Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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speziell einen mahnenden Hinweis auf die reichen Zuhörer verbunden hat, ist eine völlige Verdrehung der Wahrheit.' x Nach solchen Pröbchen der vollständigen Unwissenheit, des Verfassers in betreff meines Vaters ist die völlige Unkenntnis hervorzrcheben, in der. sich der Verfasser über das befindet, wasdiese Zeitung will. Er druckt den folgenden Satz aus meinem Artikel ab: „1. Das Judentum ist nicht international. Die Juden Frankreichs, Englands, Italiens, Deutschlands haben zwar einen Glauben, haben aber nurdadurch einen Zusammenhang, daß sie ihre Glaubensbrüder in anderen Ländern unterstützen, nicht weil sie sie als Volks-, sondern weil sie sie als Glaubensgenossen betrachten. Sie sind Söhne ihres Vaterlandes, das heißt Deutschlands, Frankreichs usw. und haben kein größeres Verlangen, als diesem ihrem Vaterlande zu dienen, keine heißere Sehnsucht als die, vollberechtigte Söhne dieses Vaterlandes zu sein. 2. Es ist absurd, den deutschen Juden eine Verdrängung des Deutschtums schuld zu geben. Wir streben danach, ganze Deutsche zu sein und die unter unsdie es noch nicht sind, dazu zu machen;" und fährt dann fort: „Wie Herr Geiger solche Worte gegenüber dem jüdischen Volke verantworten will, unterliegt nicht unserem Urteil. Wir aber fragen ihn: wenn Sie wirklich so heiß bemüht sind, ein guter Deutscher zu werden und Ihre, Stammesgenossen in gleichem Sinne zu erziehen, weshalb geben Sie dann die „Allgemeine Zeitung des Judentums" heraus?" Auf diese neugierige Frage habe ich folgendes zu antworten: 1. Ich und alle aufgeklärten Juden mit wir kennen kein „jüdisches Volk", sondern nur eine jüdische Glaubensgemeinschaft. Diese jüdische Glaubensgemeinschaft zu stärken in den einzelnen Staaten ist unser Bestreben. Eben weil unter den Juden noch gar viele existieren, die von dem Wahne erfüllt sind einer anderen Volksgemeinschaft anzugehören, als die Nation ist, unter der sie leben, gebe ich dieses Blatt heraus, um sie von ihrem Irrglauben zurückzusühren. 2. Dieses Blatt dient der liberalen Sache. Weil viele unter uns sind, die meinen, das Judentum bestehe ausschließlichin Formen und Gesetzen, im starren Festhalten an dem Alten, verteidige ich den liberalen Gedanken. Aber es sind noch manche andere Gründe, welche mich zur Uebernahme der Leitung dieses Blattes bestimmten. Zu ihnen gehört 3. das Bestreben, der Wissenschaft des I u d e n tum s zu dienender Entwicklung dieser jüdischen Literatur nachzugehen, den Anteil der Juden an der Literatur der verschiedensten Nationen nachzuweisen. Und vor allen Dingen 4. die Abwehr gegen ungerechte Angriffe, mögen sie in früheren Zeiten oder in den unserigen gegen das Judentum erhoben worden sein oder, wie es v.on dem neuen Verbände geschieht,-erhoben werden. „Die Juden müssen sich wehren", dieses tapfere Wort Ludwig Börnes habe ich stets ausi meine Fahne geschrieben. Gern nehme ich Akt von dem Bekenntnis der Verbandsleitung, das so lautet: „Herr Geiger erblickt endlich in unserem Verbände keine große Gefahr; auch darin hat er recht." Auf Kleinigkeiten der gegnerischen Ausführungen gehe ich nicht weiter ein. Ob wirklich der Bericht über die Versammlung der Agudoth Jisroel dem offiziellen Berichte entnommen worden ist oder von einem speziellen Gewährsmann herrührtist höchst irrelevant, nur möchte ich den Herren vom Verbände zu verstehen geben, daß ich und die durch mich vertretene liberale-Partei sich höslichst verbittet, mit der orthodoxen Agudoth Jisroel in einen Tops geworfen zu werden. Me Woche. . ' ' Berlin, 20. August 1912. n antisemitischen Blättern ist viel von einem: Artikel « des Herrn r'Ferd. Aveparius ^rm' Äugusthest des u n st war t " die Mede; die Blätter klagen in gewohnter Weise, daß der Artikel von den. liberalen.Blättern - totgeschwiegen werde. Ich habe den Aussatz bisher nicht zu Gesicht bekommen; erhalte ich ihn und finde etwas Bemerkens- ~ wertes darin, so werde i ch nicht schweigen.. Im „Berliner Tageblatt" . hatte Gras Siegfried s B e r n st o r f f an der mangelnden geistigen Beweglichkeit des deutschen Adels Kritik geübt. Dagegen hat Herr Ernst Kämpfer, in der „Kreuzzeitung" sich gewendet und eine sehr stattliche Liste deutscher adliger Schriftsteller und Dichter ausgestellt. Er leugnet zwar nicht den »Niedergang eines Teils unseres Adels", sieht aber den Grund dafür in „der bedauerlichen Instinktlosigkeit dieses Teils, der in Verkennung der vornehmsten Pflicht des Adels, der Reinhaltung der Rasse, sich nicht vor der Vermischung "mit sremdrässigen Elementen scheut und — das zur Vertretung der Interessen des Judentums gegründete „Berliner Tageblatt" zum Sprachrohr seiner Ansichten über seine Standesgenossen für geeignet hält." Wider solche Ausführungen ergreift das „Berliner Tageblatt" von neuem das Wort und führt aus, daß die von dem Grafen Bernstorff erhobenen Klagen schon früher von den Herren v. Perfall, F. v. Zobeltitz, Detlev v. Liliencron,. Freiherrn v. Grotthus, K. Breysig und besonders von Th. Fontane geäußert worden seien. Dieser zweite Artikel „Der Adel im deutschen Geistesleben" endet mit nachstehenden Bemerkungen: Da Herr Kämpfer zum Schluß seine Apologie des Adels mit einem gehässigen Ausfall gegen das Judentum verknüpft, so sei ihm angelegentlich zur Lektüre empfohlen das Werk: „Randglossen zum Buche des Lebens", in dem der ebenfalls von ihm mit Recht als eine Zierde dex deutschen Romanliteratur genannte Gerhard v. Amhntor unter anderem folgendes politisch-religiöse Bekenntnis ablegt: „Vergessen wir nicht, daß das Judentum schon.eine Kultur mit höchster und sinnigster Kunstpslege besaß, als unsere rötlich gelockten Vorfahren noch aus der Bärenhaut um ihre Weiber würfelten, so daß der volle Kranz des.Wissens und der wahren Bildung unserer Tage durch reichste Blüten aus dem Judentum untermischt ist." „Den Geist nähren, das ist Religion", hat einst Bettina v. Arnim gesägt. Die „Kreuzzeitung" und ihre Gesinnungsgenossen nähren aber nicht den Geist, sondern den Haß und die Vorurteile einer, barbarischen Zeit, in der wir — nach den Worten des Fürsten v. Pückler-Muskau („Tutti-Frutti", Teil I, Seite 221) — „zu unserer ewigen Schmach eine zahlreiche Klasse unserer Mitmenschen verv folgten und erst selbst verderbten, um sie nachher dieser Verderbnis wegen anklagen zu können." Heute hat sich leider ein sehr großer Teil des deutschen Adels von diesem mittelalterlichen Vorurteil noch: immer nicht freimachen können, das Nikolaus Lenau (Nikolaus Niembsch Edler zu Strehlenau) in einem Gedicht also kennzeichnet: „Ein kaltes, plumpes, blödes Ungeheuer, Das Herzen frißt und saugt Gehirne trocken. Das ewig wälzt, ein träger Wiederkäuer, ' Des Elends mittelalterliche Brocken." * Pr o sesso r v. L u sch an hatte in der Versammlung des „Deutschen Anthropologentages" zu Weimar eine Rede gehalten, in der folgende Worte vorkamen: ' „Nur einzelne Fanatiker sind es, die sich für die reine Zucht der hochblonden Längsschädelrasse aussprechen. Kein anderer als Bismarck hat der Vermischung das Wort geredet. Was die Gegner gegen die. Mischlinge geschrieben haben, beruht meist aus persönlicher 'Empfindung, es.fehlen aber die wissenschaftlichen Unterlagen. Gegenwärtig sind wir nicht einmal über die Frage der Fruchtbarkeit der Mischlinge unterrichtet. Ich bin der Meinung, daß die indogermanische