Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- Seite 365 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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' ’ \ - -865 - 'Jude Gumpert ist 1806 ein Hausierer, 1Ö13 ein reichgewordener Fabrikant; sein Charakter hat sich in der Spanne von 7 Jahren nicht geändert; er ist beide Male der mauschelnde Jid, der das - Publikum zum Lachen bringen soll. Seine preußische Gesinnung ist höchst zweifelhaft; ganz nebenbei wird zwar bemerkt, daß er mit einer namhaften Spende sich an den preußischen Sammlungen beteiligt hat, aber auch dies soll ihn anscheinend mit dem Makel eines Protzers behaften; feine Scheu vor dem Pulver aber kann nicht' grell genug gemalt werden. Während alle Christen begeistert sich zu den Freiwilligen melden, sagt er unter anderem (ein Textbuch steht mir nicht zur Verfügung, ich kann daher für die Richtigkeit des aus dem Gedächtnis Zitierten nicht bürgen): „Ich habe nur einen Adoptivsohn und der ist Gott sei Dank, äh, leider Gottes, erst zehn Jahre alt". Warum hebt der Verfasser nicht hervor, daß Juden mit Stolz ins Feld gezogen sind; was soll diese unwahre Karrikatur? Und wozu die antisemitischen Witze bei einer Handlung, die jedem Christen heilig sein müßte: Es werden zur Abhaltung des Gottesdienstes und zur Waffenweihe Kreuzecherbeigebracht, was den armen Juden in die Worte ausbrechen läßt: „Gott, Hab' ich mich erschrocken; ich Hab' gemeint, me will mich taufen." Darauf etwa folgende Antwort: „Das Hilst bei Ihnen ja doch nichts mehr." Ist das die deutsche Brüderlichkeit? Die Liebe zum Vaterland wird trotz aller und aller Zurücksetzungen und Geschichtssälschungen in uns nicht erlöschen. Aber die Achtung vor uns selbst und vor der Wahrheit gebietet allen Groß-Verliner Juden, den Besuch dieser deutschen oder besser, deutsch-nationalen Heimatspiele zu meiden. Ich möchte zürn. Schluß noch bemerken, daß die sonst so scharfen Kritiker Berliner Blätter — soweit ich sie gelesen habe — die antisemitische Färbung des Stückes ihren Lesern schamhaft verschwiegen haben! * Eine dritte Zuschrift kommt aus P o.s e n. Einzelne Zeitungen hatten jüngst Mitteilungen über eine Ritualmordafsäre gemacht. Darüber schreibt nun unser Korrespondent: Die Ausklärung eines Ritualmordes. Am 26. Mai d. I., in recht früher Morgenstunde, wurde dem Nachtwachbeamten von einer Frau Szasranski in der Taubenstraße zugerufen, daß in einer Türnische eine Leiche liege. Diese wurde als die des Lehrlings Musial^ der'bei der. Firma Kessel u. Co. tätig war, ermittelt. Er hatte sich im Aufträge seines Chefs am 25. entfernt, um 500 Mark in eine Bank einzuzahlen, war jedoch seit seiner Entfernung nicht mehr gesehen worden. Die Leiche zeigte völlige Blutleere, und da es den Bemühungen der Kriminalpolizei nicht gelingen wollte, Licht in das Dunkel zu bringen, tauchten erst vereinzelte Stimmen auf, die von einem „Ritualmord" sprachen, denen sich aber bald die Allgemeinheit zuwendete. Der Oberpräsident Dr. von Schwartzkopff wurde in einer Eingabe ausgefordert, wegen des Ritualmordes die nötigen Schritte einzuleiten oder — abzudanken. Noch schlimmer erging es der Staatsanwaltschaft, der ein Baumeister sogar drohte, er werde sie bloßstellen, falls sie nicht die nötigen Schritte wegen des „Rita almordes" einleiten würde. Der Erfolg dieses Gesuches war ein ungeahnter, denn es schwebt bereits ein Ermittlungsverfahren gegen — den Antragsteller. Namentlich in Polnischen Kreisen brach sich immer nrehr die Ueberzeugung von dem an Musial begangenen „Ritualmord" Bahn. Da brachten plötzlich die „Posener Neuesten Nachrichten", das Organ der freisinnigen Partei, die Nachricht, daß es endlich den rastlosen Bemühungen des vom Minister des Innern nach Posen gesandten Kriminalkommissars Maetelmann aus Berlin gelungen ist, den Schleier des Geheimnisses zu lüften. In Gemeinschaft mit dem. hiesigen Schutzmann Haude, der als erster eine bestimmte Spur verfolgte, wurden der Fleischergeselle Michael Szasranski und dessen Ehefrau, die den Leichnam gesunden hat, wegen dringenden Mordverdachts in Haft genommen. Gesucht werden noch zwei Mitschuldige, die sich verborgen halten. Trotz des Leugnens. der Verhafteten ist das Belastungsmaterial ein so erdrückendes, daß der Untersuchungsrichter binnen kurzem die Akten der Staatsanwaltschaft zur Erhebung der Anklage übersenden wird- Sämtliche Angaben der Verdächtigten über ihre Tätigkeit am Mordtage haben sich bei der Nachprüfung als falsch herausgestellt. Erwiesen ist, daß sie am 25. Mai ein Zimmer in der Schwalbenstraße — in unmittelbarer Nähe der Fundstelle der Leiche — gemietet hatten, in welchem viele Blutspritzer' an der Wand und an den Möbeln gefunden wurden; auch konnten sie sich über die Herkunft größerer Barmittel nach der Mordtat, nicht ausweisen. Die Angelegenheit, die weit über die Grenzen unserer Provinz hinaus, großes Aussehen erregt hat, beleuchtet wieder den Irrwahn gewisser antisemitischer Kreise, von dem sie aber selbst, angesichts der überzeugendsten Tatsachen, nicht geheilt werden wollen. * In Rußland wird es nun endlich Licht in der R i t u a lm o r d a f s ä r e. Die „Voss. Ztg." verbreitet folgendes Telegramm: Petersburg, 25. Juli. (Eigener Drahtbericht unseres Kor>- .respondenten.) Gestern wurde nach einem mehrstündigen Verhör in Kiew Wera Tscheberiak verhaftet, die nach den Enthüllungen des ^Journalisten Vrasul Braschkowski die Ermordung des angeblich von den Juden zu Ritualzwecken getöteten Juschtschinski vorbereitete. * Folgende sehr beunruhigende Nachricht wird gleichfalls aus Rußland von der „Franks. Zeitung" verbreitet: Unter den auf den: Chersones ansässigen Juden macht sich eine starke Beunruhigung geltend, weil es plötzlich heißt, der Gouverneur wolle sie ihres. Wohnrechts berauben. Der Chersones gehört nicht zur eigentlichen Ansiedlungszone der Juden, die aber dort kraft des Rundschreibens Stolypins vom 22. Mai 1907 bisher ungestört bleiben konnten.' Nun soll der Gouverneur eine „JMxsxretation "erlassen haben, deren Verössentlichung man nächstens erwartet, wonach zehntausend aus dem Lande wohnende Juden vertrieben werden müßten. Die meisten von ihnen sind im Getreide- . Handel beschäftigt und vermitteln den Geschäftsverkehr nach Odessa.' Die Juden haben nun beschlossen, den Gouverneur durch eine Abordnung um Auskunft über die geplanten Maßnahmen zu ersuchen; wenn die Drohung sich verwirklicht, soll die Abordnung sofort nach Petersburg fahren, um bei den obersten ReichsbehördLN vorstellig zu werden. Außerdem haben die Gutsbesitzer, die für den Getreidehandel fürchten, und viele Bauern, die als Hausbesitzer usw. von den Juden Nutzen ziehen, den Gouverneur gebeten, die bisherige Lage nicht zu ändern. Grh. Iukttzrat Lugen Luchs. ch bin am 6. Februar 1856 als 6. Sohn (von 14 Kin- * dern) des Holzhändlers Salomon Fuchs und seiner Ehefrau Henriette gebl Somnitz zn'Koschentin in Oberschlesien geboren. Dort habe ich den ersten Unterricht genossen. In Tarnowitz, wohin meine Eltern im Jahre 1861 übersiedel- - ten, besuchte ich die jüdische Elementarschule, die mich für die Ouarta des Gymnasiums vorbereitete. Meine Gymnäsialzeit (1867—1874) habe ich auf dem Friedrichsgymnasium in Breslau, meine Studienzeit (1874—1877) auf den Universitäten in Leipzig, Heidelberg und Berlin verbracht. Das Referendarexamen habe ich am 6. Juli 1877 in Berlin gemacht, die ersten neun Monate meines Referendariats an der Deputation zu Tarnowitz absolviert. Dann wurde ich in