Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- Seite 371 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Abschnittes erdrückten mich durch ihre Nähe. Menschen und Dinge, die dem Fernstehenden kaum noch beachtenswert sind, Ereignisse, über die er mit einem befreienden Lachen hinw^eggegangen wäre, erschienen mir damals äußerst wichtig und tragisch. Das schlimmste war, daß ich' hier bei der Auswahl und Schichtung des Materials jeden architektonischen Blick verloren hatte." Infolge dieser von ihm selbst erkannten Mängel hat er jetzt den zweiten-Abschnitt vollständig umge- . arbeitet. Dadurch hat das Buch erheblich gewonnen.. Es ist eine sehr lesenswerte Schrift geworden. Ich habe dem Verfasser, als ich vor vielen Jahren seine Bekanntschaft wachte, lebhafte Sympathie entgegengebracht und habe nun seine Befreiung aus dem Ghetto wiederum' mit dem größten Interesse gelesen. Seine Anschauungen über das Wesen des Judentums Halte ich sAr fälsch, und ich bin heute wie vor vielen Jahren der Ansicht, daß sie sich mit der Stellung eines Bibliothekars der jüdischen- Gemeinde nicht vertragen. Ueber seine talmudischen Kenntnisse fehlt mir ein Urteil. Nach dem Zeugnis von Männern, die ich für kompetent halte, sind seine bisherigen Arbeiten nicht derart, daß er die Anlage besitzt,.ein Reformator der Wissenschaft des Judentums zu werden. Er befindet sich also in einer Selbsttäuschung, die bedauerlich ist, am bedauerlichsten für ihn selbst. Dem Buche in seiner neuen Gestalt wünsche ich den besten, Erfolg, gerade deswegen, weil des Verfassers Veranlagung .möglicherweise darin liegt, derartige Skizzen aus dem Osten zu schreiben. Er mag dadurch oft erfolgreich wirken, nur möge man aufhören, ihn. zum Märtyrer zu stempeln. ' Er hat als Beamter die Gesinnung verletzt, die man von ihm erwartete; für seine wisienschastlichen Arbeiten besitzt er, nach der Meinung urteilsfähiger Kritiker, nicht , die Befähigung, die er sich Zuschreibt. Von seinem Amte ist er daher durch seine eigene Schuld entfernt worden,, und zwar von Rechts wegen; die Abweisung seiner Werke beruht nicht etwa auf einer Abneigung gegen seine Person, sondern nur ans seinen unzureichenden Kenntnissen. Das mag bedauerlich sein, aber man kann nicht von einem Martyrium sprechen bei dem, der ein-Amt einbüßt, weil er dazu ungeeignet' ist, oder sich an Werken versucht, zu denen seine Kräfte nicht genügen. L. G. ■ - — G e o r g H erm a n n. D i e N ach t desDoktor Herzfeld. Roman. Egon Fleische! L Co., Berlin 1912. Das neue Werk des hochbegabten Schriftstellers, der schon als-Verfasser des Nomanzyklus: Jettchen Geberts Geschichte für unsere Leser eine höchst interessante Persönlichkeit ist, ist durchaus kein jüdischer Roman. Zwar ist der Held des Romans, wie.sein Name sagt, ein Jude ilnd zwei Anspielungen auf seine jüdische Abstammung und seine jüdischen Kindheitserinnerungen kommen vor (S. '254 und 282). Sonst aber spielt die Geschichte weder in einem jüdischen Milieu, noch hat die Geschichte mit dem Bekenntnis des Helden irgend etwas zu tun. Im Gegensatz zu anderey Romanen, die ein.Menschenschicksal darstellen und zum Abschluß bringen, berichtet dieses Werk von den Erlebnissen einer Nacht. Es spielt nicht, wie frühere Romane Hermanns in vergangener Zeit, hat es nicht, wie der auch an dieser Stelle gewürdigte Roman „Kubinke" mit den unteren Ständen zu tun, sondern berichtet von den Stimmungen und Entschlüssen eines Mannes, der am . Leben Schiffbruch gelitten. Nicht in der Weise, daß er der- Not verfallen ist, denn Herzfeld ist'ein ziemlich wohlhabender Mensche der von seinen Renten leben und sogar seine Kunstneigung befriedigen kann. Er rettet gewissermaßen einen guten Bekannten, den Schriftsteller Gutzeit, der in seiner Ehe es nicht mehr auIhalten kann, sich von Frau und Kindern trennen will, schließlich aber, obgleich er sehr wohl erkennt, daß er von seiner Frau betrogen wird, zu ihr zurückkehrt, um das Ehejoch weiter zu schleppen. Bei der nächtlichen Wanderung, die Herzfeld mit diesem Gutzeit unternimmt, sieht er nach beinahe zwei Jahrzehnten ein Frauenzimmer wieder, das das Unglück seines Lebens gewesen, und plötzlich kommt ihm der'Entschluß, diese Verderberin zu erschießen und dann seinem eigenen Leben ein Ende zu machen. Er kommt indessen wieder zur Besinnung, hauptsächlich, nachdem er seinen Revolver, mit dem er die Heldentat ausführen will, verloren, und der Roman schließt eigentlich aus demselben Punkt, auf dem er angefangen. Das ist ein sehr schwerer künstlerischer Fehler und vieles, namentlich der Mordentschluß und der Selbstmordgedanke,' ist ebenso unvorbereitet, wie unmotiviert. Bei aller Bewunderung der Begabung unseres Schriftstellers itni>\ bei aller Anerkennung vieler einzelner Szenen, humoristischer Be-! merkungen, sinniger Betrachtungen, plastischer Schilderungen Ber- \ lins, seines Nachtlebens usw., kann ich das Ganze doch mehr als ein Virtuosenstück anerkennen, denn als eine wirkliche Dichtung^ Es ist etwas Kapriziöses, Launenhaftes in dem ganzen Buche, das den Leser wohl im Augenblick ergötzt, ihm aber keinen nachhaltigen künstlerischen Genuß gewährt. L.. 0. .. ■ G - ■ v — S aul und D av id. Von Alwine v. Kelle r. Leipzig, W. Härtel u. Co. Nächst. ' ' ' Ein eigenartiges Buch. Keine neue Uebersetzung biblischer Stellen und doch mit mancherlei Freiheiten ein Stück biblischer Geschichte. Das Merkwürdigste und Neue an dem Buche ist, daß es versucht, den irren Streit in der Seele Sauls, das Gottvertrauen und die Zuversicht im Wesen Davids psychologisch zu erklären. Das mag man, wenn man die'Worte der Bibel für unverletzlich hält, verdammen; gibt man einmal das Genre zu, so kann man an dieser eigentümlichen Weise Gefallen finden. Denn die Verfasserin modernisiert nicht etwa, indem sie ganz neuzeitliche Gedanken oder gar Anspielungen auf die Gegenwart dem Stoffe zufügt, sondern sie versucht unter wesentlicher Beibehaltung der biblischen Erzählungen in die Seele der Menschen blicken zu lassen. So gewinnen die alten Geschichten modernes Leben. Besonders wohlgelüngen ist die Schilderung des Freundschaftsbundes von David und Jonathan und die Art, wie der Fürstensohn dem Hirtenjüngling, von dem er ahnt, ja schließlich weiß, daß er statt seiner den Thron besteigt, die Freundschaft wahrt. Das wird vertieft und dichterisch erklärt. Ich glaube zwar nicht, daß man gut daran , tut, diese Art der Modernisierung der Bibel allgemeiner zu machen, aber ein einziges , solches Probestück dichterisch gestaltet, verdient wohl Beachtung und Anerkennung. ' ' - ' ■ L. G. * — Fe st s ch r i s t zur Er i n n e r u n g an die feierliche E i n w e i h u.n g d e r S y.n a g o g e z u Go ch. Bei Gelegenheit des 100jährigen Bestehens am 7. Juni 1912. . Eine kleine, trefflich ausgestattete, mit vielen Bildern gezierte Schrift, die auch einzelnes über die Geschichte der Gemeinde des alten vor 100 Jahren gestifteten Gotteshauses enthält. Die Art, wie 1812 die Erlaubnis zur Einweihung der Synagoge erteilt wurde, ist höchst amüsant; die Festrede des Präfekten in französischer Sprache, die mit einem Hoch auf den Kaiser von Frankreich endet, ist ein interessantes, kulturhistorisches Dokument. Schade, daß nicht aus der Geschichte der 100 Jahre etwas ausführlichere Mitteilungen gebracht werden. Der Gemeinde ist in ihrem neuen Gotteshause alles Gedeihen zu wünschen. .■ L. G - '; * — Hebräisch - deutsches Liederbuch. Die jüdischen Schulen im Orient leiden unter dem Mangel an Schulbüchern, die der Eigenart des Orients entsprechen. Bisher werden dem Unterricht notgedrungen meist Bücher zugrunde gelegt, die für europäische Länder — Frankreich, Deutschland, England usw. — geschaffen sind und in der Hauptsache in Natur- und Kulturverhältnissen dieser Länder wurzeln. Der Hilfsverein der Deutschen Juden ist nun daran gegangen. Schulbücher herauszugeben, die den Bedürfnissen des Orients mehr angepaßt sind. Der Anfang ist mit einem hebräisch-deutschen Liederbuch gemacht worden, das von Herrn A. Z. Jdelsohn, Gesanglehrer an.den Schulen des Hilssvereins der Deutschen Juden in Jerusalem-, unter Mitwirkung kompetenter Persönlichkeiten zusammengestellt wurde. 'Singen gehört, wie Zeichnen und Turnen, zu den Schulfächern, die im Orient — trotz ihrer großen Bedeutung — noch nicht recht zur Entfaltung gelangt sind. - Die Welt des Liedes, die einen unsagbaren Zauber hat, der jüdischen Jugend in jenen Ländern zu erschließen, wo das Schicksal der Juden seit vielen Generationen Not und Elend ist, bedeutet nicht nur einen Fortschritt auf p ä d a g o g i sch e m Gebiete, sondern eine Bereicherung Heranwachsender Generationen mit großen Werten sür das ganze Leben. Zudem bietet das Singen auch ein Hilfsmittel ersten Ranges für den Sprachunterricht. Das Liederbuch ist für Kindergärten, Volksschulen und höhere Lehranstalten bestimmt. Das h ebräische Liederbuch enthält neben biblischen und mittelalterlichen Dichtungen Schöpfungen moderner jüdischer Dichter.' Es gibt viel Eigenartiges, insbesondere was das musikalische-Element betrifft. Die echte Volksmelodie kommt barin zum Ausdruck, wie die . Volksseele sie geschaffen hat. Die Lieder .dieser Art sind zum Teil unmittelbare Volkslieder aschkenasischen öder sephardischen Ursprungs, zum Teil sind sie von