Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- Seite 367 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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erlebte, Amsterdam 1770, Wien 1800, Warschau 1860. Von dort überging sie nach Frankreich. — Nur weniger Jahre bedurfte es>- bis die Meassim einen Schritt nach vorwärts taten, sie beschränkten nämlich ihr Streben nicht bloß auf die Veredlung der^ hebräischen . Sprache, sondern aus die Verfeinerung des jüdischen Lebens überhaupt. Innerhalb des Kreises der Meassim bildeten sich nun zwei Gruppen, die einen, die zugleich mit der Einführung der Emanzipation des Judentums nach und nach jegliches Interesse daran verloren, die anderen, die mit Senior Sachs (1856 bis 1892) an der Spitze sich aus die jüdische Literatur warfen, einerlei, in welcher Sprache sie mm bereichert ward, und die in der Begründung der jüdischtheologischen Seminarien in Deutschland und Frankreich gipfelten. An dieser Stelle möge es aber festgelegt werden, daß fast alle Koryphäen der jüdischen Literatur, welche sich zwar der deutschen Sprache in ihren neuen epochemachenden Werken bedient hatten, oft auch die hebräische Sprache für - ihren Gedankenausdruck gebrauchten. Es seien als Beispiele hier bloß angeführt: Senior Sachs (1843 bis 1866 in Berlin), der noch ganz Hebräisch schrieb. Michael Sachs (1808 bis 1864) mit seinem „Reschit ha-Melizah" (Zamosz 1821) und den Beiträgen zum „Kerem Ehemed" VII. — Abraham Geiger (1810—1874) lieferte Beiträge zur jüdischen Geschichte des Mittelalters in verschiedenen hebräischen Zeitschriften, und Studien zur Bibeleregese in seinem in Leipzig 1855 erschienenen „Parschandata". Zacharias Frankel (1801—1875) bediente sich der hebräischen Sprache in seinen wichtigsten Werken „Darke ha- Mischna" (Leipzig 1859) und „Mebo Ha-Jeruschalemi" (Breslau 1870). Heinrich Grätz (1817—1891) veröffentlichte seine Autologie zur neuhebräischen Poesie unter dem Titel „Leket Schoschanim" (Breslau 1862)'. — Jost (1793—1860) schrieb neben der deutschen Uebersetzung zur Mifchna aus einem hebräischen Kommentar zur selben (Berlin 1832—36); verschiedene Essays in seiner hebräischen Zeitschrift „Zion" (1841—1842). La3t but not least L. Zunz 1794—1886 „Ha-Palit" (Berlin 1850), Geschichte Ararja de Rossis und eine Abhandlung über Elazar Kallir im Kerem Ehemed V, VI und VII und die Einleitung zu Krochmaes philosophischem Werk „More" (Lemberg 1851). Mögen die Verfasser einer Geschichte der neueren hebräischen Literatur von „nationalem" Standpunkte ausgegangen sein, oder auch der Meinung sein, daß all dies, was sich nicht auf das praktische Leben des Judentums bezieht, auch nicht verdient in den -Nahmen der hebräischen Literatur ausgenommen zu werden, Tatsache ist es, daß obiger Werke auch nicht mit einem einzigen Worte gedacht wird. Aber auch die Werke jener Männer, welche uns jetzt in hebräischer Sprache bereits vorliegen, werden nicht erwähnt. Selbst die „Geschichte der Juden" von Grätz, welche doch in ihrem neuen hebräischen Gewände mit den wissenschaftlichen Zutaten Harkawys neu ist,'wird stillschweigend übergangen?) ' Gewaltiger noch als der Einfluß, den die „Meassim" aus die Länder des westlichen Europa ausgeübt hatten, war der aus das österreichische und russische Polen. Die gewaltsame Vernichtung des polnischen Staates, die Polenausstände am Anfänge des 19. Jahrhunderts, das ewige Dahinbrüten, der Aberglaube und eine vielgestaltende Phantasie, die sich der Polen bemächtigt hatte, war nicht ohne Rückwirkung aus das dortige Judentum geblieben. Der Chasidismus, der schon damals an Ueberschwänglichkeit des Aberglaubens stark litt, faßte immer tiefere Wurzeln, und die Folgen wären unabsehbar gewesen, wenn die moderne Bewegung von. Deutschland aus nicht auch in jene von Juden am zahlreichsten bewohnten Ländereien hinübergegriffen hätte. Vornehme Geister wie die *) N. Schlousz, La Renaissance de la Litt4rature Hebraique 1743—1885. Paris 1903. Derselbe, Korot Ha-Sifrut. Warschau 1906. Derselbe, The Renaissance of HeBrew Literatur (1743—1885), übersetzt von H. Szolp. Philad, 1909. Rabbiner E. Z. Margulies (1762—1828) und Hirsch Chajes (1805--1855) in Brody und Lemberg fanden erst an den identischen Meassim eine Stütze und Handhabe, um ihre Forschungen in neue- Bahnen zu lenken; während aber ersterer inseinen bereits modernen wissenschaftlichen Werke aus der Reserve, die ihm sein Amt auferlegte, nicht herauszutreten wagte, beteiligte sich Chajes bereits an den Veröffentlichungen des „Orient. Literaturblattes" von Fürst und der Zeitschrift „Zion" von Jost. Diese beiden Männer waren die Vorläufer der „Haskalah" wie die neue Bewegung in Polen benannt ward. Die eigentliche Begründung der >,Haskalah" erfolgte durch Nachman Krochmal (1785—1840), Salomon I. Rapopprt (1790 bis 1867). Jsak Erter (1792—1841) und Josua S. Schorr (1814 bis 1895). — Nicht der Wille, auch nicht der Wunsch die hebräische Sprache zu.fördern, hat diese Männer veranlaßt, abseits vom Streben und Wirken aller ihrer Landsleute ihre Geistesprodukte in dieser Sprache wiederzugeben, da sie doch fast als lebende Sprache von den Polnischen Juden gebraucht wurde, sondern der Instinkt, daß die Tradition üm Judentum nicht nur stärk geworden, sondern daß an dieser Erstarrung noch weitergearbeitet werde, und das Gefühl, daß mit dieser 'allzustrengen Tradition wenn auch nicht gebrochen, so doch zumindest abgerechnet werden müsse,, hat ihnen die Feder in die Hand gedrückt; sie mußten Hebräisch schreiben, weil es für sie die einzige Schriftsprache war, weil sie bei ihren Landsleuten Gehör zu finden wünschten, weil sie den modernen deutschen Geist auf den polnischen übertragen wollten. Sie sind auch somit als diejenigen zu betrachten, welche den Grundstein zur Weltliteratur des Hebräischen gelegt haben. Alle vier standen mit den Meassim in regem Verkehr und standen mit Geiger und Jost, speziell aber Samuel D: Luzzatto (1800-1865) in intimen Briefwechsel. Krochmal war der erste, der die moderne Philosophie für das Judentum erschöpfend ausgenutzt hast er war auch der ersteder in seinem Werke „More" zum erstenmal moderne Bibelkritik hat. Rapaport trat als erster aus der Reserve gegenüber der Strömung des Chasidismus heraus, er lieferte moderne historische Beiträge zu den von den polnischen „Maskilim" begründeten Zeitschriften Bikkure ha Jtim (Wien 1820—31 und 1844) und Kerem Ehemed (Wien, Prag, Berlin 18'33—1856) und wollte auch ein Reallexikon zum Talmud verfassen, von welchem aber nur der Buchstabe A fertig wurde (Erek Millin, Prag 1852). Erter war der berühmteste hebräisch? Stilist, als Prinzip galt es, die Mängel und die Verschrobenheit innerhalb des jüdischen Privatlebens bloßzustellen und scharf zu geißeln. (Ha Zofeh, Wien 1858 und 1864.)' Schorr endlich hatte sich ein doppeltes Ziel gesetzt, er wollte erstens den Chasidismus nicht weniger als das rabbinische Judentum bis zur vollständigen Vernichtung bekämpfen und zweitens auf wissenschaftlicher BasÄ die Göttlichkeit der Bibel aä absmämn führen. Zu diesem Zwecke begründete er die Zeitschrift He-Chaluz (1852—1889) und starb mit dem Gefühle, vieles, sehr vieles zur Kultivierung seiner Stammesgenossen beigetragen zu haben. Bei keinem dieser Gelehrten'und Vorkämpfer hat jemals die jüdische „Nationalität" auch nur die geringste Rolle gespielt. Brody in Galizien, welches schon im 18. Jahrhundert durch seinen Freisinn bekannt war, weil es schon 1781 .den Bann gegen die Chasidim ausgesprochen hatte, bildete die Zentrale der modernen Bewegung. Als ständiger Wohnort Krochmals, Erters und Schorrs ward es eine Anziehungskraft für alle jugendlichen Geister, um daselbst die Lehren der „Haskalah" in sich auszunehmen. Von hervorragenden Maskilim hielten sich daselbst auf: Joseph Perl (1774—1839), der außer seinem berühmten Pamphlete gegen den Chasidismus jenes Kapitel über dieselben geschrieben hatte, welches Jost in seiner „Geschichte des Judentums" III 185 et se§. ausgenommen. Er. war auch der erste, der eine Resormgemeinde in Polen (1815) begründet hatte. Der Brodyer Schule gehörte auch Samson Bloch cmG