Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1912)
- Date
- 1912-08-09
- Page
- Seite 377 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229048--68684-3280956- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
entscheidend für,mein Leben werden sollte, wie jener Wereschtschagintag. ein Jahrzehnt zuvor. Ich las damals in einem Berliner Cafch, daß die Schriftstellerin Baronin Berta v. Suttner in Wien eine Friedensgesellschaft gegründet habe und sich anschicke, nach Rom zu fahren, um dort an einem Weltfriedenskongreß teilzunehmen. Das war ein Erlebnis für mich. — . Wie, es gibt noch Menschen, die gleich mir den Krieg verdammen, gleich mir von besten Widersinnigkeit überzeugt-waren und die sich bereits zusammenaetan haben, um gegen ibn anzukämpfen? Die beiahende Antwort auf Mefe »Irage flammte' da befreiend in mir auf. Sie war eine Erschütterung für mich. Zu diesem Menschen gehöre E schrie es in mir. Und noch am selben Tage schrieb ich der Baronin Suttner einen begeisterten Brief der Zustimmung. Ich drückte ibr darin meine Absicht aus. mitruwirken und mitzukämpfen und machte ibr gleich positiv Norschläae zur Herausgabe einer pazifistischen Zeitschrift. Mein Anerbieten wurde freudig willkommen aebeiben. Sechs Wochen später erschien die Von der Baronin redigierte, von mir berausaegebene Revue „Die Waffen nieder!" die erste in deutscher Sprache. Zwanzig Iabre sind seitdem vergangen. Die Friedensbewegung ist eine Macht geworden. Die Idee blüht nicht mehr' verborgen in den Gerzen einzelner wie damals. Sie wurde Massenbewegung, ist über die aanze Erde verbreitet und hat ihre Anhänger nicht nur im Volke, sondern in der Wissenschaft, in der Presse, in den Parlamenten, in manchen Kabinetten und bei manchen Negierungen schon. Sie nimmt täglich an Umfang zu. hat ihre feiten Einrichtungen und. hat schon grobe' Siege aufzuweisen. Freilich, die Menschen sehen nur die Krieau die noch immer ausbrechen, sie sehen jene nicht, deren Ausbruch durch jene Einrichtungen bereits verhindert worden ist. Sie sehen nur, - daß der Bau noch nicht fertig ist, nicht, wie weit er bereits gediehen ist, wie sehr seine Mauern schon in die Höhe ragen. Sie jammern über die Greuel' die noch verübt werden, aber freuen sich über jene nicht, die schon verhütet wurden, und vor allen Dingen über die unabweisbare Tatsache nicht, daß heute jeder Krieg einen Schrei der Entrüstung auslöst, der über die ganze Erde geht. Auch diese Empörung ist das Ergebnis einer pazifistischen Erziehung der öffentlichen Meinung. Doch das gehört nicht hierher. Hier wollte ich nur erzählen, wieso ich Pazifist geworden bin, und nicht-darlegen, warum es alle Menschen sein müßten." Endlich stellt -mir Herr Fried die folgende Auseinandersetzung,, über seine Stellung zum Judentum zur Verfügung. , . „Ich bin kein Nationaljude, fühle mich vielmehr als jüdischer Deutscher. Auch als Glaubensgenosse kann ich mich nicht bezeichnen, da ich keine religiöse Erziehung erhielt und seit langem , schon eine jeder Konfession fernstehende Weltanschauung gefunden habe. Dennoch fühle ich mich eng mit dem Judentum verbunden und bin stolz auf die Zugehörigkeit zu. einem.. Stamme, ohne den die heutige europäische Kultur kaum denkbar wäre. Die Rechtsbeschränkungen, die dem Judentum heute noch in unseren Staaten auferlegt sind, lassen es mir als heilige Pflicht erscheinen, unentwegt bei den Unterdrückten zu verharren. Ich bemerke hierzu, daß meine ganze Familie auf dem Wege der'Assimilation ist. Alle Geschwister meiner Mutter sind getauft, haben Christen geheiratet. Meine -sämtlichen Geschwister und ich selbst sind Ehen mit Christen eingegangen. Das. gekränkte Rechtsgefühl hat bei mir den Assimilationsprozeß aufgehalten. Ich.wollte in einer Zeit der Bedrückung und Vergewaltigung nicht fahnenflüchtig sein." Las Wie!trrerwachen der hebräischen Literatur im LS. Jahrhundert. Von Dr. S. Ochser. (Schluß') er hervorragendste jedoch war Meir.. Letteris (1815—1871), ein unruhiger, aber sehr strebsamer Geist, konnte er es'in Galizien nicht aushalten, ging nach Berlin, Preßburg, dann nach Prag, wo er 1844 zum Dr. Phil, promoviert wurde, und ließ sich schließlich in Wien nieder. Sein hervorragendstes Werk war die Umarbeitung von Goethes „Faust I" in ein hebräisches Drama „Ben Abuja". Es spielt in Palästina zur Zeit-der grausamsten Römerschaft; der Held des Dramas ist jener berühmte Philosoph, der von der jüdischen' Tradition unter dem Namen „Acher" erhalten ist. So groß auch das Aussehen war, das die Veröffentlichung dieses Dramas war (Wien 1865), traten dennoch schon Männer auf, welche auch abfällig über die Komposition und den Inhalt urteilten. Bedeutend waren auch seine Übersetzungen der Racinschen biblischen Dramen. Bis auf den heutigen Tag gilt er als der hervorragendste Reflexionslyriker in der neuhebräischen Literatur. Seine Gedichte erschienen in einer Sammlung unter dem Titel „Tofes Kinnor we Ugab (Wien 1860). Auch war er der Redakteur der „Wiener Vierteljahrsschrift" mit dem hebräischen Supplement „Abne Nezer" (1853). Der Raum gestattet es nicht, auf all jene Persönlichkeiten einzugehen, die auf die hebräische Literatur des 19. Jahrhunderts irr Polen fördernd eingewirkt haben. Hier mögen nur noch jene Zeitschriften angeführt werden, welche in freiheitlicher sowohl als auch in philosophischer und wissenschaftlicher Beziehungaus die breiten Schichten des Judentums einen hochkulturellen Einfluß ausgeübt haben. Die älteste war der „Kol", welche von I. Bodek in Lemberg 1837 begründet, eine Fortsetzung in Ofen durch M. Mohr fand, ihr Erscheinen aber schon Ende 1839 einstellen .mußte; es folgte der „Jeschurun" von Josef Kobak (1856 bis 1878). von dem aber nur die' ersten Bände in Galizien erschienen waren, und die berühmte Wochenschrift von B. Werber, Ha-Jbri in Brodh (1865—1890); an der letzteren beteiligten sich außer Schorr noch Marcus Bernstein mit äußerst scharfen Vibelkritiken, N. D. Hosfmann, der unter anderem auch seinen berühmten Roman aus der Zeit der Römerherrschast „Oseh Mezimot" veröffentlichte, und der Lyriker Jakob. Z. Sperling aus Lemberg mit seinen wunderbaren poetischen Beiträgen, die dem Inhalte des jeweiligen Wochenabschnittes entsprachen. Ha-Jbri war auch die einzige Zeitschrift in Polen, welche ohne Unterbrechung, ohne Veränderung des Erscheinungsortes und ohne Redaktionswechsel — die letzten Jahrgänge leitete der Sohn des Begründers — 25 Jahre erscheinen konnte. Größer noch als der Erfolg war der Mißerfolg der „Haskalah" in Galizen. Die Chasidim, welche in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts an Einfluß gewannen, ergriffen zur Verteidigung des finsteren Aberglaubens dieselben Waffen, welche die Koryphäen der „Haskalah" gegen sie geführt hatten. Außer einer großen Anzahl Pamphlete, welche in hebräischer Sprache ununterbrochen in den niedrigsten Schichten verbreitet wurden, wurde die Wochenschrift „Machzike Ha-Dat" von Jsak M. Bader in Lemberg 1879 begründet, welche bis auf den heutigen Tag erscheint, gegen jedwede Neuerung ins Feld zieht, jeden Fortschritt im Keime erstickt und der polnisch und jüdischnationalen Bewegung innerhalb der galizischen Juden in gleicher Weise hemmend im Wege steht. — Aber auch die „Haskalah" liegt jetzt in Galizien brach. Die letzten Anhänger der „Haskalah" wie Sal. Buber, Dembitzer und Rubin sind, tot. Andere, wie Abraham .Epstein,. Simon Bernfeld, Neumark und Landau (Heilal) leben außerhalb Polens. — Der hebräische