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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-08-16 · Heft 33 (16.8.1912) · p. Seite 386

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 33 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
Seite 386 (sequence 2)
Language
German
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iC- &a§ Siegel einer Privatgemeinde enthält außer den beiden ’ Bundestafeln und der Angabe der-Straße, noch die Worte „am Kursürstendamm".^ Wer denkt da nicht an die Aüprer-, sung einer Wohnung öder irgendeines Geschaftsartikels^ - . ^Äsr Gemeindevorständ hatin seiner-Beantwortung der Interpellation auch anerkennende Worte für die geistlichen^ Führer der Shnagogenvereine gehabt. Er hat aber auch mit Recht angedeutet, daß darunter Herren sind, die für den Beruf nicht geeignet-und nicht genügend vorbereitet sind. Esist noch gar nicht so lange her, daß an einem Synagogenverein ein sogenannter Rabbiner tätig war, der im Dienste her christlichen Mission stand. Und als ein Gemeinderabbiner d.en „Herrn Vorsteher" darauf aufmerksam machte, bekam der Gemeinderabbiner einen unflätigen Brief vom „Herrn Vorsteher"- und eine Beleidigungsklage von dem sogenannten Rabbiner, der übrigens bald darauf zur katholischen Kirche übertrat und Missionar wurde. Der Gemeindevorstand ist in seinen Mitteilungen sehr zurückhaltend gewesen, ihm lag ja auch nur daran, die Methode des Kampfes zu kennzeichnen, der gegen die Organe der Gemeinde geführt worden ist. Er hätte vielleicht noch erwähnen können, daß er auch manchmal Bedenken gehabt hat, einem Synagogenverein eine Subvention zu bewilligen, weil der sogenannte geistliche Führer ihrer nicht würdig war. . Mit großem Wohlwollen hat der Gemeindevorstand in seiner Antwort auf die Interpellation die Steuerleistungen der Mitglieder der Synagogenvereine berechnet. Die Summe, die er angibt, ist wahrscheinlich zu hoch gegriffen. Es müßte ' erst festgestellt werden, wer eigentlich als Mitglied eines Synagogenvereins anzusehen ist. Die Mitglieder von Synagogenvereinen zahlen einen freiwilligen Beitrag, per nach unten festgelegt ist. Dieser wird in der Regel in vierteljährlichen Raten entrichtet. Für den Beitrag gewähren die Synagogenvereine eine Vergütung bis zu 50% für den zu mietenden Synagogenplatz. Es ist natürlich, daß viele nur für ein. Vierteljahr einen Beitrag zahlen, um einen billigen Synagogenplatz zu erlangen. Sind diese auch als Mitglieder von Synagogenvereinen anzusehen? Andere wiederum zahlen einen Beitrag aus verwandtschaftlichen Rücksichten oder aus wohltätigem Sinn, denken, aber garnicht daran, sich zu den Mitgliedern eines Synagogenverems zu zählen. Es ist nicht angenehm, alle diese Dinge zu erwähnen, aber sie müssen einmal gesagt werden, um den Wühlern und Hetzern die Maske vom Gesicht zu reißen. Ja, Wühl- und. Hetzarbeit wird von manchem Herrn Vorsteher im Shnagogenverein geleistet. Oder hat jemand im Ernst daran geglaubtjener in der Repräsentantenversammlung genannte Vorsteher einest Shnagogogenvereins zerbreche sich den Kops über religiöse Probleme? Was ist ihm liberales oder orthodoxes Judentum? Er hat in seiner früheren Gemeinde, die 52 Zensiten zahlte und deren Vorsteher er bis vor garnicht langer Zeit gewesenkeine Vorträge über religiöses Bewußtsein,: über Materialismus und Radikalismus gehalten, Begriffe, die in der Petition erwähnt werden. Es ist eine arge Ueberschätzung der. Bedeutung eines Shnagogenvereins und seines Vorstehers, wenn dieser sich berechtigt geglaubt hatim Namen des Komitees der Charlottenburger Juden zu zeichnen, die doch-niemals ein solches Komitee gewählt haben. Es entbehrt nicht der Komik, daß neben dem Vorsteher des Shnagogenvereins ein Manndessen Kinder nicht mehr dem Judentum angehören und ein anderer, der in einer Mischehe lebt, als Anhänger der Orthodoxie, als Beschützer der heiligen Tradition auftreten.;- Mit der Tatsache, daß sich das Bild der Gemeinde in den letzten Jahren verändert hat, und zugezogene'Vorsteher Wühl- und Hetzarbeit leisten, sind die gegen die Gemeindeverwaltung erhobenen 'verleumderischen -Vorwürfe noch nicht ausreichend erklärt. Auch die Orthodoxie hat sich bemüßigt gefühlt, gegen - die Gemeinde zu agitieren. Der Verein zur Erhaltung des'-' überlieferten Judentums, hat gleichfalls eine Petition an die .Kgl. Staatsregierung gesandt./ Diese geschätzte Zeitschrift hat es stets vermiedenirgendeine /religiöse Richtung zu be- / kämpfen, das kann aber nicht hindern, bestimmte Tatsachen ' sestzustellen, um die Handlungsweise der Herren Orthodoxen zu kennzeichnen. Das Heimlichtun nutzt ihnen nichts mehr. Die Orthodoxen in Norddeutschland, insbesondere in Berlin, sind auf ein ganz kleines Häuslein zusammengeschmolzen. Wie wäre es auch anders möglich. Die veränderten Zeitverhältnisse sind auch an den Orthodoxen nicht spurlos vorübergegangen. Eine orthodoxe Jugend gibt's überhaupt nicht. Sie denkt .eben anders als.Rektor Dr. Hoffmann, der in seinem Leviticus-Kommentar schreibt: Das wahre I u d e n t u m hält die na 'bjnty ,TTin ebenso wie die 27D2W nnin für göttlichen Ursprungs. Die Herren Orthodoxen wissen sehr gut, daß sie die Jugend weder von ihrer religiösen Anschauung überzeugen können, noch imstande sind, sie zu ihrer orthodoxen Lebensweise zu erziehen. Sie erhoffen noch allein Hilfe von der Kgl. Staatsregierung in Preußen. Freilich nicht in aller Offenheit, sondern in versteckter Weise werden Maßnahmen der jüdischen Gemeinde zu Berlin hintertrieben. Das ist immer so gewesen. Man lese nur einmal Abraham Geigers Aeußerung über die in einem pro momoria gegen seine jüdische Rechtgläubigkeit vorgetragenen Anschuldigungen, und man weiß, wessen die Herren Orthodoxen fähig sind. Recht sonderbar muten uns zwei Vorgänge aus der letzten Zeit an. In. demselben Augenblick, in dem die jüdische Gemeinde zu, Berlin einen ehemaligen Zögling des Rabbinerseminars zum Gemeinderabbiner wählt, erklärt ein Dozent dieses Seminars seinen Austritt aus der Gemeinde — aus Gewissensbedenken. Auf der Tagung von Kattowitz, am 28. Juni 1912, zwecks Bildung einer orthodoxen Weltorganisation, sagte der Führer der süddeutschen Orthodoxen, Herr Dr. Breuer: Was haben die Allianceder Hilssverein der deutschen Juden für die. russischen Juden während der Verfolgungen geleistet? Sie haben ihnen Geld geschickt.. Was aber habe ich getan? Ich habe ihnen T'fillin geschickt. Man bedenke nur, das ist am 28. Juni 1912 gesagt worden! Diese Ausführungen, mögen zur Erklärung und Beleuchtung der letzten Vorgänge in der jüdischen Gemeinde zu Berlin genügen. Mit Worten des Dankes aus einem Schreiben vor 100 Jahren haben wir begonnen, mit einem Zuruf an die Aeltesten aus demselben Schreiben wollen wir schließen:; „Harren Sie aus bei dem Werkchrs zu dessen Vollendung, und rechnen Sie bei allen Schritten, welche Sie dazu nötig erachten Wörden, und die, wie wir uns überzeugt halten, den wahren. Grundgesetzen unserer Religion gewiß nicht zuwider sein werden, auf/unsere tätigste Mitwirkung und kräftigste Unterstützung." Unus pro multis. Die Woche. Berlin, 13. August 1912. 3'eder politisch Denkende schaut mit Spannung und Interesse auf die t ü r kischen V e r h ä l t - nisse. Der Staatsstreich der Regierung, durch den die bisher allmächtige jungtürkische Partei ihres Einflusses ' beraubt wurde, der Widerstand dieser Partei, der zu einer Begründung einer Nebenregierung zu führen scheint, der Aufstand der Albanesen, hie von den Mächten mühsam niedergehaltenen Kriegsgelüste der Montenegriner — das alles sind Momente, die zum mindesten

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