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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-08-02 · Heft 31 (2.8.1912) · p. Seite 369

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 31 (2.8.1912)
Date
1912-08-02
Page
Seite 369 (sequence 9)
Language
German
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ZLS8-, Ahnrniied. Von Hugo Salus. meinen Großvater Hab' ich noch gekannt, Er trug sein Bündel durch das Land, Und konnte nicht schreiben und konnte nicht lesen Und ist ein armer Hausierer gewesen. Doch wenn ich meinen Vater frag': „Wer war deines Vaters Vater? sag!" Er lächelt traurig: „Wie soll ich das sagen, Er hat sein Bündel durchs Land getragen. Und vor ihm all die tausend Jahr', Wer unser Ahn und Urahn war? Was könnte uns an sie gemahnen? Arme haben keine Ahnen!" Elend, Verfolgung, Jammer und Not, Dunkel ihr Leben, dunkel ihr Tod! Und ich schäme mich fast, durch den'Abend zu gehen Und seinen Zauber und Glanz zu verstehen! Denn vor mir und neben mir keucht cs schwer, Da zieht meiner Ahnen dunkles Heer Mit wunden Nucken und Füßen, die brennen, Und mit ernsten Allgen, die mich nicht kennen ... Ans der Zeitschrift „Das literarische Echo", Nr. 16. Vergeltung. Von Albert Katz. II. mit besonderer Begeisterung aber stimmte er einem Vorschlag des Bruders seiner Angebeteten zu. Um diese Zeit war nämlich, nach einer Pause von einem Vierteljahrhundert, in mehreren Städten Südrußlands aufs neue Pogrome ausgebrochen. Die Holigans, von unbekannten Individuen geleitet, übten überall, wo sie erschienen, plündernd und mordend die fürchterlichsten Greueltaten aus, ohne auf irgendwelchen energischen Widerstand zu stoßen. Auf die „heilige Hermandad" war kein Verlaß; sie war mit Blindheit geschlagen und ebenso unzuverlässig wie das zum Schuhe der Bedrängten von wohlmeinenden christlichen Bürgern requirierte Militär, das sich zum Entsetzen aller Edeldenkenden selbst an den Ausschreitungen beteiligte. Ein panischer Schrecken hatte sich der Juden allerorten bemächtigt. Die Neichen und Wohlhabenden suchten und fanden in befreundeten christlichen Familien Schutz und Zuflucht, oder flüchteten auf deren Rat, Handel und Gewerbe im Stiche lassend, Hals über Kopf ins Ausland, um dort, in Sicherheit geborgen, den Verlauf der traurigen Vorgänge in der H.nmat abzuwarten. -Aber der überwiegend große Teil der jüdischen Bevölkerung, arm und um das tägliche Brot schwer und mühevoll kämpfend, war an die Scholle gefesselt, und sah io bangenden Herzens den kommenden Ereignissen ^entgegen. Uno schon durchlief auch die blühende Stadt Odessa das beängstigende Gerücht von einem bevorstehenden Pogrom, das reich und arm, die besser gesinnten Christen nicht minder als die wehrlosen Juden, in Angst und Schrecken versetzte. Da berief der Führer der sozialistisch-zionistischen Partei in das von Alexander und feinem Freunde bewohnte Zimmer eine geheime Versammlung von vertrauenswürdigen jungen Leuten, unter welchen neben-seinen engeren Gesinnungsgenossen, einigen christlichen Kameraden und den Führern der sozialistischen Organisation auch mehrere Studenten und Gymnasiasten sich befanden. Mit beredten Worten schilderte er ihnen, die drohende Gefahr sowie die entsetzliche Lage der armen jüdischen Bevölkerung, und machte unter frenetischem Beifall aller Anwesenden den Vorschlag, zum Schutze der Bedrängten sofort eine „Selbstwehr" zu bilden, die unauffällig den gefährdeten Stadtteil permanent bewachen und dem Ansturm der Holigans nötigenfalls mit der Waffe in der Hand entgegentreten sollte. Der Vorschlag wurde unter dem Gelöbnis strengster Verschwiegenheit zum Beschlüsse erhoben, und schon am folgenden Tage war die „Selbstwehr" gehörig organisiert. Die Mitglieder wurden mit Brownings, Stöcken und Scblagriemen ausgerüstet, und, in einzelne Gruppen gesondert, über das ganze Judenviertel verteilt, dem Kommando tüchtiger Führer unterstellt, denen sie unbedingten Gehorsam gelobten. Zu den letzteren gehörte auch Alexander, dem die Führung einer Gruppe, handfester Kameraden übertragen wurde, um den großen Jüdenhof, in dem er selbst sowie der Führer der sozialistisch-zionistischen Partei' und dessen Angehörigen wohnten, zu überwachen. , ’* In dem sonst so belebten Judenviertel herrschte nun eine unheimliche Stille. Die Angst vor dem Pogrom, dessen Ausbruch man jeden Augenblick erwartete, hielt die emsige Bevölkerung in ihren Wohnungen gefangen und verlieh den Straßen das Aussehen eines Friedhofs. Selbst der große Jüdenhof, auf dem an Werktagen vom frühen Morgen bis spät in die Nacht ein so reges Leben und Treiben wie auf einem Jahrmarkt herrschte, war jetzt menschenleer, wie in eine Einöde verwandelt. Nur die Mitglieder der Selbstwehr, die seit ihrer Konstituierung den Fabriken und Lehranstalten ferngeblieben waren, brachten in diese beängstigende Stille einige Abwechslung, indem sie bald einzeln, bald in Gruppen den Riesenhof durchschritten und den durch die verhängten Fenster der oberen Stockwerke verstohlen hinausblickenden Insassen zuwinkten, sich in das Innere der Gemächer zurückzuziehen und ruhig und gefaßt das Unvermeidliche abzuwarten. Mit besonders großem Eifer widmete sich Alexander seiner Aufgabe. In bangender Sorge um die Sicherheit und das Leben seiner Schutzbefohlenen, insbesondere des von ihm so heiß geliebten Mädchens, harrte er Tag und Nacht auf seinem Posten aus, fest entschlossen, diesen nicht eher zu verlassen, bis der erwartete Angriff der Holigans mit Erfolg abgewehrt fein würde. Selbst nachdem auf die Intervention der städtischen Duma zum Schutze des bedrohten Judenviertels eine Abteilung Kosaken eingetrofsen war, vernachlässigte Alexander die ihm übertragene Bewachung des Jüdenhofs nicht, sondern verblieb mit seinen Getreuen, allerdings so unauffällig wie möglich, in Permanenz und in steter Verbindung mit den Führern der anderen Gruppen, die gleich ihm jede Bewegung der erschienenen Beschützer mit wachsamem Auge verfolgten. Und schon in der nächsten Stunde zeigte es sich, wie notwendig die Selbstwehr und wie begründet das von ihr den Kosaken entgegengebrachte Mißtrauen war. Denn als bald darauf die verwilderten Barfüßler lärmend, pfeifend und johlend in das Judenviertel eindrangen und raubdurstig die Kaufmannsläden zu plündern und deren Besitzer zu drangsalieren begannen, leisteten die Kosaken ihnen nicht bloß keinen nennenswerten Widerstand, sondern drohten die um Hilfe rufenden Juden niederzuschießen, falls sie es wagen würden, ihre Häuser zu verlassen, um eigenmächtig das Vordringen der Plünderer zu verhindern oder durch die Flucht ins Freie Rettung zu suchen. Und dann zogen sie sich, unter dem Vorwand, daß sie der Uebermacht der lawinenartig sich ergießenden Masse der Mordgesellen nicht gewachsen seien, verräterisch feige zurück

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