Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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16. Jahrgang Nr. 33 Berlin, 16. August 1912 Beilage zur „Allgemeinen Leitung tu*» ZudentumK". Sorrelpondrn?en und Ischriästrw Deutschland. Berlin, 13. August. Die Rednerliste des Verbandes der V er ein e sü r jüdische G e s ch i ch t e u n d' L i t er atust in Deutschland ist soeben erschienen und wird in den nächsten Tagen zur Versendung gelangen. Sie enthält Neben'einer-großen Anzahl von Namen alter bewährter Redner auch viele neue mit zahlreichen Themen über die verschiedensten Zweige der jüdischen Wissenschaft. Die Rednerliste ist, wie bisher, auch allen nicht zum Verbände gehörigen Vereinen, Logen, Jugendvereinen usw. zugänglich Und kann vom Sekretariat des Verbandes (Berlin-Pankow, fflorastr. 58), an das auch alle den Verband betreffenden Anfragen und Zuschriften zu richten sind, gratis bezogen werden. L2 Berlin, 13. August. In der Anthropologischen G'e sellschast sprach Dr. Boas aus New Hork über seine Untersuchungen an den Einwanderern in New Kork und ihren Nachkommen. Er hatte dabei eine Aenderung in den Körpersormen festgestellt, und in der Debatte über die Ergebnisse seiner Arbeiten wurde behauptet, daß er einer neuen amerikanischen Rasse, die sich allmählich entwickelte, das Wort geredet habe. Andere wieder waren der Anschauung, daß sein Material zu gering sei, um bestimmte Schlüsse daraus zu ziehen. — Demgegenüber legte nun Boas vor dem Forum der Anthropologen in Berlin eingehend seine Untersuchungsmethode dar. Er^hat Böhmen, Juden und Italiener untersucht und einwandfrei sestgestellt, daß bei den in Amerika geborenen Nachkommen eine Aenderung der Schädelform zu konstatieren sei. Allerdings geht diese Aenderung nicht in der gleichen Richtung, indem zum Beispiel die Nachkommen der Juden langköpfiger, die Nachkommen der Italiener dagegen breitköpsigex. geworden sind. Die Gesichtsbreite jedoch hat bei allen Nachkommen abgenommen, so daß also die in Amerika geborenen Nachkommen schmalgesichtiger geworden sind als ihre europäischen Vorfahren. Durch sorgfältige Nachprüfung seines Materials; und durch mathematische Berechnungen und Erwägungen glaubt Professor Boas es unwiderleglich dargetan zu haben, daß in der Tat eine Aenderung des Längen-Breiten-Jndex bei den Einwanderern stattgesunden hat. Doch ist er in den Schlußfolgerungen aus seinen Untersuchungen sehr vorsichtig,- er erklärt es für ein Mißverständnis, daß er behauptet, es entwickle sich ein neuer amerikanischer Typ! Er sprach nur von einer gewissen Aenderung in einer gewissen Richtung. Auch die Frage, wohin diese Aenderungen führen, läßt er offen. Desgleichen will er den Zusammenhang zwischen der Aenderung des Längen-Breiten-Jndex und den sozialen Verhältnissen nicht gelten lassen. Er weist , vielmehr , darauf hin, daß bei einer Verpflanzung in ein neues Land sich allenthalben gewisse Aenderungen geltend machen. So wäre cs zum Beispiel wünschenswert, daß Untersuchungen angestellt würden über die Aenderungen in den. Körperformen der osteuropäischen Juden, deren Nachkommen heute in Berlin oder London wohnen. Hierbei würden sich nach der Meinung von Professor Boas ganz ähnliche Verhältnisse ergeben wie bei den Einwanderern in Nordamerika. — Aus diesen Darlegungen geht wohl das eine, klar hervor, daß von der allmählichen Entwicklung einer „amerikanischen Rasse" in anthropologischer Beziehung noch nicht gesprochen werden kann. ^2 Allenstein, 9. August. Auf die Beschwerde eines jüdischen G r u n d b e s itz e r s wegen Heranziehung zu Kirchenbaulasten der ka- . tholischen Gemeinde ist vom hiesigen Zivilgericht folgende Entscheidung ergangen: „Nach., den Erkenntnissen des Ober-Tribunals vom 17. 12. 1852 und 8, 11. 1854 sind alle Besitzer belasteter Grundstücke; ohne Unterschuß der Religion zu den dringlichen Lasten und Abgaben; bei einer Parochialkirchd heranzuziehen; desgleichen sind die ansäs- •- ügen jüdischen Mitglieder einer Stadt- oder Dorfgemeinde verpflichtet, die nach Maßgabe des Grundbesitzes zu entrichtenden Beiträge zur Erhaltung der Kirchensysteme zu tragen; ferner sind auch alle jüdischen Grundbesitzer zur Leistung der aus ihren Grundstücken haftenden kirchlichen Abgaben verbunden. Entscheidend ist für die Pflicht des jüdischen Grundeigentümers, nach Maßgabe seines Grundbesitzes zu den Bauten der Parochialkivche beizutragen, in deren Bezirk sein Grundbesitz gelegen ist, daß der letzte christliche-Grundbesitzer nach seinem Religionsbekenntnis dazu verbunden war. Die Heranziehung zur Kirchensteuer besteht also zu Recht," ösv Esten, 11. August. Am 31. v. M. erfolgte eine Besichtigung der.Eisenbetonarbeiten am Neubau des Kuppelbaues der hiesigen Synagoge durch etwa 45 Schüler der Königlichen Baugewerkschule zu Essen (Ruhr) unter Beteiligung des Baugewerkschuldirektors Schau und der. Regierungsbaumeister Oberlehrer Janz, Richter und Müller. Die Führung hatte der. leitende Ingenieur der Eisenbahnbaugesellschaft Jewer. & Co., Herr Ingenieur G. Dahlmann übernommen. Dieser gab in einem Vortrage ein anschauliches Bild über die Entstehung dieser eigenartigen Konstruktion und über die statischen Verhältnisse der einzelnen Konstruktionsteile. Aus seinem Vortrage mögen für die Allgemeinheit die einzelnen Zahlen über die Größe dieses kühnen Bauwerkes wiedergegeben werden. Der eigentliche Kuppelbau hat eine Grundfläche von 22,80 Meter Länge und 17,76 Meter Breite, insgesamt also 406 Quadratmeter. Die Höhe des Kuppelbaues vom Fußpunkt bis zum Scheitel ist 30,35 Meter, während die Spitze sich rund 41 Meter an der Alsredistraße emporhebt. Das Ge? wicht, welches an den vier Stützpunkten der Kuppel ausgenommen wird, beträgt rund 1700 000 Kilogramm. Aus dieser Zahlenangabe ersieht man die Größe des Bauwerkes, und es erklärt sich hieraus, der anscheinend langsame Fortschritt des Werkes, Aus der bis jetzt vorhandenen geschlossenen Baugruppe erkennt man keineswegs, die oben' in Zahlen genannte Größe des von der Kuppel überspannten Raumes. Ein derartiger Kuppelbau in solcher Kühnheit und für so ungewöhnliche Lasten soll bjsher noch nicht ausgesührt,worden sein.. Es dürfen daher der Künstler Herr Professor Ed. Körner, als. auch der bereits obengenannte, Konstrukteur mit gerechtem Stolz auf das Werk ihrer Schöpfung blicken. Köln, 9. August. Der Verein Israeli t i s ch e s L e h r l i n g sh eim Köln erstattet soeben seinen Bericht über das Vereinsjahr vom 1. April 1911 bis 31. März 1912. Aus demselben ist zu ersehen, daß die Zahl der Zöglinge im Berichtsjahre sich gegen die früheren Jahre vermindert hat (24 gegen 34 im Vorjahr, 42 1909/10), hauptsächlich darum, weil nur solche Knaben Ausnahme fanden, die nach ihren körperlichen, geistigen und moralischen Eigenschaften genügende Aussichten auf eine erfolgreiche Ausbildung boten. (Am 1. April d. I. sind aber schon 9 neue Zöglinge eingetreten.) Um so mehr wird auf die Wahl guter Werkstätten sowie auf die Fortbildung der Zöglinge in den Elementarkenntnissen und in den für den Handwerker heutigen Tages so nötigen geschäftlichen und technischen Fächern großes Gewicht gelegt. Zur Ergänzung des obligatorischen Fortbildungsunterrichts in den Fachschulen, der wöchentlich 6—8 Stunden betrügt und für einzelne Handwerke einen ganzen Tag wöchentlich in Anspruch nimmt, erteilt Herr Lehrer Grunebaum noch 3 Stunden Unterricht im Heim, und zwar gesondert in 2 Abteilungen: in einer Klaffe für die Fortgeschrittenen, in einer zweiten für die jüngeren Zöglinge bzw. die mit geringen Elementarkenntnissen Ausgerüsteten. Dieser Unterricht findet, da die Werkstattarbeit Tages- und Abendstunden in der Woche kaum freiläßtz im Winter Sonntags nach 6' Uhr, im Sommer Sonntagsmorgen statt. In anderen freien Stunden erteilt Herr Inspektor Katzenberg noch technischen Unterricht, so in Rechnen, Zeichnen und Mathematik. Letzteren für die Zöglinge, welche später die Maschinenbauschule besuchen wollen. Ueber religiöse Themata und nachbiblische Geschichte hält Herr Rabbiner Dr. Caro Freitag abends Vorträge. Der Turnunterricht,-der bisher abends ersteilt wurde, wenn die Zöglinge bereits von der Arbeit ermüdet waren, wurde ebenfalls auf Sonntagmorgen verlegt. Die Sönntagnachmittage werden Ausflügen oder Spielen im Freien gewidmet. — Um auch die als Gesellen entlassenen früheren Zöglinge und die anderen hier arbeitenden jüdischen Handwerker zu geselligen Zusammenkünften zu sammeln und ihre weitere Ausbildung zu fördern, regte der Vorstand die Gründung eines jüdischen Gesellenvereins an, dem sich bereits ca. 30 Gesellen angeschloffen hüben. Die