Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1912)
- Date
- 1912-08-09
- Page
- Seite 382 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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anspruchsvoll; sie schmiegten sich nicht in den Raum, sondern sie beherrschten ihn/ wie Konrads Gedanken Raum und /Umwelt beherrschen wollten. - n ' : : „Rebekka," stand da, „meine, geliebte und mutvolle Rebekka. Du. weißt, daß ich das alles, was ist und was man mit mir vor hat, nicht ertragen kann. Ja, Du müßtest meinen' Charakter und meinen Willen verachten, ertrüge ich es, daß man aus mir einen Menschen machen will, der in einer kleinen Beamtenlaufbahn seine Kräfte und seine Jugend knechtet. Mein Plan ist der, daß ich nach Frankreich entfliehe, in das freie Land, das nicht, nur die Wiege meiner Vorfahren, sondern auch mein geistiges Vaterland ist. Dort, wo man einst ein Napoleon, wo' matt noch heute als Mann aus dem Volke Minister werden kann, wird auch ein Platz für mich sein. Ein Vaterloser kommt in sein Vaterland. Frankreich ist heute das geistig freieste Land Europas, wenn nicht der Erde. Ich werde mich melden bei. der Republik; ich werde Journalist werden, und wenn man-dort, woher ich-gekommen bin, über mich höhntso soll es sein, wie man üben Heinrich Heine höhnt. Meine Rebekka, ermiß das alles. Du. hast meinen Aussatz, den ich leider unter einem angenommenen Namen in, die sozialistischen Hefte geben mußte, gelesen. Du weißt, was es Großes um die Freiheit und die Selbstbestimmung des Individuums ist. In Frankreich ist mein Platz. Ich beherrsche die Sprache. Es kann mir an nichts fehlen. > Und nun höre weiter: eine Trennung muß zwischen uns sein. Sie aber ist der großen Sehnsucht' Mutterschoß. Und aus der großen Sehnsucht sind die größten Dinge der Welt geworden, denn alles große Tun ward je und je aus der Liebe. Bliebe ich im Lande als ein Unberühmter,, endlose Zeit des Wartens stände uns bevor. Wir wollen tapfer. sein/. Rebekka, wir .wollen lieber einen kurzen heißen Schmerz-trägen als das lange Verleugnen. Denn lange kann es nicht dauern-und ich bin in der Lage/Dich zu holen. Du weißt, in den Osterferien, die dieses Jahr so früh fallen und fast mit Pesach zusammen, hat mich mein Kommilitone Hüßner zu seinen Eltern nach Würzburg eingeladen. Es ist schon abgemacht hier, daß ich hingehe über die ganzen vierzehn Tage- Jedoch dem Hüßner habe ich nur einen einzigen Tag versprochen und, da er mein Vertrauter nicht ist, ihm gesagt, ich wanderte dann durch den Spessart. Man. wird mich also bis zum Schulanfang hier nicht vermissen, und wenn es dann geschieht, bin ich lange in Paris. Ich habe so viel Geld, daß ich eine kleine Zeit dort leben kann, bis ich zunächst an eine Redaktion komme als erste Etappe. Wohin ich Dir vorher postlagernd schreiben kann, das müssen wir vorher verabreden. Ich hätte noch über ein Jahr, bis ich mündig werde. Ich halte dieses. Sein, diese, ärmliche Existenz so lange nicht mehr aus. Und für unsre Zukunft läge nichts hinter dieser Zeit — nur wieder das Warten, das jahrelange Warten auf ein äußerlich so geringes Los. Wir aber wollen uns dem Alltäglichen und dem Banalen nicht anheimgeben. Ich will das Ungewöhnliche, weil , nur dieses das Große sein kann; ich will es für uns. Und das elektrische Band einer schicksalsvollen Liebe wird uns verbinden auch über die Wunde einer -für kurz notwendigen Trennung. Du wirst meine heiße Flamme spüren, dieses weiß ich; Du wirst mich nicht weniger fühlen, wie ich Dich nicht weniger fühlen werde in der Erwartung per Stunde, da wir uns für immer angehören können. Conny.. Vergiß nicht, morgen Dein Halstuch anzuziehen-, das wie meins ist, wir wollen es dann tauschen." (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. . -^ Theodor Zlocisti. Arn Tor.des Abends., Lieder vom Heimweg.' - Berlin 'W 15. Jüdischer Verlag G. m. H. H. . , Stimmungsvolle, in edler Sprache vorgetragene Lieder, von denen die meisten Men-jüdischen Hintergrund haben. Besonders häufig gedenkt der Dichter der Mütter, mit tiefem Gefühl, manchmal mit meiner Art von sündenbewußter Trauer. Eine ganze Reihe, von Liedern zeigt schon durch ihren Titel die Beziehung auf jüdische Dinge. Eine Serie „Sabbat" umfaßt sechs Lieder, von denen allerdings , nur dreidem Sabbat, drei andere dem Versöhnungstage gewidmet .sind. Viele der Lieder, besonders die „Seelenseier sift den Vater und die Mutter", finde ich sehr schöN; aber nicht nur die jüdischen Inhalts, sondern-auch die allgemeinen Lieder sind stimmungsvoll und verraten dichterisches Empfinden. Um auch meinen Lesern eine Probe dieser empfehlenswerten Sammlung zu geben, mit deren. Gesinnung ich freilich nicht immer einverstanden bin, teile ich die folgenden kurzen „Neilah" überschriebenen Strophen mit, die so.lauten:. Unruhig schon die Kerzen schwelen. Die nächt'gen Dämmer ziehen herauf Und müder werden unsere, Seelen Und müde hört das Beten auf. Besiegelt ist, was uns beschieden! Die bange Jahresfahrt hebt an Führst du uns hin Zu Heimatfrieden. Und-Heimatlust? Und "wann? . . . Und wann? Sr; M. S t e ck e-l mach e r -hat bei Leonhard.Simion in Berlin Nandb'enierkungen,zu Werner Sombarts Buch „Die Juden und d a s W i r't sch a fts leben" erscheinen lasten. In. dieser umfangreichen Broschüre, die.dreiundsechzig.engbedruckte Seiten umfaßt, werden zumeist die Zitate Sombarts aus der jüdischen Literatur kritisch'beleuchtet. Bei der anerkannt großen Sachkenntnis und dem Scharfsinn Steckelmachers ist an der völligen Genauigkeit seiner Angäbep in keiner Weise zu zweifeln. Nun kann man auf Schritt und Tritt verfolgen, wie unrichtig Sombart seine wichtigsten Belegstellen aufgefaßt hat, ünd mit welcher Voreingenommenheit er die Ueberlieserungen begutachtet.. Offenbar ist' durch diese Randbemerkungen dem Wünsch der interessierten Kreise Genüge getan, die aufregenden Mitteilungen Sombarts auf das rechte Maß zurückzuführen. Wir müssen Steckelmacher dafür Dank wisten, daß er nicht nur in der;. Stille Partei genommen, sondern öffentlich das deM Judentum angetane Unrecht in ausgezeichneter Weise abgewehrt hat. Gewiß wird der Druck der Sombartschen; Thesen noch einige Zeit auf uns?lasten, aber der Ernst der Steckelmacherschen Widerlegung wird allmählich das öffentliche Urteil zwingen, immer größere Zugeständnisse zu machen. Ich persönlich möchte noch die Meinung anfügen/daß die Sombartsche Methode, mit Zitaten zü parieren und den Gegenbeweis zu erwartest überhaupt methodisch unrichtig ist. Diese. Methode erscheint mir immer als einemodernisierte scholastische. Ans der so umfangreichen alten Literatur kann man vielerlei heraussuchen, und es ist unmöglich, auf diese Weise unbestreitbare Urteile zu gewinnen. Der Geschichtsschreiber muß . sich durchaus an Tatsachen halten, die er auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen hat, nicht aber an einzelne Worte, deren Ursprung man kaum kennt, deren Inhalt aus der Laune eines Mannes oder der Situation des Gespräches zu verstehen ist und deren Sinn in vielen Fällen undeutlich bleibt. , Liicas. * — Das religiöse Leben in Amerika. Von Wilhelm. Müller. Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1911. Dieses sehr ernste ausführliche Buch hat es im wesentlichen mit dem allgemeinen religiösen Leben zu tun und geht sehr genau in kirchliche Sekten ein. Den Betrachtungen über die Gegenwart folgt ein Schlußkapitel: „Die Religion der Zukunft". Aus alle die von dem Verfasser eingeschlagenen Wege können wir ihm jedoch nicht folgen, wohl aber möchte ich die Aufmerksamkeit meiner-Leser, auf drei Kapitel, nämlich 2'bis L-des'II/'Teils Hinreisen,' die/dest'TW führen: >,Das amerikanische JudtzMüm/ Neubildungen, .die^ Gesellschaft für ethische Kultur".. Das letztgenannte interessiert uns nur' mittelbar, weil diese Gesellschaft-für ethische Kultur bekanntlich von Felix Adler begründet worden ist und sehr viele Juden zu ihren Mitgliedern