Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 26. Juli 1912 Dxx Gemetndebote. Vetlsgr zur „Allgemeinen Leitung des Judentums. Sorrrlpondkn?rn und Kachrichtrn. Deutschland. Berlin, 23. Juli. In letzter Zeit haben die jüdischen Zeitungen sowie auch politische Tagesblätter den Versuch, jüdische Arbeiter in dem B er gl> tut und Hüttenbetrieb Oberschlesiens zu b esch äs tig en, zur Kenntnis ihrer Leser gebracht und ihn ziemlich eingehend erörtert. Da dieses Hilfswerk — als solches können wir es jetzt bezeichnen — irrtümlicherweise als Frucht des neu begründeten Agudas Jisroel angegeben wurde, knüpften sich an die Berichte verschiedene Erörterungen, die zuweilen auch unliebsamer Natur waren. Man hatte kein rechtes Vertrauen zu einem Werke einer Organifaton, die noch kaum existiert, und deren Tätigkeit noch nicht erprobt ist. Diese Erörterungen wären sicherlich im Interesse der Sache unterblieben, wenn man gewußt hätte, daß andere bekannte Organisationen sich aus Veranlassung der Großloge U. O. B. B. mit diesem Problem seit Jahren beschäftigen, da die Beschaffung von Arbeitsgelegenheit für Arbeitslose mit zur Tätigkeit des Bne Brity Ordens gehört. Bereits im Jahre 1889 hat die Frankfurt-Loge einen jüdischen Arbeitsnachweis begründet, diesem Beispiel sind mehrere Logen gefolgt. Auf Bemühung des rührigen Vorsitzenden des Berliner jüdischen Arbeitsnachweises, Herrn Dr. Max Ginsberg, und bekannter Persönlichkeiten aus der Frankfurt-Loge hat die Großloge einen Verband der jüdischen Arbeitsnachweise begründet, die jetzt an nahezu 60 Plätzen unseres Vaterlandes segensreich wirken. Auch die oberschlesischen Logen haben ihre Aufmerksamkeit den Problemen der Arbeitslosigkeit zugewandt und vor 21h Jahren der Großloge das Projekt der Beschäftigung jüdischer Arbeiter im Bergbau Oberschlesiens unterbreitet. — Infolgedessen hat sie im Winter 1910 eingehende Konferenzen mit Vertretern des Hilssvereins, der Alliance und in letzter Zeit auch mit denen der I. C. A. abgehalten. Die Großloge und die Organisationen .haben trotz mancher Bedenken ihre Sympathie dem Plane der Herren der Concordia-Loge in Kattowitz ausgesprochen und dem dort inzwischen gebildeten jüdischen Arbeitsamt für diesen Zweck Vorschüsse an Geldmitteln bewilligt. Die bisherigen, wenngleich auch bescheidenen Erfolge sind dem Arbeitsamt und insbesondere seinem eifrigen und hingebungsvollen Mitgliede, Herrn Siegfried Wiener, zu verdanken. Nach diesen tatsächlichen Feststellungen darf wohl die Öffentlichkeit annehmen, daß die Organisationen, die sich ihrer vollen Verantwortung bewußt sind, die Bedenken gegen die Unterbringung jüdischer Arbeiter im Bergbau Oberschlesiens genau kennen, und daß sie bei ihrem Hilsswerke genau erwogen haben, was den Arbeitslosen frommt oder nicht, und daß sie dabei das Interesse der gesamten deutschen Juden nicht außer acht gelassen haben. Im übrigen sei noch erwähnt, daß sich bei dein jüdischen Arbeitsamte in Kattowitz neben den ausländischen auch inländische jüdische Arbeiter gemeldet haben, die gern beim Bergbau beschäftigt sein wollen. W. Aus der Provinz Posen, im Juli.. Posen. Im besten Mannesalter starb Hierselbst der Rentier Selig B i ck. Der Verstorbene, stand bei allen in hohem Ansehen. Seine Leiche wurde nach Berlin, woselbst die Angehörigen, leben, übergesührt. — Ein zweites Mitglied verlor unsere Gemeinde durch den Tod der verwitweten Frau Marie Rosenstein. Sie starb 86 Jahre alt und konnte zeitlebens nur Frömmigkeit und. Gutes üben. Herr Oberrabbiner Dr. W. Feilchenselb hob in seiner Leichenrede die hohen Verdienste der . Entschlafenen hervor. — Schrimm. Der Einjährig-Freiwillige Frie - d e b e r g, welcher in Zwistigkeiten mit seinem Korporalschastssührer geraten war, versuchte am Grabe seiner Mutter durch Erschießen seinem Leben ein Ende zu machen..— Schwersenz. Kaufmann Baruch R o t h h o l z, welcher von hier nach Posen übergesiedelt ist, und sich hier im jüdischen, Gemeindewesen große. Verdienste erworben hat, feierte seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlaß wurden ihm Glückwunschadressen seitens des Vorstandes der Shnagogengemeinde und des. jüdischen Krankenvereins übermittelt. — Nogasen. Auch hier nimmt die Zahl der jüdischen Kinder ständig ab und trotz Vorschläge von seiten der .Behörde bestehen die jüdischen-Schulväter daraus, die Schule fernerhin zweiklassig zu belassen. — Gostyn. Herr Kaufmann Lach mann, ein sehr achtbarer Bürger hiesiger Stadt, verschied -im 74. Lebensjahre. An der Beerdigungsfeier zeigte sich eine recht, rege Teilnahme. — Znin. Als Schulvorstandsmitglied für die hiesige jüdische Gemeinde wurde der Rechtsanwalt Bar uch gewählt. — Tremessen. Der hiesige jüdische Vorstand hat beschlossen, 60 Prozent der Einkommensteuer zur Schulsteuer zu erheben. Doch dürste im nächsten Jahre eine solche von 50 Prozent genügen. — Wreschen. Herr- Kantor und Religionslehrer Malinowski Hierselbst ist zum Kultusbeamten in Kattowitz gewählt worden. — Posen. Der Herr Kultusminister ist bei seinem Hiersein u. a. auch durch die Herren Stadtverordneten-Vorsteher Justizrat Placzek und Professor Dr. Warschauer empfangen worden. In der historischen Halle des alten Rathauses hielt Professor Dr. Warschauer einen längeren Vortrag über die Entstehung der Altstadt und des Rathauses, wobei er eingehende Erklärungen über den figürlichen Schmuck der historischen Decke gab. Mit großem Interesse folgte der Kultusminister den Ausführungen des Vortragenden. — Als Einkommensteuer der Synagogengemeinde kommen im Rechnungsjahre 1912/13 42 Prozent des Staatseinkommensatzes zur Erhebung — ein im Vergleiche zu den anderen jüdischen Gemeinden in der Provinz sehr minimaler Betrag. 22 Beutheit O.-S., 19. Juli. Die letzte Vierteljahrsverfammluug der freien Vereinigung oberschlesischer Kultusbeamten war insofern von besonderer Bedeutung, als zwei Redner gewonnen waren, die als Experten auf den Gebieten gelten, über deren Vorzüge und Sonderheiten sie in ihren Vorträgen zu berichten hatten. Fabisch aus Göttingen sprach über die Tätigkeit des deutschen Kantorenverbandes. Sein ausgezeichneter propagandistischer Vortrag hatte den Erfolg, daß die Vereinigung sich in ihrer Gesamtheit dem Kantorenverbande anschloß. Ihre Sondertätigkeit, die sich auf die Vertretung der Interessen ihrer Mitglieder im engeren Bezirk beschränkt, gibt sie dabei natürlich nicht aus. B ä h r aus Waldenburg hielt dann einen instruktiven Vortrag über das neue Privatbeamtenversicherungsgesetz, soweit es-sich auch mit den jüdischen Kultusbeamten befaßt. Die Materie wurde bis in die kleinsten Einzelheiten zergliedert und besonders das „Für" und „Wider" der Ersatzkassen erwogen. Im Verlauf der weiteren Verhandlungen legte Oberkantor Davidsohn, Gleiwitz, mit Rücksicht aus seine Wahl und Uebersiedlung nach Berlin den Vorsitz nieder. In herzlichen Worten verabschiedete sich Oberkantor d e Beer, Beuthen, der an seiner Stelle zum Vorsitzenden gewählt wurde, von ihm, indem er ihn als Vater des Gedankens der Gründung dieser Vereinigung pries. — Die nächste Versammlung soll bald nach den Feiertagen stattsinden. Wünschenswert wäre die Gründung ähnlicher Vereinigungen auch in anderen Bezirken, da hierdurch den Gesamtinteressen des Kultusbeamtenstandes eine bedeutsame Förderung zuteil wird. — Breslau, 19. Juli. Die israelitische Krankenver- Pflegungs-Anstalt und Beerdigungs-Gesellschaft hielt kürzlich im Saale der „Gesellschaft der Freunde" ihre Generalversammlung ab. Der Vorsitzende, Herr Eduard Sachs, erstattete den Verwaltungs- und Geschäftsbericht für die drei Jahre 1909, 1910 und 1911, dessen Hauptdaten auch weitere Kreise interessieren dürsten. Die Gesamtzahl der Kranken in diesen drei Jahren betrug 5550 mit 133 260 Verpflegungstagen; die Zahl der unentgeltlich Verpflegten 808 mit 23365 Verpslegungstagen. Die für sämtliche Kranken ausgewendeten Kosten betrugen 777 801 M. gegen 640 724 M. in den drei Vorjahren. In vier Polikliniken wurden 11 869 (gegen 10 113) Personen behandelt Für unbemittelte Stadtkranke, denen freie ärztliche Behandlung, Arznei und andere Hilfsmittel sowie Geldunterstützungen gegeben wurden, sind 33 942 M. aufgewendet worden. Diese Zahlen geben ein Bild von der fortschreitenden Entwicklung der Anstalt und zeigen, wie weit ihre Segnungen auch unbemittelten Kranken zuteil werden. Hierbei kommt nicht nur die Zahl derer in Betracht, die ohne Entgelt ausgenommen oder ambulant behandelt werden, sondern auch der Umstand, daß die tarifmäßigen Pflegekosten der dritten Klasse erheblich hinter den Selbstkosten der Anstalt zurückstehen. Wegen der Steigerung der Unterhaltungskosten mußte