Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- Seite 370 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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370 -. - und überließen - die ihrem . Schutze anvertraute verzweifelte Bevölkerung ihrem traurigen Schicksale. Diesen Moment benutzten die Mitglieder der Selbstwehr, - um aus früher verabredete Zeichen der Führer Plötzlich, ihre verborgene Stellung zu Verlässen, sich schnell zu geschlossenen Kolonnen zu sammeln und mutig und kampfbereit den Holigans entgegenzutreten. Zunächst versuchten sie durch gütiges . Zureden, sowie das Angebot einer größeren Geldsumme, die Raubgesellen zum freiwilligen Rückzüge zu bewegen.. Allein diese, obwohl das entschlossene Austreten der Selbstwehr sie eine Weile stutzig gemacht hatte, ließen sich weder durch Bitten und das ihnen gemachte Geldangebot erweichen, noch durch die ihnen entgegenblitzenden Brownings einschüchtern. Bon gewissenlosen Agitatoren gedrängt und angefeuert, durch den überreichen Wodkigenuß der Vernunft und jeder menschlichen' Regung beraubt, stürzten sie sich, wilden Bestien gleich, mit dem Wutgeheul: „Tod und Verderben den Juden", auf deren jugendliche Beschützer, schlugen mit Knütteln/ und eisernen Stangen aus sie ein, und durchbrachen in kompakter Masse, die von Minute zu Minute durch immer frische Zuzügler unheimlich anschwoll, die geschlossenen Reihen der Selbstwehr. Und tobend und fluchend, über die'Verwundeten und Niedergestreckten ' erbarmungslos hinwegstürmend, brachen sie in die ihrer Vernichtungswut Preisgegebenen Häuser ein,, zum Entsetzen der jammernden, vergeblich um Mitleid stehenden Bewohner, die bald ihr Hab und Gut zer-. stört und verwüstet , und schon sich selbst dem entmenschten Raubgesindel gus Leben und Tod ausgeliesert sahen. . Noch über hielt die Selbstwehr ihre Sache nicht für verloren und gab den unter so ungleichen Verhältnissen unternommenen Verteidigungskamps nicht ohne weiteres auf. Der Führer der sozialistisch-zionistischen Partei, Alexander und einige seiner christlichen Genossen hatten die auseinandergesprengten Kameraden schnell wiedergesammelt, sie in kleinere Gruppen gegliedert und ihnen den Besehl erteilt, unverzüglich den in die Hguser eingedrungenen Holigans nachzusetzen und sie ohne Erbarmen niederzuschießen. Das geschah auch, und schon nach wenigen Minuten verkündeten das Knattex-n und Krachen der Schüsse, sowie das Geheul der Getroffenen, daß der Kamps nunmehr eine Wendung genommen habe, auf die. die Holigans nicht gefaßt waren. Letztere ergriffen nun in wilder Hast die Flucht und stürzten, wut- . schnaubend und zähneknirschend wieder aus die Straße, um von hier aus in die bisher verschont gebliebenen Häuser des Jüdenhofs einzudringen. Doch hier empfing sie Alexander mit seiner Abteilung und richtete eine fürchterliche Verheerung unter ihnen an. Nicht viel besser erging es setzt den Holigans, die in den anderen Gäßchen und Gassen in die Judenhäuser eingedrungen waren. Die ihnen dorthin nachgeeilten Gruppen der Selbstwehr, die aus der christlichen und jüdischen Intelligenz gebildet und der sozialistischen Leitung unterstellt waren, errangen durch den geschickten Gebrauch ihrer. Massen einen so glänzenden Sieg über die vertierten Mordbrenner, daß die verängstigte Bevölkerung die über ihren Häuptern^schwebende Gefahr nunmehr gewichen glaubte. Inzwischen aber waren wieder Kosaken und außer ihnen noch Gendarmen und Polizisten im Judenviertel erschienen, die, mit geladenem Gewehr durch die Straßen patroullierend, den aufgeregten Bewohnern nun versicherten, daß sie lediglich zu ihrem Schutze gekommen seien, und daß sie den strikten Befehl hätten, die Holigans über den . Haufen zu schießen, falls sie es wagen sollten, durch erneute Exzesse die Ruhe und Ordnung zu stören. Zugleich aber ermahnten sie die Mitglieder der Selbstwehr, die deren Versicherungen mit gemischten Gefühlen angehört hatten/ zur Ruhe und Besonnenheit, und forderten sie aus, die Schußwaffen ihnen auszu- .liefern - und geräuschlos auseinanderzugehen. Wohl .oder übel kamen die jungen Leute dieser mit Nachdruck -an sie gerichteten Aufforderung nach und zogen sich schleunigstin das Innere der Häuser zurück, um beklommenen Herzens-den Bewohnern Mut und Trost zuzusprechen und' nötigenfalls, mit Aufopferung des eigenen Lebens das Gut und Leben der anderen zu verteidigen. So war unter allgemeiner Unruhe, Spannung und Aufregung Stünde aus Stunde verstrichen, der Tag zur Neige gegangen und der Abend hereingebrochen. Diesem aber folgte eine grausige, finstere Nacht, eine Nacht des Jammers, und Schreckens, die mit ihren schwarzen Schatten das Himmelszelt verhüllte, damit Mond, und Sterne nicht Zeugen sein sollten, wie der ewig lebende, fluchbeladene Kain sich anschickte, seinen wehrlosen Bruder zu erschlagen. Es mochte wohl eine Stunde vor Mitternacht gewesen sein, als plötzlich, trotz der Wachsamkeit der. Polizei und der in ihrem Gefolge sich befindenden Kosaken, die am Tage vertriebenen Holigans in verstärkter Zahl in das Judenviertel eingebrochen waren und unter gräßlichem Gebrüll und ohrenbetäubendem Hurrageschrei das Zerstörungswerk von neuem begonnen hatten. Vergebens wandten sich die Führer der Selbstwehr; um Hilfe und Beistand an die angeblich zum Schutze der Bevölkerung das Judenviertel bewachenden Posten der Sicherheitsorgalle; vergeblich beschworen sie sie, dem barbarischen Treiben der Plünderer, energisch Einhalt zu gebieten; sie begegneten tauben Ohren,'höhnischen Blicken und steineren Herzen: ihr Bitten, Flehen und Beschwören verhallte ebenso wirkungslos wie das herzzerreißende Angstgeschrei der unglücklichen Bewohner, für die es nun keine Hilfe und keine Rettung mehr gab. „So komme das unsthuldig vergossene Blut über euch, Verräter und Schänder Wes russischen Namens," donnerte außer sich vor Wut und seelischer Erregung ein junger Student der mit höhnischem Grinsen dem Tumult zuschauenden Schutzmannschast entgegen, und stürmte mit den welligen ihn umringenden Genossen blitzschnell davon, um zu den vor und in den Häusern des großen Jüdenhofes von den Holigans hart bedrängten Kameraden zu gelangen. Doch hier bot sich ihnen ein grausiger Anblick: Der stille Mond, der flüchtig die schwarzen Wolken durchbrochen hatte, verbreitete sein mattes Licht über Ströme von Blut, über Hausen von Verwundeten und Erschlagenen, unterdenen neben verschiedenen anderen Mitgliedern'der Selbstwehr, auch der Führer der sozialistisch-zionistischen Partei und seine hübsche junge Schwester sich befanden. Und neben diesen kniete Alexander, aus vielen Wunden blutend, an einem von ihm in der Hitze des Gefechts niedergestreckten alten Holigan, in dem er jetzt zu seinem Entsetzen seinen früheren gütigen Meister erkannte, der nun mit verzerrtem Gesicht ihm röchelnd Zuflüsterte: „Gott ver—zei—he dir, Al—ex—an—der! Du ' hast nicht bloß dei—nen Mei—ster, du hast auch dei—nen Ba—ter er—schla—gen." Litersrilche Mitteilungen. Ghetto d ä m m e r-u n g. . Eine Lebensgeschichte von Jakob \ Fromer. 2. und 3. Auslage. Schuster u. Loefler, Berlin und Leipzig, 1911. 3 Mark, gebunden 4 Mark. Die erste Auflage dieses Buches, die 1906 unter dem Titel: „Vom Ghetto zur modernen Kultur" erschien, machte einen ziemlich unangenehmen Eindruck auf mich, weil der zweite Abschnitt, der unter anderem auch die Berliner Episode behandelte und die Erfahrungen schilderte, die Herr Fromer als Bibliothekar der jüdischen Gemeinde machte, und die man ihm machte, in einer mir wenig erquicklich scheinenden Weise abgefaßt war. Der Verfasser sagt selbst darüber in seiner Einleitung zur zweiten Auslage: „Die Erlebnisse des zweiten 1188111