Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- Seite 396 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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-v S96 die Mutter nicht mehr findet, — sie ist unterdessen, gestorben^/Ich wiederhole, was ich schon mehrmals gesagt:., Dembitzer gebietet über dichterische Stimmung. Er besitzt ein wirklich poetisches Talent, aber, er sollte sich zusammenraffen und in einer größeren Erzählung oder einem umfassenden Epos feine Kraft und sein Talent erproben. L. G. v?’- — V on Bismarck bis Bülow. Erinnerungen und Begegnungen an der Wende zweier -Jahrhunderte, von Sigmund'Münz. 2. Ausl. Verlag von Georg Stille, Berlin. Ein gewiegter Journalist plaudert in diesem Buche in sehr unterhaltender Weise über die bedeutenden Staatsmänner der jüngsten Vergangenheit und legt seinen Plaudereien Unterredungen mit Rottenburg, Boetticher und anderen zugrunde. Der Umstand, daß der Verfasser des Buches ein Jude ist, würde nicht genügen, das Werk anzuführen, wenn nicht mancherlei in dem Buche sich fände, das das jüdische Interesse berührt und dadurch speziell jüdische Kreise interessiert. Da ist z. V. ein großer Abschnitt S. 121 ff. Bismarck und Heine, darin wird berichtet, wie Bismarck seine Sympathie für ein Heinedenkmal in Deutschland ausdrückt, und es findet sich darin die höchst merkwürdige Stelle: „Ich hätte, wäre ich an seiner Stelle gewesen, kaum anders gehandelt. Hätte es mir, wenn ich, wie Heine, als Jude geboren wäre, gefallen können, daß man um acht Uhr abends die Tore der Judenstadt abgesperrt, überhaupt die Juden unter die schwersten Ausnahmegesetze gestellt hat? Ein Heine mußte naturgemäß in dem Manne, der die französische Gesetzgebung in die Rheinlande brachte, die Ausnahmegesetze insgesamt aushob, einen Erlöser von martcrvollem Drucke preisen." Sehr hübsch sind auch die Aeußerungen Bismarcks über Eduard Simson, der, wie Münz andeutet, zu des Kanzlers Lieblingen gehörte. Bon hervorragender Wichtigkeit sind aber die Aeußerungen des Fürsten Bülow über Herzl und Zionismus, aus denen hier nur die eine kleine Kraftprobe gegeben werden soll: „Die deutschen Juden zumal wären durch ihre ganze Geschichte und durch ihr von nicht gewöhnlicher Begabung und Zähigkeit getragenes Eingreifen in das deutsche Wirtschasts-, Geistes- und Kunstleben zu sehr mit Deutschland verknüpft, als daß sie das Bedürfnis empfinden könnten, sich in ein aussichts- und uferloses Palästinaexperiment hineinzustürzen," Mau sieht schon aus diesen wenigen Stellen, daß die Leser unseres. Blattes bei der Lektüre des Buches auf ihre Kosten kommen. Aber das Buch ist so anschaulich und unterhaltend geschrieben, daß es für alle politisch und geschichtlich gebildeten Leser, die an einer angenehmen Lektüre Freude finden, eine Quelle des Genusses sein kann. L. G. — I m Tale Saron II. Gedichte jüdisch-religiösen Inhalts, sowie hebräische Gebete, Lieder, Sprüche und Bibelstücke in freier, poetischer Nebertragung von Max Herschel, Berlin 1912. Verlag von M. Poppelauer. Eines von jenen Büchern, bei denen der Kritiker gern.schweigt und dem milden Menschen das Wort läßt. Selbst wenn mir jemand Nachweisen könnte, daß die hier zusammengestellten Uebersetzungen des Buches Hiob, des Predigers, der Sprüche Salomos und zahlreicher Proben aus den Propheten und den Psalmen dem Original nicht vollständig entsprächen, daß Fehler und Jrrtümer darin vorkämen, würde ich den Liebhabern alttestamentlicher Poesie sagen: Greift zu diesem Buche, das ein poesiefreundlicher Mann in seinen Mußestunden zur eigenen Erhebung schrieb und sehr schön ausstatten ließ, was man bekanntlich nicht von allen ähnlichen Erzeugnissen der jüdischen Literatur sagen kann. Die Gedichte, welche den Schluß der Sammlung ausmachen, Gelegenheitsdichtungen mannigfachster Art, sind meist ernst religiös gestimmt, sinnig und lesbar geschrieben. Es ist keine hervorragende poetische Leistung, aber der schlichte Ausdruck eines tief empfindenden Menschen, den man, wo er auch erschallt, begrüßen und wohl empfehlen darf. L. G. — MilitärvereinDeutschesVaterland. Bericht über das 17 .Geschäftsjahr 1911 nebst Mitgliederverzeichnis. Ausgabe für 1912/13. Im allgemeinen nehmen wir in dieser Rubrik von Vereinsberichten keine Notiz; hier machen wir eine Ausnahme, weil es sich um einen Verein jüdischer Kameraden handelt und gerade der Nachweis der Beteiligung der Juden am Militär ein sehr wichtiger Gegenstand unseres Blattes ist. Der genannte Verein besteht aus 494 Mitgliedern; dazu kommt eine stattliche Reihe Ehren- und immerwährender .--Mitglieder, Offiziere- und Sanitätsoffiziere; freilich ist unter diesen nur ein einziger Oberleutnant a. D. Der Verein will das .kameradschaftliche-Bewußtsein stärken;- veranstaltet zu diesem Zweck Feste, Vorträge,.beteiligt.sich an den allgemeinen militärischen Feierlichkeiten. Der Bericht schließt mit folgenden Worten, denen wir an dieser Stelle gern.Raum geben: „Halten,wir uns dies Gelöbnis, mit dem wir 'die Treue zum ' allerhöchsten Kriegsherrn, die Liebe zum Vaterlande, die .kameradschaftliche-Gesinnung gegenüber den Mitgliedern verbinden, stets vor Augen und wir werden den Militärverein Deutsches.. Vaterland groß und glänzend dastehen sehen, zur freudigen und stolzen Genugtuung für uns selbst, dem Vaterlande aber zum Ruhm und zur Ehret" L. G. Von — Vo m Verge.Sinai. Eine neue Gesetzestafel. Terrestis. Erd.-Verlag, Elberfeld. 1912. Derartige Bücher sollten überhaupt nicht erscheinen/ In 48 Seiten kann man nicht mit Weltreligionen-abwirtschaften und eine neueReligion empfehlen. Was der Verfasser will, sagt er in den letzten Seiten seiner Emleitt'mg: „Fort mit der rückständigen zwei- und mehrtansendjührigen orientalischen'Ueberlieferung und neuen Wein in jenes ewig dürstende Gefäß der Erkenntnis, keinen berauschenden,, die Phantasie jns Jenseits führenden Himmelswein, sondern einen nüchternen, aber stärkenden und kräftigenden Erdwein! Möge sich bald die Christenheit um das Banner einer natürlichen, irdischen Religion scharen und. als wobre Kinder der'Mutter Erde statt Christen sich Terristen nennen!" In dem Büchlein ist manches ganz verständig, daneben viel Uebertriebenes (z. B. die Äeußerung über Mutterschaft) und Schiefes. Wer gegen die Religion und gegen die gesamte Weltordnung zu Felde zieht, müßte mit gründlichen ' naturwissenschaftlichen und philosophischen Kenntnissen ganz anders ausgerüstet sein, als unser Verfasser. L. G. — Korrespondenzblatt des Verbandes der deutsch e n Juden, herausgegeben von dessen Generalsekretär Dr. M. I. Lo ew enth al Berlin. Nr. 11. Juni 1912. . Ohne den übrigen Beitrügen dieses Heftes zu nahe zu treten, die durchaus empfehlenswert sind, , soll nur auf die Rede Baecks „Das Judentum unter den Religionen", hingewiesen werden. Es war ein sehr guter Gedanke, des .Verbandes der deutschen. Juden, diese tief durchdachte, glänzend, geschriebene Rede auch den vielen zugänglich zu machen,, die der Verban.dsversammlung im Oktober 1911 beizuwohnen nicht in der Lage waren, es wäre sehr zu wünschen, daß diese Rede allgemein gelesen wird. L. G. Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden i n Deutsch l ä n d. Von Dr. oee. publ. I a k o b S e g a l l. Berlin 1912. - - Es sind sorgfältige fleißige Studien, die ihren Stoff in fünf Kapitel gliedern: Bevölkerung, die erwerbstätige. Bevölkerung; berufliche Gliederung; , soziale Schichtung und Einkommensverhältnisie; Frauenerwerb. Eine Kritik kann und will ich nicht schreiben; ich begnüge mich mit einer Hervorhebung einzelner Notizen. Zunächst wird die oft wiederkehrende Angabe, daß die Juden ausschließlich in großen Städten wohnen, zerstört, wenn auch ihr Zuströmen in größere Plätze nicht geleugnet werden kann. Von hundert Juden wohnen in Städten unter 20 000 Einwohnern in Preußen 53,83, in Bayern in Städten unter 5000 Einwohnern 57,65. Die Zunahme der Juden ist allerdings gering, in Preußen beträgt sie auf 1000: 3>39, während bei 1000 der Gesamtbevölkerung die Zahl 16,17 ist. Dieser Tiefstand ist begründet durch den Niedergang der Geburten und durch die Taufe. — Die Beteiligung an der Landwirtschaft ist leider noch immer, sehr gering. Sie. betrug 1907: 3746,. d. h. 1,3% aller Erwerbstätigen. Was die Verteilung der Gewerbe anbetrifft, so kommt auf Berlin mit Charlottenburg, Neukölln, Schöneberg (warum nicht auch Wilmersdorf?) nur 1,8%. Was das Einkommen betrifft, so sind die Ausführungen besonders wertvoll, vor allem sei auf S^-75 aufmerksam gemacht, wo die Folgerungen Sombarts aufs gründlichste widerlegt werden. Sehr -interessant ist auch das Kapitel Frauenerwerb. Im ganzen haben wir eine höchst wichtige Arbeit in dieser Publikation zu begrüßen, die zwar nicht immer erfreuliche Gedanken erregt, aber wegen ihres Fleißes und ihrer Sorgsamkeit sehr zu rühmen ist. L. G. ■üiiiifiül!