Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- Seite 394 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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fchwister find, und weil sie in Liebe ging, berührte sie die Mitteilung nicht wie ein Schrecken, eher als etwas Notwendiges. : Dann, wieder ganz zu sich selbst zurückkehrend, fühlte sie es als gut, daß Abendstunden vor ihr lagen, an denen sie nicht die Reden der Tanten hören mußte. So konnte sie unabgelenkt ihren Gedanken nächhängen.; Sie ging, noch ruhelos von den letzten Gesprächen mit Conny Reneß, in das Vorverzimmer des Hauses — in „die schöne Stube", wie man sie nannte. Dort standen die Möbel und Sachen, welche die Tanten nicht vermieteten, die sie aber auch nur ganz selten für sich benutzten. Das Pesachgeschirr stand da in einem alten, sorgsam behüteten Barockschrank, Seine Politur glänzte mit den Mesüngbeschlägen um die Wette; an den Wänden hingen alte Kupferstiche in Platten braunen Rahmen, und ein langes Sofa mit vielen Kissen war da, das sollte aus dem Deberndorfer Schloß stammen. In dem Schreibkasten,' dessen gerollte Wand sich nur öffnete, wenn man einen verborgenen Federdruck kannte, verwahrten die Tanten ihre Familienpapiere. Der Onkel kam überhaupt fast nur zu Pesach herauf in dieses Zimmer, wenn . das feierliche Essen war und er aus „dem Buch" die Errettung aus Aegypten vorlas. Beim Anblick des Schrankes mit dem österlichen Geschirr kam Rebekka Elkan jäh zum Bewußtsein, daß Pesach und mit ihm in diesem Jahre auch das christliche Ostern sehr nahe war. Und sie erschrak. . Dann ging ja Conny. Das erschütterte sie in seiner Nähe. Es war bisher noch vor ihr als ein Plan gelegen — die Bedenkung der nächsten Zeit. Es klopfte an der Tür. Mechanisch und gleichgültig sagte Rebekka Elkan: „Herein!" Und da stand ein fremder, großer Herr vor ihr. Die Gaslaterne am Hause erleuchtete einigermaßen das Zimmer. „Fräulein Elkan?" sagte der Fremde. „Ja, ich bin Rebekka Elkan." „Ich bin der neue Mieter. Ist Ihre Tante nicht zu sprechen?" Rebekka sagte, daß dies für heute ausgeschlossen wäre, aber ob sie nicht die Wünsche des Herrn von Rosenkreutz erfüllen könne. Herr von Rosenkreutz, durch die sanfte Stimme der Rebekka aufmerksam geworden, sah sie interessiert an, und er fand, dieses Gesicht unter dem blaüschwarzen, etwas gebauschten, lose aufgenommenen Haar erinnerte seltsam an die Jünglingsbilder des zweiten Ludwigs von Bayern. Wie kommt dies Mädchen hierher? dachte er. Er nahm den gebotenen Sitzplatz an und sagte: „Ihre Tante — nicht wahr. Sie sind nicht ein Kind des Hauses? — erzählte mir, daß zu Ihnen öfter ein junger Mann käme, der hier in der Gegend beheimatet ist und von den französischen Refugies abstammt?" Rebekka erschrak einen Moment lang. Herr von Rosenkreutz aber fuhr gleich fort: „Es ist ein gebildeter junger. Mann, wie mir Ihre Tante sagte. Darum möchte ich ihn gern'sprechen. Es ist, ich mache eine Arbeit für die französische Akademie über die Geschichte dieser Vertriebenen. Jedoch draußen auf den Dörfern fand ich kaum jemand, der mir Aufschlüsse geben konnte." . „Das kann gewiß Konrad Reneß," sagte Rebekka Elkan, nun unbefangen und mit einem gewissen Stolz. „Ich . weiß zufällig, daß er sich für die alte Herkunft sehr interessiert hat. Es war einmal — vor langer Zeit ein großer Brand in Wilhermsdorf. Da sind die Matrikeln verbrannt. ..Aber Konrad Reneß hat die Inschriften von alten Grabsteinen gesammelt im Lande; er hat bei alten Leuten gefragt, und seine Mutter hatte auch manche Aufzeichnungen —" 1 „Das ist gerade, was ich suche," sagte Rosenkreutz erfreut. „Und glauben Sie, Herr Reneß würde bereit sein, mir Einblicke in sein Material tun zu lassen?" Ein Gedanke kam Rebekka Elkan. Wenn dieser fremde Herr, der von der französischen Akademie sprach' und gewiß sehr gelehrt und vornehm war, doch vielleicht Conny irgendwie raten könnte. Sie sagte impulsiv: „Konrad Reneß wird gewiß sehr glücklich sein, wenn jemand Interesse 'in den Dingen nimmt, die ihm so nahegehen und die so wichtig sind. Hier ist niemand, der noch Teilnahme an diesen Vergangenheiten hat. Die Vertriebenen waren arm. Strumpfwirker und Seidensticker, Vielleicht lernten sie das erst in der Fremde. Sie konnten sich nicht höher bringen, sie hatten ja alles zurüägelassen. Auch die Sprache ist lange verwischt. Nur einzelne Worte haben sie noch, ein wenig Gallizismen, ähnlich wie wir Juden Talmudworte einfügen." Herr von Rosenkreutz dachte, sie nimmt Anteil an dem .jungen Reneß. Und vielleicht spricht sie ein wenig seine Sprache. . „Darf dann morgen/gegen den Abend, der Konrad Reneß seinen Besuch machen?" fragte, sie. Herr von Rosenkreutz nahm dankend an. „Herr Reneß kommt oft in Ihr Haus?" Ein kleines Lächeln , ging über Rebekkas bleiches Gesicht. „Viele Jahre schon. Er hat niemand Angehöriges, keine Verwandten, meine ich. Und er hat sich hier nie eingepaßt, obwohl er in dem Lande geboren ist." Herr von Rosenkreutz bewunderte die Möbel des Raumes. Er wollte gern noch ein wenig mehr von dem Mädchen hören, das ibm 10 seltsam aus der Umgebung zu fallen schien. Er deutete auf eine gotische Truhe und fragte nach ihrer Bestimmung. Da errötete Rebekka Elkan ein wenig. In dieser Truhe lagen die „Sargenen" ihrer beiden Tanten. Und am „Langen Tag" gingen sie damit über die Straße nach der „Schul", der Synagoge, bunte Theatermäntel über den Sterbehemden. „Die Nachbarskinder pflegten alljährlich dieses Ereignis mit ihrer .Teilnahme zu verfolgen, denn der Anblick bot sich nicht oft in der Stadt, und die sonst so unauffälligen Tanten gewährten ein sensationelles Bild, Rebekka antwortete: „Hier haben wir das Ostergeschirr und andere Kultusdinge verwahrt." — Als Herr von Rosenkreutz gegangen, fühlte Rebekka, es sei etwas Neues in ihr Zuständliches gekommen. Sie wollte sich freuen, denn wie gut war es, wenn Conny jemand fand, der einen feinen klügeren Anteil an seinen Dingen nehmen konnte als die Leute, die sich draußen in Burgfarrnbach um ihn bekümmerten. Dieser Herr war aus der „Welt", in die Conny strebte, es wurde wohl seine allererste Berührung mit der fernen-Welt. Sie wollte sich freuen und konnte doch nicht. Es war ihr etwas im dunkelsten Gefühl, als könne aus dieser Begegnung Ungutes für "Conny erwachsen. Und doch schien ihr selbst Herr von Rosenkreutz eine anziehende, und bedeutungsvolle Erscheinung. Er war ganz anders als die Männer, die sie außer Conny kannte. Etwas Gütiges lag in seinem Wesen, trotzdem er es ja war, der mit einer Bitte gekommen. Die' feinere Art, die ihn von ihrer Umwelt sonderte, fühlte Rebekka Elkan und empfand sie, mehr instinktiv als bewußt, als etwas Vertrautes. Im Hintergrund von Rebekka Elkans Tagen war das langsame Dem-Tode-entgegengehen der Großmutter Grüntal, einer alten Freundin von Elkans. Im Hintergrund zog sich ein Sterben durch viele Tage und machte vielleicht eines anderen