Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229049--68701-3280974- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mlder aus Urgentinien. Jom Aippur in der j)amz-a. .Von Fulano h Sotanv. er hätte vor einem Menschenalter geglaubt, daß in der Pampa, jener gewaltigen Ebene, welche sich vom La-Plata-Strom westwärts bis zu dem Fuße der Kordilleren erstreckt, das Versöhnungsseft beachtet und gefeiert werden würde?-— Durch die brutale Faust des russischen Selbstherrschers und seiner Schergen aus den moskowitischen Steppen vertrieben, haben 'die geplagten Söhne Israels in den der Kultur noch kaum erschlossenen „Pampas" — ein aus der Jndianersprache übernommenes Wortdas lediglich „das Feld" bedeutet—in der jungen argentinischen Republik ein neues Heim Zu gründen und zu der Urväter Lebensweise zurückzukehren gesucht, die im Schweiße ihres Angesichts das Land bebauten. Aber nicht so leicht ist der Gedanke in die Tat umgesetzt. Eine halbwilde Gegend, ein oft spröder, wenn auch fruchtbarer Boden, mangelnde Erfahrung der leitenden Kräfte, zuviel Nerven und zuwenig Muskeln der neuen Kolonisten hemmen den Fortschritt und lassen den Erfolg oft zweifelhaft erscheinen. In Gruppen von drei bis sechs zerstreut stehen die kleinen Häuschen, weißgetünchte Erdhütten mit Wellblechdächern, niedrig und meist wellig gepflegt. Die hohen '„PamPa"-Gräser berühren fast die MesusesJ, welche die Türpfosten schmücken, und selten sieht man einen Ansatz zu einem Garten,, einem kleinen Wäldchen. Wenig Verständnis zeigt der kaum dem litauischen oder podolischen Ghetto entronnene Jude für ein nützliches und behagliches ländliches Heim; im Kampf mit der blatfressenden Ameise, dem furchtbaren Feind alles Gartenbaues in Argentinien, zieht er meist den kürzeren, und die schlechtgehütete eigene Kuh oder auch die des Nachbarn gibt der jungen, mit wenig Verständnis begonnenen Anpflanzung bald den Rest. Wozu auch einen Baum Pflanzen und Pflegen, der seine ersten Früchte oder nützliches Brennholz erst in drei oder vier Jahren geben wird? „Werden wir dann noch fein.in der wilden Stepp', wo wir mit unserm blutigen Schweiß für nichts haben gedüngt die Erd', und unsere Kinder werden verschwürst* 2) wie die Gojim2)?" So murrt das Volk, nachdem die erste Begeisterung verflogen, die ersten Schwierigkeiten sich auftürmen, wie es einst gemurrt, als Moses sie hinwegführte von den Fleischtöpfen Aegyptens in die Wildnis — aus dem Land der Sklaverei der Freiheit entgegen. Fast im Zentrum der weit auseinander liegenden Gruppen erhebt sich ein etwas höheres, langgestrecktes Ge- *) Mesuses — Pergamentröllchen mit den Anfangsbuchstaben der zehn Gebote,-die an die Tür geheftet werden. 2) verschworst roh, ungebildet, unglücklich, h Gojim — Nicht-Israeliten. bände. Es ist jedoch ebenso einfach weißgetüncht wie die übrigen Häuser, dieselben Wellbleche bilden sein Dach, und doch umweht es ein anderer Geist, der der Sorgfalt — der. Liebe möchte man sagen. Von Unkraut gesäubert ist seine -Umgebung, und wohlgepflegt schwanken im Winde eine Anzahl junger Pfirsich- und Aprikosenbäumchen, geschützt gegen die Unbill der Stürme durch eine vierfache Reihe von Pyramidenpappeln und Trauerweiden. Ja selbst ein Versuch ist gemacht worden, durch schlingendes Geißblatt das grelle Weiß * der Hauswände zu mildern; und das Ganze umschließt als Schutz gegen das Vieh ein kräftiger Zaun — alambrado genannt —, ein eigentümliches Gemisch von festen Holzpfosten, Eisenstäbchen und glatten oder stachligen Drähten. Es ist die Kolonieschule, und , der junge Lehrer, obgleich durchs Erziehung und Gewohnheit - ursprünglich fremd dem Landleben, bemüht .sich — selber im Gartenbau ein Lernender —, der jungen Generation Liebe zu der Natur, Anhänglichkeit an die Scholle einzuflößen. Unermüdlich schafft und wirkt er selbst, leitet und lenkt die ihm anvertraute Jugend, lehrt sie graben und pflanzen, gießen und jäten. Ich habe ihn fast weinen gesehen, als in einer schwülen Sommernacht die unersättlichen Ameisen heimtückisch drei feiner besten Aprikosenbäume kahlfraßen, und der glückliche Besitzer eines im Derbyrennen preisgekrönten Pferdes kann nicht stolzer sein als er, als er mir die ersten selbstgeernteten Pfirsische zeigte. Hut ab vor einem solchen Mann, der in stiller, unermüdlicher Arbeit den Knaben und Mädchen nicht nur das Abc einzutrichtern weiß, sondern sie für den Kampf des Daseins liebevoll vorzubereiten und zu stählen sucht; stets eingedenk des Dichters, welcher der Jugend zuruft: „Ihr seid das Saatkorn. einer neuen Welt." Es ist ein eigentümlicher Anblick, wenn morgens von allen Seiten die Schüler herangeritten kommen. Zwei, oft drei — wie die Haimonskinder — auf einem struppigen KreolenPferdJ, das sich gewöhnlich mehr durch ehrwürdiges Alter als durch Formenschönheit auszeichnet, galoppieren sie daher; Jungen und Mädchen, vom sechsjährigen Knirps bis zum „Barmizwah"-)-Jüngelchen. Für die entferntesten Häusergruppen existiert sogar eine Art Schulomnibus — „Koleke" von den Kolonisten genannt. Derselbe besteht aus einem von einem anonymen Wohltäter gestifteten, ausrangierten Erntewagen, vor den ein uralter, auf einem Auge blinder, auf allen vier Füßen lahmer Gaul gespannt ist. Unter dem Namen „Nicolas" ist er bei allen Schulkindern bekannt und beliebt. Nur pietätlose Spötter behaupten, er verdanke denselben der Tatsache, daß er bereits, als noch der Zar Nikolas — wohlgemerkt der erste — seine getreuen Reußen beherrschte, als junges Füllen in den weiten Pampas weidete, ohne in feiner *) Kreolenpferde sind die entarteten Nachkommen der von den Spaniern vor zirka 400 Jahren eingeführten arabischen Pferde. 2) Barmizwah — Einsegnung. Rais. Rat Ing. Luömig^Fuchs.