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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-08-02 · Heft 31 (2.8.1912) · p. Seite 363

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 31 (2.8.1912)
Date
1912-08-02
Page
Seite 363 (sequence 3)
Language
German
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Emfluß der iranischen MÄtanschauung mitgewirkt, daß diese Form der Gottesverehrung , sich:fo schnell bei den Juden einbürgerte und einen wesentlichen Bestandteil des Kultus ausmachte." . . Ich muß es mir leider versagen, dem Verfasser weiter in seiner Darstellung zu folgen, wiewohl noch sehr wichtige Punkte, wie zum Beispiel seine Analyse der „Chronik" Nnd vieles andere zu berühren wären. Das hier-Angeführte dürfte indes genügen, uns-zu einer . gründlichen-Revision unseres Glaubens und Lehrinhaltes im Geiste Vogelsteins zu veranlassen .Ich meine nicht bloß -privatim, im stillen Kämmerlein, —brauch das tut sehr noü — Ich meine, daß es endlich an der. Zeit ist, die . gewonnenen Resultate der Bibelforschung praktisch in unserem religiösen Leben zu verwerten.- Wir Müssen ernstlich beginnen,' das bestehende jüdische -,Frömmigkeitsideal" zu umwerten. Welche Karikaturen dies zuzeitigen imstande isthat jüngst Albert Katz uns in diesen Blättern gezeigt. Es war da von einer ganz eigentümlichen Mährzeitsfeier" die Rede. Aehnliches erleben wir täglich. Ich möchte nur daran erinnern was der Durchschnittsjude dabei denkt, wenn von einem „frommen" oder „jüdischen" Hause die Rede ist. — — . Wir leiden unter dem Druck der Priesterreligion. Das opus, operatum, öon dem Propheten „angelernte Menschensatzung" benannt, eine Zeitlang eine Schutzwehr für unseren Bestand, ist jetzt zum Bollwerk geworden und hindert uns in unserer Entwicklung. Ich meine nicht, daß die Rabbinen noch mehr „abschaffen" sollen. Dazu braucht man die Rabbiner überhaupt nicht. . Dafür sorgen andere Mächte. Aber die Rabbiner sollen den Mut haben, öffentlich und privatim zu erklären, daß dies „Abschaffen" mit einer „Sünde" nichts zu tun hat. „Sünden" kommen nicht aus Küche und Keller, sondern ihr Sitz ist im Herzen. Das ist freilich eine Binsenwahrheit. Ab^r an dem Mangel der tiefen Erkenntnis dieser Binsenwahrheit' krankt eben unser" Judentum. — Die traditionell-gesetzestreue Judenheit sammelt sich jetzt. Und sie tut recht daran. Wir freuen uns sogar, daß der „Rebbe von Gor" zü ihren Genossen zählt. 'Vielleicht gelingt es diesem, etwas Begeisterung (Hithlahauth) und Leben in den toten Mechanismus der deutsch-jüdischen Orthodoxie zu bringen. Aber wir können uns dieser Bewegung, beim besten Willen, nicht anschließen. Denn wir sind eben nicht, traditionellgesetzestreu. Wer unter den liberalen Rabinern wird zum Beispiel Dr. D. Höfsmanns Worte sich aneignen wollen: „das schriftlich ausgezeichnete, gelesene Bibelwort und die von den Weisen vernommenen Lehraussprüche sind für den Israeliten die beiden Quellen, aus denen er die Thora schöpft, die Moses von Gott am Sinai empfangen"? — Wir respektieren natürlich diesen traditionellen Glauben. Wir . haben auch Respekt vor Professor A. Berliner, welcher der Ansicht ist, daß der göttliche Ursprung der heiligen Schrift „von jedem echten und rechten Jehudi als unbestrittener Gaubenssatz (DW lfc min) unverbrüchlich gehalten wird". Wir aber sind anderer Ansicht und glauben^ daß, um nur einige unserer Großen zu nennen, die unsere Wegweiser geworden, die Nachmann Krochmal, Zunz, Abraham Geiger, Leopold Löw, Steinschneider, Steinthal, Lazarus und viele andere sicher auch „echte und rechte Jehudim" gewesen, wenn sie auch den „unbestrittenen Glaubenssatz" sehr stark bestritten haben. — Wir liberalen Juden befinden uns also in guter Gesellschaft. Aber das ist nicht genug, daß wir uns zum Prinzip der freien Forschung auch auf dem Gebiete der. Bibelwissenschaft bekennen. Wir müssen auch den Mut haben, die Konsequenzen, die aus der freien Erforschung der Bibel sich ergeben, zu ziehen. Wir müssen offen und ehrlich und zielbewußt den Kampf gegen die Priesterreligion ausnehmen. Wir müssen neue Frömmigkeitsideale schaffen. Neue, aber doch' uralte, von Moses und den Propheten uns vorgezeichnete. Die ewige'Rücksichtnähme aus die Schwachen kann zu keinem gesunden Resultate führen. V o g e l ft e i n hat uns in. seinem Buche das Sinnen und Trachten der Priester dargestellt. In seinem Geiste wollen wir, nicht-als Historiker und nicht als Archäologen, sondern als liberale Juden wollen wir aus demselben die Konsequenz mit den Worten des Propheten ziehen: „Haus Jakobs' aust und lasset uns wandeln im Lichte des Ewigen!" -Im Lichte'/ das der Gott der Wahrheit durch seine Propheten uns und der Menschheit leuchten ließ! ■ - Dir Woche. Berlin, 30. Juli 1912. e r Antisemitis m'u s gönnt sich keine Ferien. Gerade während 'der Reisezeit wird man stark daran erinnert. Die Zeitschrift „Im Deutschen Reich" veröffentlicht, wie gewöhnlich,'auch dieses Jahr eine Liste derjenigen Badeorte und Häuser, die jüdischen Besuch ausschließen. Ich lasse diese Liste hier folgen: 1. Erholungsorte beziehungsweise Hotels und P e'n s i o n e n, di e „ an t i s ein i t i sch en Charakter" ha b e n.. Arendsee (Villa „Lubeia" und „Waldhaus"). Bansin. (In dem offiziellen Prospekt diöses Ostseebades werden 27 Villen, Pensionen und Logierhäuser ausgeführt, die nur christliche Badegäste aufnehmen.) Berchtesgaden (Villa „Minerva"). Binz (Villen: Glückspilz; Haus Gaebel; Quisisana; Hotel Potenberg; Restaurant Imperial, Besitzer Staub),-.Borkum, -Braunlage (O.-Harz). Die frühere antisemitische Notiz in dem Prospekt erscheint jetzt in der Fassung: „B. wird fast ausschließlich von Kurgästen christlichen Glaubens besucht." Nur dem Besitzer der Villa „Germania" sind jüdische Gäste willkommen. Brunsharipten i. M. (Hotel. „Waldschlößchen"). Klausthal (Hotel und Pension „Voigtslust". Kuxhaven ' („Seepavillon", Besitzer Piller). Einöd bei Friesen in Obersteiermark. Finsterbergen bei Friedrichroda (Villa „Waldhaus"). Frankfurt am Main (Bahnhofshotel.„Kölner Hof", Besitzer Laaß). Gehlberger Mühle bei Oberhof.. Groß-Tabarz in Thüringen. Hahnenklee im Harz (Pension „Vurgfriede"- Villa „Bocksberg", Villa „Maria" in Bockswiese). Harzburg (Villa „Winterberg", Nordhäuser Straße, Hafserode bei Wernigerode (Kurhaus Dr. Kurbel). Heiligenhafen. Herzberg am Harz. Juist. Karlsbad („Elisabethhaus."; Hotels: ' „Morgenstern", „National", „Residenz", „Römischer Feldherr", Italia", '„Florenz", - „Stadt Warschau", '„Insel Malta", „Rosenstock", „Kaiserftraße". „Brandenburger Tor", „Preußische Krone", „Egeria", „Diamant", X „Englische Krone",- „Haus Abbazia" (Otto Löw)- Gasthof. „Alt-Heidelberg", Buchhandlung Herm. Jacob). Kitzbühel (Fremdenverkehr- Verein versendet Reklnmebücher mit Stempel: Beschluß der General- . Versammlung '1897: Anfragen von Juden bleiben unberücksichtigt). Kaufstein (Gasthaus. „Zu den drei Königen"). Langeoog. Lakolk , (Nordsee). Landeck („Elysium"). Neuhäuser bei Königsberg (Villen: Schmiedke). Oberhof (Gehlberger Mühle): Oberlauchringen in Baden (Gasthaus „Zum Wütachtal", Besitzer Albiez). Pyrmont (Pension Storch, Richters Pension, Besitzer C. Holborn; Villa „Heimburg", Besitzerin Fräulein Montua. „Israeliten werden nicht ausgenommen.") Rentsch -bei Bozen. Rengsdorf im - Westerwald (Hotel Ritschmann, Hotel „Zum Stern" und .Hotel „Forsthaus", Besitzer Hartmann). Salzbrunn (Villa „Anni", „Dachroedens Hof").. ^Sachsa, Bad a. H. („Haus Arnim", Villa „Buchenhöhe:. Frjeda v. Lüpke und Ana Hermann versenden Prospekte mit der Bemerkung: „Israeliten werden nicht aufgenommen.") St. Johann in Appenzell. Schierke ■ im Harz („Haus Tannenheim",, „Haus Wedel", „Haus Hoppe"). Schalders-Wildbach. (Südtirol), Israeliten' ausgeschlossen. Schwarzbach bei Wiegandsthal. Travemünde (Villa „Miramare"); Volderbad bei Hall. Wenningstedt-Sylt. Westerland-Sylt (Pension Lambeck). Wildbad (Pension Reuß und-Maldeck, Montebello.) Zinnowitz. (Mit. Ausnahme von Kinderheim „Hübertusburg" und Villa „Loüenarin".) .

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