Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1912)
- Date
- 1912-08-09
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Schluß noch ein Wort, Herr Ministerpräsident: -Sie bringen zweifelsohne französisches Geld nach Rußland: Achtung vor Taschendieben." Es-kann.keine, blutigere Satire aus das unnatürliche französisch-russische Bündnis geben, das ja in diesen Tagen durch eine Marinekonvention gefestigt und erweitert worden ist, als diesen köstlichen offenen Brief. . fl. H. Fried. U eber diesen jüdischen Träger des Nobelpreises, über den ich früher in einer Wochenschau kurz berichtete, soll hier etwas ausführlicher gehandelt werden. Einem Artikel der „Köln. Ztg." von Hans Weberg entnehme ich, daß die großen Führer der Friedensbewegung, zum Beispiel Bertha v. Suttner, diesen ihren Mitarbeiter außerordentlich hochschätzen. Ferner heißt es darin: „An fast allen internationalen Friedenskongressen hat er teilgenommen, seit 1896 erst die „Monatliche Friedenskorrespondenz" und später die „Friedenswarte" herausgegeben; in mehr als fünfzig . Schriften und Büchern hat er feine Ideen niedergelegt, das zweibändige Handbuch der Friedensbewegung, das Annuaire de la Vie Internationale, feine Bücher über die erste und zweite Haager Konferenz, über Panamerika, über Kaiser Wilhelm II. und der Weltfriede usw. Als Schriftsteller ward seinen Aufsätzen in allen großen Zeitungen Deutschlands und Oesterreichs gern Aufnahme gewährt. Alles, was er schrieb, zeichnete sich durch glänzenden Stil, Klarheit und Tiefe aus. Man mag nur irgendein völkerrechtliches Werk zur Hand nehmen, das Lehrbuch Ullmanns oder die tiefen Forschungen des Schweizers Huber über die soziologischen Grundlagen der Staatengemeinschaft, überall findet man, daß die angesehensten Autoren auf seine Ausführungen eingehen und auf sie verweisen. Das ist freilich nicht in einem Jahr geschehen." Herr Fried stellt mir nachstehenden, für das „Neue Wiener Journal", 24. Dezember 1911, geschriebenen Artikel „Wie ich Pazifist wurde" zur Verfügung, den ich in der Hoffnung, durch diese lebendig geschriebene, von schöner Begeisterung getragene Darstellung vielen meiner Leser eine Herzstärkung zu bereiten, hier folgen lasse. Er lautet: «, „Ich war sechs Jahre alt, als der deutsch-französische Krieg stattfand. Die Erzählungen davon drangen auch in meine Kinderstube, und ich erinnere mich deutlich der Abende, wo sich die Erwachsenen aus den Zeitungen die Nachrichten über die Belagerung von Paris vorlasen und wie die darin geschilderten Schreckensszenen ihr Entsetzen hervorriesen. Aber Kinder sind grausam. Um so mehr aber die Schlachtenbilder, die mir durch die sogenannten „Mandelbogen", an denen ich meine Kolorierkünste übte, vermittelt wurden. Die Vorstellung vom Kriege war auch gar nicht recht ausgebildet bei mir. Als ich einmal einen solchen „Mandelbogen", der die Schlacht von Wörth darstellte, vor mir hatte, sagte meine Mutter auf meine Frage, was denn bei Wörth eigentlich geschehen sei, daß die Franzosen dort „Schläge" bekommen hätten. Schläge konnte ich mir aber nur in der Form vorstellen, wie sie an mir ausgeübt worden waren. lieber den Sessel gelegt'und mit einem Nohrstöckchen auf einem gewissen Körperteil bearbeitet. Daß das bei einer solchen Menge von Menschen geschehen könne<und noch dazu bei Erwachsenen, machte einen großen Eindruck auf mich, wenn ich mir auch nicht recht klar darüber-werden konnte, wie man für so viele Menschen Stühle und Rohrstöcke herbei- ' schaffen könne, zumal auf freiem Felde. Doch kam ich zu dem Schluß, daß es eine große Rauferei sein müsse. Und das genügte mir. Unsere Wiener Wohnung, in der ich auch das Licht der Welt erblickt hatte, lag in einer Straße, die den Namen von Oesterreichs berühmtem Feldherrn trug: „Vater Radetzky" beschirmte also sozusagen , .meine Wiege. In der Nähe lag das sogenannte „Glacis", ein Wiesenstück bei dem Verwaltungsgebäude der Donau - Dampsschissahrtsgesellschast, an der Stelle, wo sich heute die Rettungsgesellschast und die Urania erheben. Dort spielte ich „Preuß und Franzos". Da es sich um Schläge handelte, die der „Preuß" dem Franzosen versetzte, so legte ich natürlich Gewicht darauf, bei den täglichen Raufereien der „Preuß" zu sein. Gar oft hielt sich unser, kindliches Spiel nicht streng nach dem Gärig der Geschichte, und auch als siegreicher „Preuß" wurde ich manchmal weidlich verprügelt. Diese amüsanten Prügeleien. erweckten in mir jenen „kriegerischen Geist", den gewisse Volkserzieher dem Volke durchaus erhalten wissen wollen. Er beherrschte meine Spiele, auch, als ich schon in die Schule ging. In dem Garten unserer Wohnung in Döbling führte ich stundenläng, ganz allein Krieg. Ich sah mich immer an der Spitze eines großen' Heeres und erstürmte fechtend,— oder besser gesagt: fuchtelnd Bäume, Blumenbeete und Gartenhäuser, die ebenfalls von einem unsichtbaren Heer, das in meiner Phantasie aber leibhaftig war, verteidigt wurden. Die Friedenszeit in der Welt schien mir nicht sonderlich zu gefallen; denn als mir einmal mein Hauslehrer — ich war inzwischen neun Jahre alt geworden — von einer kriegerischen Expedition Rußlands nach China erzählte, die eben stattfand, und ec mir dazu die Bilder aus „lieber Land und Meer" vorlegte, war ich ganz glücklich in dem Gedanken, daß es „jetzt" einen Krieg gäbe, trotzdem ich in Döbling gär'nichts' davon gemerkt hatte. Mein kriegerischer Geist fand weitere Nahrung durch die Jugendschriften, die ich las. Damals war man in Oesterreich noch ganz auf die Jugendschriftenfabrikation im Reiche angewiesen, und diese Ware war in jenen dem Kriege folgenden Jahren noch ganz kriegerisch-patriotisch. So entwickelte ich mich an der Hand jener Geschichten aus den Befreiungskriegen und aus dem jüngsten deutsch-französischen Kriege zu einein ' Alfred g. Fried.