen, die ebenso wie die Besichtigung einiger Sehenswürdigkeiten Kölns seitens der Damen am Vormittag in dankenswerter Weise von Herrn und Frau Dr. Caro arrangiert worden war. Uriltokratikch. Unter dieser Ueberschrist veröffentlicht ein Herr Kurd v. Strantz in dem Augustheft des „Türmer" einen Aufsatz, in welchem auch die Juden ihr vollgerütteltes Maß erhalten; es sollen hier nur die betreffenden Stellen angeführt werden. „In unserer gleichmachenden Zeit ist der aristokratische Begriff in- Verruf gekommen, obwohl er gar nicht parteipolitisch beschränkt ist. Er hängt auch weder mit der Geburt, noch einer politischen Ueberzeugung zusammen. Selbst die Sozialdemokratie hat mindestens einen aristokratisch veranlagten Führer, Lafsalle, gesehen. Es ist anderseits kein Zufall, daß der Schöpfer des englischen Imperialismus der überzeugte Jude Disraeli gewesen ist. - Als Lord BeacoNsfield antwortete er aus die Frage, was er nun eigentlich sei, Jude oder Christ: ,l am a developed Jcw‘ (ein höher entwickelter Jude). Als spanischer Jude vom Stamm der Sephardim dünkte er sich mit Recht weit erhaben über die deutschen östlichen Juden, denen er jedoch allen eine Herrscherrolle in der Welt zuwies. Italien erlebte auch noch einen jüdischen Ministerpräsidenten, der er noch jetzt ist (Luzzati)^). Sonst sind freilich hauptsächlich die deritschnamigen Juden die Führer der revolutionären Demokratie und Anarchie, wie es der Uebersetzer des disraelischen Dichterromans, Levy, selbst zugesteht^). Aber die Juden wollen die verführten Massen beherrschen; "als Mittel dient -ihnen der Geist und das Geld, das ihnen nicht ab'zusprechen ist. Ihre Ausbeuternatur ist Herrentum, freilich-in unschöner, unritterlicher Form." Da haben wir's schwarz auf weiß. Es hieße Eulen nach Athen tragen und verlohnt sich wirklich nicht der. Mühe, wollte man den Versuch machen, diese durch nichtsbewiesenen, so oft gründlich widerlegten Ammenmärchen von der Vorherrschaft und Ausbeuternatur der Juden nochmals ad absurdum zu führen. Aber es liegt Methode darin, immer von neuem diese gehässigen Anklagen zu wiederholen nach dem alten Worte: Calumniare audacter, semper aliqruid liaeret. Es ist gerade wie mit der Hydra: schlägt man einen Kopf ab, gleich wachsen sieben andere wieder heraus, zu überzeuge^ sind solche Leute doch nicht. Und vollends/ wenn diese Unwahrheiten, umgeben mit dem Mäntelchen der Wissenschaftlichkeit, unverfroren aufgetischt werden, zumal in einer so angesehenen Zeitschrift wie der „Türmer". Merkwürdig gut kommen die geadelten Juden bei dem Herrn v. Strantz weg. So sagt er von zweien: „Die Herren v. Friedländer und v. Caro sind keine Standesgenossen des. bösen Junkertums, sondern Unternehmer amerikanischer Art." Weiter heißt es: „Von den weißen Nassen sind die Semiten und Arier die herrschenden gewesen und sind es noch, da wir die Stellung des gemischten Judentums als zähen, nunmehr einheitlichen Volkstums nicht unterschätzen dürfen. Die Werte schaffen die Maschinen und der Geist des Unternehmers. Anders liegt es bei der meist in jüdischer Hand befindlichen Heimarbeit (besonders beim Bekleidungsgewerbe), wo der mißbrauchte Arbeiter die größten und schnellsten Vermögen der wenig tätigen Kapitalisten schafft, die häufig bloß auf Kredit arbeiten, also nicht einmal das Risiko tragen. Vergleiche man diese Ausbeuter mit der alten, aristokratischen Herrschsucht des Rittertums." Was soll man dazu sagen. So viele Behauptungen, so viele Unrichtigkeiten. Es fällt uns nicht im entferntesten bei, die jüdischen Arbeitgeber in Schutz zu nehmen, aber woher weiß denn der Verfasser, daßes meist jüdische sind? Wir wollen auch nicht so boshaft sein, auf frühere Vorkommnisse hinzuweisen, wie zum Beispiel auf das Elend der schlesischen Weber, wie das Gerhart Hauptmann seinerzeit so drastisch geschilderthat, ebensowenig auf jüngste Notstände zu exemplifizieren, wie unter anderem die geringe Entlohnung der Spitzenarbeiterinnen in Sachsen und Thüringen seitens meist christlicher Fabrikanten, auch nicht erinnern an das Schwitzsystem in England und Amerika, woran die Juden nur sehr gering partizipieren. Wie gesagt, all' das liegt uns fern. Wenn es aber gilt,; den Juden eins auszuwischen, da wird einfach generalisiert. Zu belehren sind solche Leute eben nicht; selbst gegen besseres Wissen schlägt man darauf los nach dem einfachen Rezept: Tut nichts, der Jude wird verbrannt. Der Verfasser -scheint sich Sombart zum Vorbild genommenzu haben. Ist inzwischen zurückgetreten. Der Einsender. 2) Da dem Einsender Me Uebersetzung des betreffenden Romans nicht vorliegt, so kann die Authentizität der Levhschen Aeußerung nicht uachgeprüst werden von einem Juden muß' sie äußerst befremden. '