Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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76. Jahrgang Nr. 34 Berlin, 23. August 4912 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 JTl. — Postscheckkonto 32k. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps»« Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Iluäolk Glosse, verl!n, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Reduktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „AUgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46,49, zu rich en. Verlag von Rudolf Bkosse,. Berlin. Noch einmal der Verband gegen Ueberhebnng des Judentums. Von Ludwig Geiger. — Die Woche. — Rheinischer Rabbiner-Verband. — Aristokratisch. Von L. Oppenheimer. — Ein literarisches Jubiläum in Jerusalem: Abraham Moses Luncz. Von Dr. Alphons I. Susznitzki. — Sommerliche Theatersreuden. Von Ludwig'Geiger. — Adolf (Ahron) Jellinek. — Feuilleton: Rebekka Elkan. Novelle von Sophie Hoechstetter. — Literarische Mitteilungen. — S prech saa l. Der Gemeindebote lBeilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums").' Berlin, Hohensalza, Breslau, Hamburg, Vraunschweig, Frankfurt a. M., Würzburg, Nürnberg, Teplitz-Schönau, Budapest, Niüramarossziget, Lissabon, Petersburg. — Von Nah und Fern. Mach rinms! der Verband gegen Aeberhebung des Judentums. Von Ludwig Geiger. as muß man den Antisemiten lassen: sie beachten wenigstens, was man gegen sie schreibt. Könnte man nur hinzusetzen, daß sie das Geschriebeneauch richtig lesen und sachgemäß beantworten. Die am' 12. August erschienenen Nr. 3 und 4 der Zeitung „Auf Vorposten", wie sich die Mitteilungen des Verbandes gegen Ueberhebung des Judentums nennen, antworten auf meinen ersten Hinweis in der Nummer vom 25. Juni dieses Blattes und aus meinen Leitartikel vom 26. Juli. In dem Leitartikel der angeführten Nummer des Organs des Verbandes gegen Ueberhebung des Judentums, der als Abkürzung die ominösen Buchstaben: V. U. I. wählt, findet sich" ein Artikel an leitender Stelle: „Der Verband gegen Ueberyebung des Judentums bei (!) jüdischer Beleuchtung". Er beschäftigt sich durchaus mit meinen Ausführungen. Der Artikelschreiber wagt zu behaupten: „ich hätte ein mir in nicht ganz einwandfreier Weise zugegangenes Material verwertet". Dagegen muß ich aus das entschiedenste protestieren. Mir ist von einem Herrn, den die Verbandsleiter mit ihren Drucksachen beglückten, das ganze Material zugeschickt worden, mit der ausdrücklichen Ermächtigung, es zu verwerten, — wer kann sich bei dieser Sachlage unterstehen, den geringsten Vorwurf gegen mich zu erheben? Das Schönste ist, daß die Schriftleitung in derselben Nummer ihres Blattes „vertrauliche" Aktenstücke des Verbandes der deutschen Juden abdruckt. . Das scheinen die Herren, sobald sie es tun, für einwandfrei zu haltern „Ja, Bauer, das ist ganz was anderes."; Wie so manche meiner orthodoxen Gegner suchen auch die Herren des neuen Verbandes mich mit meinem Vater in Widerspruch zu setzen. Nun würde ich als aufrechter Mann trotz aller. Pietät, mich .durchaus nicht scheuen, Ansichten zu. verteidigen, selbst, wenn ich. wüßte,- daß'sie im. .Gegensatz.zw denen meines Vaters stehen. In diesem Falle aber stimmen meine Anschauungen mit denen meines Vaters vollkommen überein. 1. Mein Vater hat niemals eine Rückkehr nach Palästina gewünscht. Wäre der Verfasser des antisemitischen Artikels nicht so vollkommen unwissend, so würde er Kunde davon haben, daß mein Vater aus dem Breslauer Gebetbuch möglichst viele Stellen strich, die das Zurückführen nach Jerusalem und den Gedanken der Auserwähltheit ausdrückten. 2. Mein Vater war ein Gegner der Alliance isravlite, nicht, weil er die heilsamen Bestrebungen dieser Gesellschaft verdammte, sondern weil er fürchtete, daß durch die Wirksamkeit dieser Gesellschaft der nationaljüdische Gedanke propagiert und die Tätigkeit der deutschen Juden von wichtigeren Aufgaben abgelenkt würde,- die sie im eigenen Lande zu erfüllen hätten. 3. Der Verfasser mahnt mich, die Predigten meines Vaters zu lesen. Hätte er einen Blick in die Schriften meines Vaters geworfen, oder wüßte er auch nur das geringste von seinem Leben und seiner Tätigkeit, so würde er wissen, daß allerhöch- . stens ein halbes Dutzend Predigten meines Vates gedruckt sind, und daß palästinensische Gedanken und Wünsche in keiner einzigen dieser Predigten enthalten sind. 4. Der Verfasser des Artikels sagt: „bei jüdischen Ehe?, schließungen wird bekanntlich ein Gebet gesprochen, welches die baldige Vereinigung des jüdischen Volkes in Jerusalem erbittet. Wie oft hat Abraham Geiger da mit eindringlicher Stimme und nicht ohne höhnischen Beiklang auf die reichen Juden in Berlin W hingewiesen, die das Wohlleben unter den Wirtsvölkern niemals mit einer entsagungsvollen Zukunft im jüdischen Gottesstaate vertauschen würden." Ich will gar nicht davon sprechen, daß es zur Zeit des Wirkens meines Vaters 1870—1874 überhaupt noch gar keine reichen Juden in Berlin W gab, aber ich kann aufs bestimmteste versichern, daß mein Vater niemals in einer Trauungspredigt einen sülchen Gedanken auch nur von ferne erwähnt hat und Muß den * Verfasser auch ferner der gröbsten Ignoranz bezichtigen. - * In dem hebräisch gesprochenen Traungsformular, das also nur der geringste Teil der Zuhörer versteht, findet sich die. Formel: „Gelobt seist Du, der erfreut Zion durch seine Kinder", und sodann der Segensspruch: „Bald, o Ewiger, möge vernommen werden in den Städten Judas und den Straßen Jerusalems die Stimme Per Freude und der Wonne des Bräutigams und der Braut". Die Erwähnung solcher Wünsche ist also, wie jeder deutlich ersehen kann, nur ein Akt der Pietät, aber weder ein direktes Gebet, noch viel weniger eine Bitte um die Wiederherstellung Jerusalems. Es ist möglich, daß mein Vater solche - Benediktionen der alten Gewohnheit gemäß schnell hintereinander hergesagt; daß er damit den Ausdruck der eigenen Gesinnung verbunden oder