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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-08-02 · Heft 31 (2.8.1912) · p. Seite 364

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 31 (2.8.1912)
Date
1912-08-02
Page
Seite 364 (sequence 4)
Language
German
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2. Hotels und Pensionen,, die sich als christlich bezeichnen. Berchtesgaden (Pension Malterlehen in der Schönau). Finsterbergen (Kurhaus „Felsenstein"). Flinsberg (Pension „Borussia" und Hasse, Villa „Bergfrieden"). Freudenstadt im Schwarzwald (Palmen--, wald). Iohanneser Kurhaus bei Claustal. Königsfeld, Schwarzwald (Prospekt: „Der christliche Charakter des Ortes bedingt christliche Hausordnung in den meisten Häusern, weshalb Israeliten ihn nicht aufsuchen.") Polzin (Kur- und Erholungsheim „Marienbad"). Schierke („Haus Waldesruh" in Oberschierke). Schreiberhau im Riefengebirge, Pensionen Fräulein v. Versen- (Inhaberin Fräulein v. Siegert und Pauli), Villa „Irene" (Inhaberin Fräulein Nippe), Landhaus „Maria Elisabeth" (Inhaberin Fräulein v. Skal), Pension Baude am Nabenstein. Swinemünde („Strands chloß", „Seeschloß"). Dieser Warnungstafel, die hoffentlich für alle jüdischen Besucher eine Warnung enthalt, brauche ich nur wenige Bemerkungen anzuschließem Wenn antisemitische Blätter bei Veröffentlichung dieses Verzeichnisses meinen, die christlichen Wirte täten -.ja nichts anderes als die jüdischen, die nur rituelle Speisen verabreichen, so ist dies eine, absichtliche Irreführung. Die letzteren haben nicht die geringste Absicht/christliche Gäste auszuschließen; man kann sich in Marienbad und anderwärts überzeugen, wie oft und wie gern Christen in jüdischen Wirtschaften speisen. Ob die Ausschließung der. Juden aus Hotels und Speiseorten juristisch sich rechtfertigen läßt, ist sehr zweifelhaft, jedenfalls bleibt eine solche Entfernung namentlich in den Zeiten, die zur friedlichen Erholung bestimmt sind, eine so schwere Beeinträchtigung, eine so frevelhafte Erregung der Leidenschaften, daß man nur mit tiefer Entrüstung davon sprechen kann. Auch sonst mehren sich in Deutschland die Anzeichen, daß der, Antisemitismus wieder im Steigen begriffen ist. Zwei solche Fälle buchen wir hier nach Mitteilungen, die uns zugegangen sind. # Aus Frankfurt a. M. erhalten wir folgende Zuschrift: Anläßlich der Aufbringung des Fonds für ein Heinedenkmal hier hat der antisemitische Abgeordnete Dr. Werner- Gießen am 14. Juni einen Vortrag gehalten: „Das Heinedenkmäl in Frankfurt, ein Zeichen jüdischer Herrschaft". Die hier erscheinende Tageszeitung „Frankfurter Nachrichten" sekundierte diesem Herrn durch einen Artikel, in welchem uns weniger die Stellung zu Heine, dagegen die offenen und versteckten Ausfälle gegen das Judentum interessieren. Nach einer nicht üblen Würdigung des Dichters Heine heißt es nämlich: ,>Damit soll nicht gesagt sein, daß wir seine Jugend- und Lebenssünden gutheißen, daß wir seine Stellung zur Religion und zum Christentum etwa verteidigen. Aber dem Dichter gebührt die volle Anerkennung seines Volkes; dem Sänger der Lorelei der Lorbeer und die Palme. Gerade seine S t e l l u n g z u r R e l i g i onwa r e s , die ihm die größte G e g n e r s ch a f t e i n t r u g. Und doch sollte ein toleranter Mensch ihn um derentwillen nicht schmähen. Konnte er denn zu etwas anderem kommen, als zu s ei n e nt a n t i k i s ier e n d e n P a n th e i smu s? A u sg e w a ch s e n i n e i n e r f r o mm e n Iud ensamilie, g ew ö h n t, d e n Ch r i st>en als den Feind zu b et r a ch t en , tr a t e r h i n a u s in d as fr eie Leben, und die Wogen der Christenkultur umspülten wohltuend seinen niedergebändigten starken Geist. Alles, was er zu v e rächten gelernt hatte, schien ihm j e tz t s ch ö n und groß, die ganze Kunst, die ganze Literatur war durchtränkt von. den Lehren des Christentums. Wohin er sich wandte, stieß er auf christliche Kultur, und wider w i l l i g f ü g t e sich sein i n d e r St a r r h e i t d e s D ek a l o g s erzogener G e i st dem befreienden Lichte von Osten. Seine phantastische Seele, seine romantische Natur drängte nach dem Katholizismus hin, und größer, tiefer hat kein deutscher Sänger dem Marienkult gehuldigt als Heine in seiner Wallfahrt nach Kevelaa. Trotzdem kann er es nicht lassen, als er die Geschichte seines Uebertritts zur römischen Kirche erzählt, boshaft und bissig zu werden. Trotzdem stirbt er mit der fürchterlichen Blasphemie aus den Lippen: „visu me pardonnera, c’est son melier". Er> der von einer Konfession in die andere geschwankt war, konnte seiner ganzen Erziehung nach die r ich tig e Stellung zu Gott ni ch t fi n D en, und so ging er hin, wie ein verlöschendes Licht, wie die springende Saite an einer alten Violine, ein Ausdruck, den er selbst ge- - braucht in jenem ergreifenden Gedicht, das mit den Worten schließt: „Die letzte Lampe ächzt und zischt verzweiflungsvoll, und sie erlischt — das arme Licht war meine Seele". . , Höchst interessant ist nun nachstehender Kommentar: Der. Verfasser dieses Artikels ist der Chefredakteur der „Frankfurter Nachrichten" Dr. Ferdinand Runkel. Derselbe hatte schon früher in einem konservativen Blatte in einem Heineartikel die Schmähung veröffentlicht, daß in jüdischen Familien zum Hasse gegen das Christentum erzogen wird. Denselben Artikel wollte er bei obigem Anlaß hier veröffentlichen^, ließ ihn vorher den Rabbiner Dr. Adolph Braun, Zeit 9 — einen gelegentlichen Mitarbeiter, der das Blatt als philosemitisch stempeln soll —, lesen; Dr. Braun Protestierte in einem zirka 20 Seiten langen Schreiben an Dr. Runkel, und die „abschwächende"' (?) Wirkung ist der zitierte Artikel. Nach Erscheinen ließ Dr. Braun, der seine Mitarbeit natürlich sofort einstellte, den „Nachrichten" mitteilen, daß-er, falls noch einmal etwas Passieren sollte, von Haus zu Haus gehen werde, um den Antisemitismus aust zudecken. Wir haben nun amtlich -festgestellt, daß Dr. Runkels Großvater Salomon Runkel jüdischer Tanzlehrer in Hanau war, ebenso sein Vater Karl, der sich anläßlich seiner Verehelichung hat taufen lassen. (Die von dem Pfarrer an der Marienkirche in Hanau angefertigte Abschrift aus dem Taufregister hat uns Vorgelegen. Die Red.) Dr. Runkel hält in Logenkreisen mit Vorliebe Vorträge über religiöse Themen, zum Beispiel „Christus und Hillel", und treibt damit Proselytenmacherei. Dies scheint auch die Ouintessenz des Heineartikels zu sein. Das Blatt selbst hat hier durch seinen Kampf gegen die übrige Presse, den Millionenprozeß gegen den „General-Anzeiger", Sensation gemacht, die „ F r a n kfur t e r Z ei t u n g " hat in einem Leitartikel die Presseorganisationen auf das die Ehre und das Ansehen der ganzen Presse schädigende Treiben aufmerksam gemacht. Das Blatt lebt von den Inseraten der jüdischen Kaufleute, und wird als Nachfolgerin des alten „Jntelligenzblattes"'von jüdischen Familien abonniert. * Eine zweite Zuschrift lautet: In der schönen Havelresidenz Potsdam wird die Erinnerung an die Zeit vor 100 Jahren durch ein Festspiel wachgerusen, das von einer Gesellschaft für deutsche H e i m a tspiele veranstaltet wird und den Titel: „Der Herr der Erde" führt. Der erste Akt zeigt den „Herrn der Erde", Napoleon, selber aus der Höhe seines Ruhmes: kurz nach Jena. Der zweite erzählt die beginnende Erhebung Preußens nach der furchtbaren Katastrophe auf Rußlands Eisfeldern. Das ganze müßte in jedem guten Deutschen Begeisterung erwecken — wenn nicht ganz überflüssig ein Jude Gumpert, Handelsmann aus Berlin, das deutsche Festspiel in ein deutsch-nationales, d. h. antisenritisches, wandelte. Wozu in diese Handlung überhaupt ein Jude hineingesetzt wird, ist vom künstlerischen Standpunkt betrachtet, nicht recht ersichtlich; es sei denn, daß der Verfasser das Stück zugkräftiger gestalten wollte. Der

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