Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1912)
- Date
- 1912-08-09
- Page
- Seite 381 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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seine offenen Worte über Zwecke und Ziele feines hiesigen Aufenthaltes zu geben. „Wenn Sie verzeihen, Herr Baron — es trifft sich merk- .würdig. In unser Haus kommt zum Mittagstisch — ich tu's seiner seligen Mutter zuliebe, die sich als einzelne Person hart genug getan hat — ein junger Mensch, man läßt, ihn lernen aufm Gymnasium. Er heißt Reneß und ist aus Wilhermsdorf —" „Ah, aus Wilhermsdorf! Also ein Nachkomme der französischen Ansiedler?" „Dasselbe wollt' ich sagen dem Herrn Baron. Der Konrad hat das stolze Wesen noch im Blute. Obwohl — es ist kein Grund. Hat . keinen Vater gehabt — und eine bedauernswerte Mutter. Sie hat gespart für den Konrad. Er wohnt beim - Herrn Lehrer in Burgfarrnbach — man hat sich angenommen des Jüngelchens. Wir tun's auch. Ist ein begabter Mensch, wird sein Glück machen, wenn er sich hält. Wenn der Hochmut ins richtige Gleis kommt, sag' ich immer. Wird die Ehre zu schätzen wissen, wenn ihn der Herr Baron empfängt." „In ein paar Tagen lieber erst, ich bitte," sagte Rosenkreutz freundlich. „Ich habe zunächst sehr viel zu arbeiten." „Es ist ruhig im Haus — mer is in Fürth, sag' ich oft — und es ist ruhig bei uns wie am Langen Tag." Die elektrische.Bahn klingelte draußen vorbei, ohne für Fräulein Sabine Elkan ihre Beteuerung abzuschwächen. Fräulein Sabine verließ den neuen Mieter und begab sich in ein Hinterzimmer desselben Geschosses. Da saßen ihre Verwandten: ihre Tante, Frau Sarah Elkan geborene Scharlach, und ihre Nichte, die siebzehnjährige Rebekka Elkan. Die Tante, eine hohe Sechzigerin, war, obwohl sie diese Titulatur nicht offiziell führte, eins der Klageweiber der Kultusgemeinde. Ihr angesehener Beruf bestand darin, durch einen Todesfall, in Trauer versetzte Familien im Hersagen der Gebete, in den lauten Beteuerungen des Schmerzes zu unterstützen und abzulösen. Fräulein Sabine Elkans Beruf hingegen war, auf eine seine und kunstgerechte Art die „Sargenes" genannten Sterbekleider der Kultusmitglieder zu nähen. Sie lieferte auch dazu die allerschönste, oft,wie Seide schimmernde Leinwand. Dies war durchaus.kein trostloses Tun. Denn nur selten kam. es vor, daß bei ihr ein Sargenes direkt für den Sarg bestellt wurde. Ein guter Jude hat fein Sargenes, sobald er ein erwachsenes Mitglied der Gemeinde ist, und trägt es jeden 10. Tischri (das ist Oktober) zum Versöhnungsfest. Desgleichen jede richtige Judenfrau. Zu ehrenvollem Lebensabschnitt, zu Mannbarkeit und Ehe wurden meist die Sargenen gefertigt. Der Bruder Hirsch Elkan aber handelte in Vieh und Getreide, auch in Gütern, wenn er ein Bäuerlein weit genug in der Hand hatte. Stets hing eine Tabelle mit den Terminen der Ganten und Hhpothekenkündigungen seines Bezirks im Kontor, und auch Fräulein Sabine verstand sich ein wenig aus die Sachen, denn „der Bruder" befand sich meist auf Geschäftsreisen in Gunzenhausen, in Feuchtwangen, Dinkelsbühl, Treuchtlingen, Roßstall, Leutershausen, Zirndorf und wie die kleinen Handelsplätze alle heißen. Fräulein Sabine also kam zu ihren Anverwandten und machte die Angelegenheit mit dem neuen Mieter pro korma und aus Klugheit vor der Tante noch zu einer unentschiedenen. Denn die Tante war reizbar und mußte zum Schein die letzten Entschließungen in die Hand bekommen. „Rebekkchen," sagte sie, „kannst gehen an die Lust. Kannst holen ein Paket Kerzen für fünsundsiebzig beim Schimmel. Is en Spaziergang und is billiger als beim Nachbar." Rebekka Elkan stand still auf und ging aus dem Zimmer. Sie zog eine lose blaue Tuchjacke an und setzte eine kleine Mütze auf. - Auf dem. Turm des Dogenpalastes war es sechs Uhr Vormberg-.' -Rebekka Elkan hatte Eile. Am Ende der Altstadt, wo die Straße hinaus nach Burgfarrnbach führt, machte sie Halt. Aus der Brücke stand ein junger Mensch mit einem Fahrrad. Er spähte in die Dunkelheit und kam dann rasch auf Rebekka Elkan zu. Es war eine stumme Begrüßung. Sie küßten , einanderals wären sie lange getrennt gewesen, und doch hatten sie sich erst vor Stunden gesehen. „Ich wußte, daß du kommst," sagte der junge Mensch in einem etwas pathetischen Tone. „Sieh, es sind immer so kurze Minuten, daß wir uns haben. Und darum habe ich dir all meine Pläne geschrieben. Nimm den Brief mit, lies ihn heute nacht. Und für morgen mußt du dich sreimachen. Ich bringe dir für morgen eine Einladung zum Kaffee mit nach Burgfarrnbach. Von der alten Base Horndasch. Die Tante Sabine wird es erlauben. Wir brechen früh auf, angeblich zum Bahnhof, und ich begleite dich dann zu Fuß heim. Da können wir alles bereden." Rebekka Elkan nahm ohne ein Zeichen von Erstaunen den dicken Brief. Sie schrieben einander öfter. „Conny, mir ist so angst bei allem," sagte sie leise, mit einer etwas matten, dunklen Altstimme. Conny Reneß sah sich vorsichtig um nach Menschen. Es war niemand um den Weg. Da beugte er sich wieder herunter und küßte den blassen Mund von Rebekka Elkan. Es waren zwei schöne junge Leute. In ihren großen blauen, schmerzlichen Augen lag ein Flimmern. Sie liebte den Konrad Reneß. Und sein Jugenddrang ging zu dem schmalen, verschlossenen semitischen Mädchen. Niemand durfte davon wissen. Denn Christ und Jude gehörten nie zusammen nach der Anschauung ihrer Umwelt. Auch gehörte ein Mensch, der noch nicht ganz fertig mit dem Gymnasium war, nicht zu einem Mädchen. Konrad Reneß beugte sich tiefer herab zu Rebekka Elkan. Seine Zärtlichkeit wurde leidenschaftlicher, er sagte abgerissene Worte zwischen seinen Küssen: „Warte nur — in ganz kurzer Zeit — ist es dann anders — alles wird anders." — Rebekka Elkan eilte ihren Weg zurück. Sie saß dann, wie immer, mit der Tante und der Großtante beim Abendessen. Wie immer wurde geredet, dünkte es ihr. Hier sprach man immer dasselbe, auch wenn es über verschiedenste Ereignisse ging. ' „Was werden sagen Farntrogs? Was soll sich denken Herr Apfelbaum?" - Sie merkte endlich, es galt dem christlichen Meter, mit dem sich wider Erwarten die Tante Sarah nicht so rasch abgesunden hatte. „Es ist wegen dem Konrad. Hab' ich dir nicht gesagt, de^ Herr Baron interessiert sich für die alten Eingewanderten?" Sabine und Sarah tauschten einen Blick. Um den Konrad schwebte etwas, nur ihnen bekannt. Sie wußten wohl, wer sein Vater war. Daß ein Jude sich mit einer Christin vergangen — ein Elkan, der später in Amerika verschollen, das schuf dem Konrad die Teilnahme des Hauses Elkan. — Rebekka Elkan hatte ihr eignes kleines Zimmer, das lag, isoliert von den andern, in der Mansarde nach vorn. Nur das christliche Weibsbild, wie der Onkel sagte, die Magd, schlief auch in diesem Geschoß. Vom Turm des Dogenpalastes hatte es schon die Mitternacht geschlagen. Da endlich konnte Rebekka den Brief des Konrad Reneß lesen. Er füllte viele Blätter, denn Konrads Buchstaben waren..