Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1912)
- Date
- 1912-08-09
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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glühenden Reichspatrioten und einem nicht minder glühenden Fränzosenhasser. Friesen und Körner waren meine Lieblings- Helden, und „der arme Hilfslehrer", den Oskar Häcker vor Sedan führte, erzeugte in mir den tiefsten Eindruck jener Zeit. .Daserste Buch, das ich mir kaufte, war ein kriegerisches. Es war Theodor Körners „Leier und Schwert". Mit Begeisterung deklamierte ich 'die Schlachtengesänge daraus, die ich fast alle auswendig lernte. Das Büchlein schätzte ich wie ein Kleinod. Schon weil es für mich eine Tat war, den Kaufpreis von zehn Kreuzern dafür aufzubringen. Ein Budget . für Literatur gab es für uns Buben nicht. Auch über Taschengeld verfügte ich noch nicht. So kam ich denn auf die grandiose Idee, meine Jausensemmel zu kapitalisieren, Das heißt, ich' verzichtete auf diese mir so liebe Zugabe zum Nachmittagskaffee und heimste deren Erstehungskosten ein. Täglich zwei Kreuzer, das gab jeden fünften Tag ein Reclam-Bändchen! Ich. kam mir wie ein Krösus vor. Die ersten -zehn Kreuzer würden nun für jene Bardengesänge Körners verausgabt. Lange Hat die Geschichte nicht gedauert. Meine Sehnsucht nach der Jausensemmel war doch größer als meine litera-- rischen und kriegerischen Instinkte.' Als der serbisch-türkische Krieg ausbrach, war ich zwölf Jahre alt. Ich interessierte mich bereits für Politik. Und da ich mittlerweile „Kapitalist" geworden war, kaufte ich mir zur Befriedigung meines politischen Interesses eine Zeitung. Aber nur das Abendblatt, weil es billiger war als das Morgenblatt. So geschah es, daß mir dabei die wichtigsten Ereignisse verloren gingen. Die Weltereignisse kamen mir gleichsam nur in halben Portionen zum Bewußtsein. Das genügte aber damals meinen bescheidenen Ansprüchen. Die Greuel des russisch-türkischen Krieges, von denen ich las,, erschütterten mich keineswegs. Der Krieg erregte einfach mein Interesse, weil er abenteuerlich und gefährlich war. Ebenso erging es Mir mit der bosnischen Expedition.; Besondere Eindrücke hat sie in mir nicht zurückgelassen. Nur als ich die. gefangenen Türken sah, die durch die Straßen-Wiens transportiert wurden, erweckte dies in mir „patriotische" Ge- . fühle. Damals war ich durch die Schule bereits so sehr in die militärisch-patriotische Denkungsart hineingezwängt worden, daß ich mir eine Zeit herbeisehnte, wo.auch die Schulbuben eine Uniform tragen dürften. Knabenhorte hat es damals noch nicht gegeben; ich wäre sicherlich ihr eifrigstes und verständnisvollstes Mitglied geworden. . Aber die Schule hatte doch nicht vermocht, aus die Dauer meinen Geist zu fesseln und in die von ihr gewünschten Bahnen zu lenken. Ich fing an nachzudenken. Und da be- * kamen die Dinge allmählich eine so ganz andere Wertung für mich, als sie in den Schullesebüchern und in den Lehrbüchern der Geschichte beschrieben standen. ' Das tägliche Passieren, des Exerzierplatzes der Franz-Joses-Kaserne und manche Eindrücke, die ich dabei erhielt, brachten mich dahin, über die Notwendigkeit und den Zweck, der Heere nachzudenken. Der Krieg fing an, sich mir von einer ganz anderen Seite darzustellen, als dies bislang geschah. Ich war vierzehn Jahre alt, als die Pariser Weltausstellung von 1878 eröffnet wurde. Da. las ich,- daß die Deutschen als die einzige von allen Nationen davon ferngeblieben waren. Auch das führte mich zum Nachdenken über den Krieg. Die Vorstellung drängte sich mir aus, wie schön es gewesen wäre, wenn gerade diese Weltausstellung ein Fest der Versöhnung und- Verständigung zwischen den beiden Völkern geworden wäre. Dem Gedanken einer deutsch-französischen Aussöhnung hing ich dann mit einer wahrhaften Begeisterung:-Nach. Um diese Zeit machte ich auch die ersten'Niederschriften über den Krieg. In einem dieser ersten Versuche Meiner pazifistischen Schriftstellerei brächte, ich schon zum Ausdruck, daß der Krieg im Altertum und im Mttelalter eine der Zeit angemessene Erscheinung gewesen sein-mag/ daß er aber mit unserer heutigen Zivilisation in Widerspruch stehe. - Vor den Erwachsenen und namentlich vor meinen Lehrern verbarg ich solche Gedanken. -Ich schämte' mich auch, mit ihnen in die „Öffentlichkeit"zu gehen/ die für' mich damals auf die...Schüler meiner Klasse -beschränkt war. -. •' f - . : - Diese ganze Entwicklung meiner Gesinnung' von den kriegerisch-militärischen Spielen der' Kindheit zu einem mit' vierzehn Jahren bereits selbständigen Kritiker der Kriegsinstitution hat in späteren Jahren für mich eine tröstliche Lehre abgegeben. Wenn es nämlich wahr wäre, was unsere Fortschrittsfreunde täglich wiederholen, daß man, um die Zukunft zu erringen, die Jugend gewinnen und zu diesem Zweck-/die Schule erobern/müsse, so hätte der Fortschritt wahrlich .'sehr ungünstige. Aussichten. Zum Glück ist diese Behauptung falsch. Die Geschichte und die eigenen Erlebnisse eines jeden einzelnen beweisen das Gegenteil. Die Schule ist immer in der Hand der Herrschenden' gewesen, und trotzdem rekrutieren sich aus den Schülern immer die kommenden Befreier. Alle Pazifisten, alle Freidenker sind .durch die militärisch-patriotisch-klerikale Schule gegangen, und dennoch gelang es dieser, nicht, in ihnen den-Geist des Fortschritts zu ersticken. Dort, wo es der Schule doch gelingt, dort war eben für den Fortschritt ohnehin nichts zu verlieren. Die Anlage des einzelnen ist maßgebend. Und wer fortschrittliche Anlagen in sich hat, der wird durch die Fesseln einer reaktionären Schule gerade in einem dem herrschenden System nicht genehmen Sinn bearbeitet, der wird durch die Rückwärtserei nur gefördert. Soging es mir und geht es Hunderttausenden. Die Schule kann uns nichts schaden; und dadurch nutzt sie. So hatte, ich über den Krieg wohl zu denken angesangen; aber ein Pazifist war ich noch nicht. Das trat erst später ein. Vor dreißig Jahren war es, an einem trüben Wintersonntagnachmittag im Wiener Künstlerhause. Wereschtschagin hatte dort die erste Ausstellung seiner Kriegsgemälde arrangiert und ich ging hin, — nicht aus Tendenz — nur weil ich in den Zeitungen darüber Interessantes gelesen hatte. Aber dieser Äusstellüngsbesuch war entscheidend für mein ganzes Leben. Als überzeugter Gegner jener Institution, von der fälschlich behauptet wird, daß sie die Grundlage der Kultur bilde, verließ ich das- Künstlerhaus. Ich fühle heute noch die Empörung, die ich damals empfunden hatte, als ich jene Bilder, des russischen .Meisters sah, die Szenen aus dem russisch-türkischen Kriege von 1877 darstellten. Am meisten empörte mich ein Bild, das eine Episode aus der Schlacht bei Plewna wiedergab. Es zeigte den Zaren Alexander II., wie er, umgeben von einer glänzenden Suite, von einem Hügel aus den Gang der Schlacht beobachtete. Bequem in einem eleganten Fauteuil saß er da, den Krimstecher vor den, Augen, während unten im Pulverdampf sich Tausende in ihrem Blute wälzten, die um ihre Zustimmung nicht befragt wurden, kaum wußten, weshalb sie töteten und sich töten ließen.' Dieses Bild hatte es mir angetan, und die Lehre, die es predigte, schrieb sich tief in mein junges Herz ein. Auch die. anderen Bilder machten einen großen Eindruck auf mich. So die Totenschädelpyramide, die erfrorenen Schildwachen am Schipkapaß, die Einsegnung, eines mit Leichen bedeckten Schlachtfeldes durch den gleichgültigen Popen und andere noch. ' Zehn Jahre lang trug ich meinen Abscheu vor dein Kriege still in mir herum. Der Gedanke, gegen diesen Wahnsinn die Menschheit zu mobilisieren, überkam mich oft. Aber ich sah eindaß ich für ein solches Unternehmen zu schwach sei. Daß es noch andere Menschen geben könnte, die ähnlich dächten, kam mir nicht in den Sinn. Ich hatte niemals von ihnen gehört, niemals etwas in diesem Sinne Geschriebenes gelesen. Da kam der 3. November 1891, wieder so ein Tag, der