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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-08-16 · Heft 33 (16.8.1912) · p. Seite 393

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 33 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
Seite 393 (sequence 9)
Language
German
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Was ihn als Gelehrten vor allem auszeichnete, das war fein Reichtum an Ideen, die er zwar selber nicht zur Ausführung .bringen konnte, weit ihm einerseits Amt und Beruf und anderseits weil seine Begabung auf anderem Felde lag, daran verhinderte, die aber dennoch nicht verloren gingen, da er sie an seine nahe und ferne Umgebung verschwendete. Als Mann von Ideen, lebte er auch für dieselben, stets bereit, für sie und deren Verfechter die schwersten materiellen und ideellen Opfer zu bringen. -(Schlich folgt.) IE3S31 NrbrKKs Llksn. Novelle von Sophie Hoechstetter. II. ebekka Elkan saß in der Mansardenstube, die den Blick 'V'V aus den. Dogenpalast hatte., Die Mitternacht war vorüber. Von drüben aus den Gasthäusern „Zum Brandenburger Hof" und „Zu den heiligen drei Königen" drang noch Lärm. Rebekka Elkan aber war diesem Gegenwärtigen weit entrückt. Ihr Herz war erfüllt von dem, der so viel Mut hatte, nicht nur den Mut der stolzen Worte, von denen sie wohl glaubte, daß es des Konrads eigenste waren, sondern auch den Mut des Tuns. Sie war ein Kind dieser Stadt, aus der so viele Söhne von Handelshäusern nach Amerika gehen, freilich auf vorgezeichneter Bahn, in sicheren Geschäftsbeziehungen, mit Kreditbriefen und Verbindungen. Darum erschien es ihr nichts Fremdes oder Unerhörtes, daß man sein Glück in einem andern Lande mache, seine Existenz dort gründe. Naheliegender war ihr das als dem Konrad Reneß ein solcher Plan an sich. Sie konnte es kaum herausfühlen, daß er fast betäubt war von der eignen Kühnheit des Entschlusses. Die Semiten sind früher reif, sind früher Mann, früher Erwerbender. Es schien Rebekka Elkan ganz begreiflich, daß Conny nicht in den engen Verhältnissen des Dorfes, der Abhängigkeit, der kleinen Laufbahn bleiben wollte. Hatte er doch keine Familie, die für ihn sorgte, die ihm die Wege bereitete, die ihn hielt. Fremde, ihr ganz fern dem Erfassen stehende Menschen waren es, ein Schullehrer, eine alte befreundete Jungfer, die um Konrad dachten, die ihn eingliedern wollten in schmerzlich enge Verhältnisse. Vielleicht auch hofften sie,- es fänden sich Stipendien, Gönner, und es könne ein Pfarrer aus ihm werden — ein Pfarrer in irgendeinem der alten Dörfer da draußen im Lande, wo die Vertriebenen aus Frankreich einst Heimat gefunden. Für Rebekka, die Jüdin, war mit diesen Gedanken nur die Ablehnung verknüpft. Ja, Conny mußte gehen. Er ging ja heim, wenn er nach Paris ging, und es rührte ihre Seele irgendwo, daß er Frankreich auch sein geistiges Vaterland nannte. In die Mansardenstube zu Rebekka Elkan kam das Schicksal geschritten und küßte sie auf den blassen Mund. Es kam und hatte die dunklen verschlossenen Züge des jungen Reneß, der für Rebekka Elkan allein ein Erschlossener war. Und sie sehnte sich nach des jungen Reneß heißen Lippen, und im Taumel der einsamen Nacht dachte sie, wie es sein würde, wenn sie in die fremde große Stadt kam, von ihm erwartet, von seiner Wärme umfangen. . Die losen Blätter auf dem Tisch schufen Verheißungen und schufen kühne Geschehnisse — die kleine Stube weitete sich —- und die Geräusche der alten Stadt waren in Rebekka Elkans - Schlaf hinein wie ein Rauschen des großen Stromes, dem wir uns anvertrauen zur Fahrt nach dem Lande des Wunders. Des Märzabends gelbe Helle brannte noch am Horizont, als Rebekka Elkan und Konrad Reneß das Dorf Burgfarrnbach hinter sich ließen und gegen Fürth zu wanderten. Und der kaum zwanzigjährige Abenteurer redete, unterstützt durch den Reiz seiner Stimme und seiner Erscheinung, von seinen fliegenden Plänen. - Still ging Rebekka Elkan neben ihm. Ihr waren die Worte nicht so gegeben. Sie fühlte, während er sprach, vertieft in die Zeit zurück, da sie beide ihre Neigung füreinander erkannt hatten. Sie war lange,böse auf ihn gewesen, auf seine herrische und rücksichtslose Art. Bis ein Augenblick es zeigte, daß er so zu ihr war, weil er meinte, sie möge ihn nicht. Sonderbar, dachte Rebekka, nie hatte sie gefühlt von da an, daß er Christ war, ein Kind anderen Glaubens und anderer Rasse. Ein Gefühl war immer, als sei sein und ihr Blut schon lange in verwandten Rhythmus gegangen, als gehörten sie, fern von allen anderen Menschen, der gleichen Welt an. Sie sah von der Seite auf den Conny, während er sprach. Etwas Dunkles und Unerklärliches hatte oft sein schönes Gesicht, das ein wenig an römische Formen erinnerte. Und er besaß eine stolze und freie Haltung, dünkte es Rebekka — über all seiner zeitlichen Gebundenheit in kleine Verhältnisse besaß er die. Er konnte einen schlechten Rock vom Dorfschneider tragen und irgendeine alte Mütze — es beeinträchtigte ihn kaum. Auf der Burgfarrnbacher Straße war es einsam- Conny und Rebekka gingen Hand in Hand. Der Wind zauste ein wenig in Rebekkas Haaren. „Das ist der Märzwind," sagte Conny, „der Frühlingswind, der die alten Dinge umwirft; und der Märzwind des Gedankens, der. Anarchistenwind der individuellen Freiheit wird "noch alle alten Gesetze und töricbten Vorurteile umwerben." Das Mädchen aus dem festgefügten alten Judenhause schrak ein wenig zusammen. Die Liebende aber sagte mit einem Lächeln, das eine kleine Ueberlegenheit besaß: „Unsere alten Dinge, Conny, ich glaube, kein Märzwind bläst sie fort." Da nahm sie der junge Mann in seine Arme, und die Heftigkeit seiner Küsse überrieselte sie. Aufatmend gingen sie weiter. Die Dunkelheit enger Gassen kam. Der Altstadt nächtige Häuser mit steilen Stirnen hatten etwas Drohendes in ihrer Unbeweglichkeit. Und über Rebekka Elkan kam wieder etwas wie Angst vor dem Leben, Angst vor der Zukunft, die aus allen Gleisen des Gewohnten,. aus aller Sicherheit und allem Gefügten gerissen sein sollte. Wie ein kleiner Schatten huschte Rebekka Elkan den letzten Weg allein nach dem Ziele. Als Rebekka Elkan nach Hause kam, schon Vorwürfe fürchtend über die verspätete Heimkehr, fand sie nur die christliche Magd im Hause. Sie berichtete, daß sowohl die Tante als die Großtante in absehbarer Zeit nicht zurück sein würden, denn Lei Grüntals läge die Großmutter „in. den Zügen". Rebekka Elkan fragte nicht weiter. Sie nickte nur. Die Großmutter Grüntal kannte sie gar gut. Sie war oft freundlich zu ihr gewesen, und nun sollte sie sterben. Der Gedanke des Todes war Rebekka Elkan nun nichts Fremdes, in diesem Augenblick. Weil Tod und Liebe Ge-

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