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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-08-16 · Heft 33 (16.8.1912) · p. Seite 387

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 33 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
Seite 387 (sequence 3)
Language
German
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- Ss- --= - ' ' geeignet sind, die Türkei zu erschüttern. Für'die Juden, nicht bloß für die, welche-ein neues jüdisches Reich in Palästina erträumen, sind diese Unruhen so wichtig, daß wir in einem Leitartikel' der nächsten Nummer darauf zurückzukommen gedenken. Auf diese Zeugnisse' hin erkläre ich, daß die mir gewordenen Mitteilungen (in Nr. 31),. deren Urheber zu nennen ich mich nicht berechtigt glaube, über die „Frankfurter Nachrichten" betr. ihres angeblichen Antisemitismus durchaus der Mahr-, heit entbehren, und bedaure lebhaft, zur Verbreitung jener. falschen Nachricht beigetragen zu haben. . Für einen ehrenhaften Journalisten ist es eine angenehme Pflichtsein Unrecht einzugestehen. Ich bekenne daher öffentlich, daß ich durch meinen Frankfurter Korrespondenten, dem ich in der Woche Nr. 31 das Wort gab, gröblich hinters Licht geführt worden bin. Es scheint, ein kleinlicher-Racheakt eines ehemaligen Mitarbeiters der „Frankfurter Nachrichten" vorzuliegen. Seine Mitteilungen freilich waren so bestimmt, daß ich.kein Bedenken tragen durste, seinen Artikel aufzunehmen. Nun aber, besser belehrt, gebe ich zunächst der Zuschrift des Herrn Dr. Braun einen Platz. Sie lautet: Sehr geehrte Redaktion! In der letzten Nummer Ihres sehr geschätzten Blattes brachten Sie auf Seite 364 eine Zuschrift aus Frankfurt a. M., in welcher die hier erscheinende. Tageszeitung „Frankfurter Nachrichten" wegen eines Artikels über H..Heine aus der Feder ihres Chefredakteurs Dr. Ferdinand Runkel als antisemitisch hingestellt werden soll. Da dieser Vorwurf, wie sich zeigen wird, ungerechtfertigt ist, und weil damit im Zusammenhang mein Name schändlich mißbraucht wird, bitte ich Sie um gefällige Aufnahme der folgenden Erklärung: Den'„Frankfurter Nachrichten" kann man infolge ihrer bisherigen Tätigkeit'den Vorwurf des Antisemitismus durchaus nicht machen. Sie sind im Gegenteil im besten Sinne des Wortes philosemitisch zu nennen und erfreuen sich deshalb auch der größten Sympathie ihrer zahlreichen jüdischen Leser. Auch der ängezogene Heineartikel macht, im Zusammenhang gelesendavon keine Ausnahme. Der gegenteilige Anschein konnte nur dadurch hervorgerufen werden, daß die Sätze aus dem. Zusammenhang gerissen wurden. , Was aber die einzelnen Angaben jener Zuschrift betrifft und die mit mir im Zusammenhang gebracht werden, um damit den antisemitischen Charakter der „Nachrichten" zu erweisen, so muß ich sie alle als unrichtig, zum Teil als unwahr bezeichnen. Im einzelnen hebe ich folgende Punkte hervor. 1. Es ist unwahr, daß mir der in Frage kommende Artikel vor seinem Erscheinen zur Beurteilung vorgelegt wurde. Wahr ist nur, daß mir früher einmal Herr Dr. .Runkel, gelegentlich einen Aufsatz über Heine zeigte, den er vor Jahren in einem Rostocker Blatt hat erscheinen lassen. Inwiefern Artikel kam ein-Passus vor, demzufolge Heine in seinem jüdischen Elternhaus zum Haß gegen Christentum und Christen erzogen worden wäre, was ich als Jude bestritt, ohne bei Herrn Dr.. Runkel antisemitische Absichten vorauszusetzen. 2. Es ist unwahr, daß ich in einem zwanzig Seiten langen Schreiben an Dr. Runkel, gegen jenen Passus protestierte. Mein Brief hatte einen rein literarischen Inhalt. Er behandelte die Ursachen von Heines Uobertritt zum Christentum und sollte einen Irrtum Dr. Runkels berichtigen, der in jenem Rostocker Artikel behauptete, Heine sei zum Katholizismus übergetreten. 3. Ist vollständig unrichtig^aß ich meine Mitarbeit bei den „Frankfurter Nachrichten" eingestellt haben soll. Ich arbeite noch mit und werde es auch in Zukunft tun, wenn die „Nachrichten" in ihrem Verhalten so bleiben, wie sie bisher gewesen sind. Auch Herr Dr. Runkel protestiert auf das energischste gegen dew ihm imputierten Antisemitismus, und' er erklärt die Zuschrift aus Frankfurt, die ich in gutem Glauben angenommen hatte, als plumpes Geschäftsmanöver eines ehemaligen Angestellten. Endlich sendet'mir der Direktor der „Frankfurter Nachrichten" einen Brief, in dem folgender. Passus .sich befindet: „Hierzu darf ich berichtigend bemerken, daßdie -Frankfurter Nachrichten" -- hervörgegängen aus dem seit dem Jahre 1639 bestehenden Frankfurter Journal und dein im Jahre 1722 gegründeten Jntelligenzblatt — in ihrer nahezu 300- bzw. 200 jährigen Geschichte niemals antisemitischen Tendenzen gehuldigt, sondern stets dem Geist der Toleranz und des Liberalismus gedient haben." — * Ueber die Beisetzung des Kardinals Fischer in Köln schreibt mir Herr Rabbiner Dr. Frank: ' „An der Beisetzung des Kardinals im Kölner Dom habe ich am Sonnabend teilgenommen, denn ich hatte vom. Domkapitel eine Einladung erhalten und im Hauptchor unter den Vertretern der Behörden einen Platz angewiesen erhalten. Ich war im Talar erschienen, und im Leichenzuge, der bei einem regierenden Fürsten in der Hauptstadt nicht pompöser sich entfalten könnte, in Begleitung von zwei Mitgliedern'des Vorstandes und der Repräsentänz' gefolgt. Im erzbischöflichen Palais sammelten wir uns, und ich hatte Gelegenheit, mit dem Oberpräsidenten der Rheinprovinz Staatsminister v. Rheinbaben, so-' wie mit dem Landwirtschaftsminister und Vertreter des Kaisers beim Leichenbegängnis, Freiherrn v. Schorlemer, früheren Oberpräsidenten der Rheinprovinz, mich zu unterhalten, da diese Herren mich von früher kennen. Der Reichstagsabgeordnete Trimborn, eines der hervorragendsten Mitglieder des Zentrums, stellte mich einem Mimstersaldirektor mit den Worten vor: „Unser Rabbiner". *• Ein Freund dieses Blattes schickt , mir die Nummer der „Neuen Züricher Zeitung" vom 2. August. Dort findet sich ein großer Artikel „Der Kampf gegen die senile Degeneration", ist dem Aeußerungen des Prof. E l i a s M e t s ch n i k o f f mitgeteilt sind. In diesem findet sich folgende bemerkenswerte Stelle: Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhineinige Worte ernzu-, schalten, wenn sie auch keineswegs die Frage über die Darmgifte und die Senilität direkt angehen. ‘ Daß es mir gelungen ist, in der Person des Herrn Dr. Wollmann einen vorzüglichen Mitarbeiter zu gewinnen/ verdanke ich dem Umstand, daß er russischer'Israelit ist und . daß ' ihm. daher die Gelehrtenkarriere in Rußland verschlossen isU Wenn er in Rußland bliebe, so wäre ihm, gleich einem anderen, meiner Mitarbeiter, Dr. Bezredkoder sich bereits einen bedeutenden Namen in der Wissenschaft erworben hat, das traurige Los beschießen, praktischer Arzt sein zu müssen, ohne innere Neigung zur Praxis. Sein Trieb zur Wissenschaft würde unfruchtbar bleibett und verkümmern, ein bitteres Gefühl unverdienter Kränkung Zurücklassend. So voll- ' zieht sich in Rußland der Prozeß, sich der Talente zu entledigen. Die „Frankfurter Zeitung" bringt in ihrer Nummer vom 4. August einen sehr ausführlichen, belehrenden Artikel: „ D i e B l u t l e g e n d e i n Rußland". Ich weise meine Leser darauf hin und lasse hier nur die bemerkenswerten Schlußworte-des Artikels folgen: Der erste Ritualmordprozeß vor einem Schwurgericht kam 1878. zur Verhandlung, als einige Juden des Dorfes Satschcher wegen. Mordversuchs angeklagt waren. Die Anklageschrift wies daraus hin, daß das Verbrechen kurz vor der jüdischen Osterfeier verübt , worden sei. Dies gab dem Verteidiger Anlaß zu eingehender Untersuchung der. Blutlegende. Das Kreisgericht sprach die Angeklagten frei;, der Staatsanwalt appellierte, zog aber die Appellation noch vor deren > Erledigung zurück. Einen glücklichen Ausgang chatte auch, der in-: Wilna 1900 eingeleitete. Prozeß gegen den Barbier Blondes, der zu rituellen Zwecken eine christliche Dienstmagd zu ermorden versucht haben sollte. Die Anklageschrift hielt aber'den Ritualmvrd. nicht ausdrücklich aufrecht. In der ersten Verhandlung vor dem Kreis- ' gericht, die bei Ausschluß der Oesfentlichkeit stattfandwurde Blondes verurteilt, bei einer zweiten Verhandlung aber sprachen ihndie Ge- - schworenen desselben Gerichts frei (1902). . ,.... . / -. ..; Trotz der unleugbar weiten Verbreitung der Blutlegende unter dem russischen Volk ist es also, noch niemals, gelungen, einen Ritualmordprozeß zu dem Abschluß zu bringen, den die Antisemiten wünschten.

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