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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-08-09 · Heft 32 (9.8.1912) · p. Seite 378

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 32 (9.8.1912)
Date
1912-08-09
Page
Seite 378 (sequence 6)
Language
German
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Buchhandel in Galizien ist kaum nennenswert, ebenso die einzige hebräische Wochenschrift, die in Krakau erscheint. Hatte in Deutschland die hebräische Literatur ihren Aufschwung-dem "allgemeinen Stürmen und Drängen zu verdanken, hatte-sie daselbst sich fremde.Stoffe angeeignet und ver- ' arbeitet, so zeigte sie doch schon in Polen eine gewiste Selbstständigkeit, indem sie einerseits sich zu einer gewissen Apologie, anderseits zur Förderung der allgemeinen Wissenschaften wie Geschichte, Bibelkritik und Philosophie herausbildete. Ein vollständiger .Umschwung trat erst in derselben ein, als sie ihren Einzug im Lande der Schwermut und der Melancholie, in Rußland, hielt. Dort war sie ebensowenig wie in allen anderen Ländern ganz erlöschen, hatte sich aber, wie überall, nur im rabbinischen Schrifttum forterhalten, ein neuer Zug war erst in sie gekommen, als der große Gaon Elia von Wilna (1720 bis 1790), den Chasidismus zu bekämpfen begonnen hatte. Dieser Kampf an und für sich hatte schon zur Folge, daß die „Measfim" aus Deutschland und die „Maskilim" aus Polen einen leichten Einzug halten durften. Nun aber entstand eine Literatur vereint mit einer Reinheit der Sprache, wie es nur sonst noch vor 3000 Jahren im alten Judäa möglich war. In Rußland waren damals weder Klopstock noch Haller,, weder Hegel noch Kant/ weder -Einhorn noch Delitzsch bekannt, da wirkte einzig und allein die ungekünstelte Natur, da sprachen nur Gefühle wehmütiger, Erinnerung an längst Verlorenes, da dichtete nur eine alte.-nie vergessende Liebe, da schrieb nur der Haß gegen alles Fremde und dem Judentum nur unfreiwillig Aufoktrohierte. Tatsächlich hat hier die Romantik, das Lied und der Roman, die höchste Blüte erreicht. Der erste gottbegnadete Lyriker, der in keiner Weise den Dichtern anderer Literaturen nachstand, war Abr. Baer Lebensohn (1789—1878). genannt „Adam". „Ich sitze," so schrieb er selbst, „an wer . Tafel Gottes und mit meiner Hand führe ich seine Feder und meine Hand schreibt an der heiligen Sprache, in der Sprache seines. Gesetzes, in der Sprache seines Volkes.-Selah! Erhebe dich, o Gott, erwecke meinen Geist, denn ist es nicht die heilige Sprache, in der ich zu dir singe?" Durch alle seine Gedichte zieht sich ein Faden, die Liebe zur Natur, zum Judentum und zur hebräischen Sprache; als seine Dichtungen „Schire Sefat Kodesch" (Leipzig 1842, Wilna 1852, 1863 und 1895) zum erstenmal die Presse verließen, erhob sich unter der Jugend ein Jübel, und ein Enthusiasmus trat zutage, wie man ihn seit Jahrhunderten nicht erlebt hatte. Die Beherrschung dieser Lieder wurde mit zu den höchsten Verdiensten innerhalb des Judentums gerechnet. In jedem Hause war dieser Sammelband vertreten, die Begeisterung fand keine Grenzen. — Indes ist dies nur als daserste Erwachen der Literatur zu bezeichnen. Schon sein Sohn Michah (1828—1852) überflügelte seinen Vater an Schönheit des Ausdruckes und reinen lyrischen Gefühlen. Seine Lieder „Schire bat Zijon" und „Kinor bat Zijon" (Wilna 1859, 1861) sind nur den Dichtungen Heines zu vergleichen. — Zu gleicher Zeit aber erstand der Literatur ein neuer Zweig in Form -des Romans, und sein Begründer war Abraham Mapu (1808—1867). Einzig in seiner Darstellungsact, einzig, in der Art, sich in die Vergangenheit zu versetzen, legte er sein ganzes Können und Wissen in jene wunderbare Erzählungen „Ahabat Zijon" (Wilna 1853) und „Aschmath Schomron" (Wilna 1865) und der Erfolg war ein solcher, daß erstere ins Deutsche.(Leipzig 1897), ins Englische zweimal (London 1887 und New Hork 1903) und in den Jargon (Warschau 1874) übersetzt ward. In beiden Romanen wird der Leser ms alte Judäa und Samarien versetzt, mit in das damalige Leben hineingestellt. Kein Wort erscheint befremdend, keine Gestalt unbekannt, kein Gedanke absonderlich. Den mit dem Judentum verwachsenen Propheten Jefaias sieht man zu Neuem Leben erwacht, und man legt seine Bücher mit einem Gefühle aus der Hand, daß man-den Inhalt miterlebt hat. Nichts von einer Anlehnung anbereits Bekanntes, nichts von äußerem Einfluß, dabei aber die hebräische Sprache so meisterhaft und , stilvoll gehandhabt wie nur im Alten Testament. Kein Wun-! der, daß Kalman Schulmanns (1819—1899) „Mistere Paris" (1854) keinen so gewaltigen Anklang mehr gefunden. Mehr Ansehen erlangten sein „Harisut Betar" (1858), eine Schilderung und Glorifizierung des Aufstandes Bar Kochbas und des Falles von Bethar, ebenso seine hervorragendste Leistung, eine Weltgeschichte im Anschlüsse'an Weber und Becker, unter dem. Titel „Dibre Jemy Olam" in 9 Bänden (1867). Von ' diesen Werken begeistert und hingerissen, begann die Jugend von einem neuen Erwachen des Gesamtjudentums zu träumen, von neuem.Leben, von neuen Idealen. Dazu kamen noch die neuen Lieder- (1830—1890) I. L. Gordons, jenes Dichters,; dessen Töne die zartesten waren, welche man je der hebräischen Sprache zu entlocken vermocht hatte. Es wäre irrelevant, hier eine Schilderung , seiner Kunst geben zu wollen, als Beispiel seien hier.einige seiner Worte angeführt: „Was ist unser Volk und was seine Literatur? Ein Riese, der in den Abgrund gefallen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die ganze Erde ist sein Grab, seine -Bücher das Epitaph auf seinem Grabstein." Gordon übertrifft in seiner Reflexionslyrik die beiden Lebensohns. In meisterhafter Weife verstand er es, aus dem Milieu heraus, in dem er lebte und wirkte, die innersten Leiden und Schmerzen des Judentums in Worte zu kleiden; die er dann historischen Persönlichkeiten in den Mund legte. Seine Stoffe holte er sich.aus der Bibel, zumeist aber aus den Verfolgungen und Bedrückungen von 18 Jahrhunderten. „An einem nationalen Aufleben des Judentums hat. Gordon gar keinen Anteil genommen. Nie hat er sich ein wichtiges Resultat aus dieser Bewegung versprochen. Bis an sein Ende ist er bloß der Dichter des Unglücks und der Verzweiflung geblieben." So von Erfolg zu Erfolg schreitend, ist die hebräische Spräche in jene Bewegung hineingekommen, welche innerhalb des Judentums einen nie zu sühnenden Zwiespalt hervorgerufen hat, und ist jetzt die Kampfessprache der nationalen Bewegung. Moses L. Lilienblum und Michael Pines wären die ersten Herolde. Ersterer stellte in seinem Werke „Chat'ot Neurim" (Wien 1876) die Lehre aus: Das traditionelle Gesetz werde niemals Hand in Hand mit dem realen Leben gehen können, und brach vollständig mit dem Rabbinismus, letzterer warf sich als Verteidiger des orthodoxen Judentums in seinem Werke „Jalde Rüchi" ’ (2 Bände, Mainz 1872-1873) auf. Da trat jener Mann auf, welcher, selbst im Ghetto geboren und erzogen, alle Schranken des alten jüdischen Lebens durchbrach, Deutschland und Frankreich bereiste und immer Neues in sich ausnehmend, schließlich sich in Wien niederließ und die hebräische Zeitschrift „Haschachar" (1869—1884) begründete/ Es war dies Perez Smolenski (1842 —1888). Seine Werke sind der ewige Kamps gegen die Orthodoxie, die Negation des Wertes irgendwelcher Tradition, der Hohn des veralteten unkulturellen Ghettolebens, die Abrogierung jeden Wertes einer Anlehnung des Judentums an das jeweilige Milieu, die Prägung des Wortes „jüdische Nation". Wie Mapu und Gordon in Rußland, wußte Smolenski durch seine Darstellungskunst Männer von Namen hinzureißen, es seien Cloß genannt — D. H. Müller, Heller, Lazarus, Schulmann — die Zeitschrift gewann sehr an Ansehen und Verbreitung. Er veröffentlichte seine Werke, von denen hauptsächlich „Hatoe be-Darke ha-Ehaim" (Wien 1870) neue Perspektiven eröffnete. „Am Olam" (1873) brach schließlich ganz mit den religiösen Ideen und war die Wiedergeburt einer realen Messiasidee. Die neue Literatur brach ganz mit den Lehren Mendelssohns und denen der Measfim, und nur noch einmal erstand jenen ein warmer Verteidiger in Abr. Gottlober (1811—1900), dessen Gedichte „Kol Schire Mehalalel" (War-/ schau 1890) die Tendenz der ,,Measfim" besitzt, und der. die

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