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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-26 · Heft 30 (26.7.1912) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 30 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
Seite 359 (sequence 11)
Language
German
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ihrer geheimen wurde . M Freilich besaß er gewinnen, und bewarb sich zugleich auch um die Freundschaft für die in diesen Versammlungen von seinen Kameraden besprochenen sozialen Probleme ebensowenig Verständnis, wie für die von ihnen ersonnenen hochtrabenden politischen Pläne, die ihn zuweilen erschauern machten. Allein, er war ein vertrauenswürdiger, gefälliger Kamerad, ein vorzüglich disziplinierter Genossefür den es keinen eigenen Willen und keine eigene Meinung, sondern nur eine Partei und eine^ oberlle Leitung gab, an deren Weisheit und Unfehlbarkeit nicht gezweiselt werden durste. Unter seinen Kameraden befanden sich auch mehrere Glaubensgenossen, die er als solche erst kennen lernte, als sie ihn gelegentlich eines gemeinsamen Ausfluges für den sozialistisHen Zionismus zu gewinnen versuchten. „Wir sind", belehrten sie ihn, „so wenig religiöse Juden wie du einer bist, aber da wir einmal als Juden geboren und zugleich überzeugte Sozialisten sind, ist es unsere Pflicht, den so rasch um sich greifenden Zionismus für unsere Pläne zu erobern. Wir müssen seiner Organisation als geschlossene sozialistische Partei beitreten, um die Lehren unserer Führer, die Prinzipien der Gleichheit und Brüderlichkeit, für die wir streben und kämpfen, auch unter unseren Stammesgenossen zu verbreiten. Der Zionismus ist für die Juden, was der Sozialismus für uns Arbeiter ist: Das Morgenrot der Freiheit, die Vorstufe der Erlösung von Druck und Knechtschaft. Darum müssen wir ihn propagieren und fördern, alle jüdischen Proletarier für ihn begeistern, seine Ziele mit den unsrigen verschmelzen und auf dem nächsten Kongreß in Basel durch eine stattliche Anzahl von Delegierten repräsentativ vertreten sein." Obgleich Alexander vom Zionismus so'wenig wie von dem Sozialismus verstand, von all dem Gehörten nichts weiter als vielleicht den Namen der Stadt Basel behielt, so fühlte er sich doch außerordentlich geschmeichelt, daß seine „gebildeten" Kameraden ihn mit ihren Ideen und Plänen vertraut machten, und so war ihm alles, was diese ihm sagten und auseinandersetzten, einleuchtend, überzeugend und ein triftiger Grund, um sich ohne Bedenken auch ihrer.sozialistisch-zionistischen Partei anzuschließen. Dies hatte zur Folge, daß er von nun an häufiger als bisher mit seinen Stammesgenossen verkehrte. Glicht etwa, weil er sich jetzt mehr als früher zu ihnen hingezogen fühlte, sondern weil er in allem, dem Beispiel der anderen folgte und instinktiv hierin eine Betätigung des Parteiprogramms erblickte. Es war aber noch ein anderer . Grund, der ihn bestimmt hatte, den bis. dahin gänzlich vernachlässigten Umgang mit seinen Stammesgenossen aufzunehmen und eifrig, zu pflegen. Auf einem von der sozialistischzionistischen Partei veranstalteten Feste hatte er nämlich ein hübsches junges Mädchen, die Schwester des Führers, kennengelernt, sich sofort in sie „sterblich" verliebt und war nun ernstlich entschlossen, um ihre Hand zu werben. Da aber das Mädchen bei seinen Eltern in der Judengasse, während er in dem ziemlich entlegenen Arbeiterviertel wohnte, so beschloß er, um das Objekt seiner Zuneigung öfter sehen zu können, sein Quartier ebenfalls nach der Judengasse zu verlegen. Er besann sich nicht lange, kündigte, seine bis dahin innegehabte Wohnung und mietete zusammen mit einem Freunde, den er in sein Vertrauen gezogen hatte, ein Zimmer in einem Seitenflügel des Hauses,.in welchem die Eltern des Mädchens' wohnten. Da der Freund in-dieser Familie ein stets gern/ gesehener Gast war, so siel es nicht weiter aus, daß er jetzt als Nachbar sich noch häufiger zum Besuche einstellte und des öfteren auch Alexander mitbrachte. Dieser schätzte.sich nun überglücklich, benutzte jede Gelegenheit, um sich der Familie gefällig zu zeigen, versuchteauch allerlei Mttel, die Aufmerksamkeit des Mädchens auf sich zu lenken, ihre Gunst zu deK Bruders, indem er ihn in seiner Agitation für die sozmlistisch-zionistische Partei eifrig unterstützte und aus alle seine Vorschläge bereitwilligst einging. (Schluß folgt.) Merarilchr Mitteilungen. — Dr. A r t h u r Ruppin: Die I udender G e g e n w a r t. Eine sozialwissenschaftliche Studie. Zweite, vollständig neubecirbeitete -Auflage. 318 Seiten. Preis broschiert 5 Mark, gebunden 6 Mark. Köln 1911. Jüdischer Verlag. Wenn ein jüdisches Buch in einer zweiten Auslage erscheinen kann, so ist das ein Beweis dafür, daß es gelesen worden ist und Interesse erregt hat. Ruppin behandelt den ganzen Komplex der jüdisch-sozialen und religiösen Erscheinungen, soweit letztere von Einfluß sind auf die soziale Struktur der deutschen Judenheit, und er bringt dabei eine solche Fülle von statistischem Material, das; er auch den entschiedensten Gegner seiner oft gewagten Hypothesen fesselt. Die Schrift zerfällt in zwei Teile, deren erster die „Assimilation" und deren zweiter den jüdischen Nationalismus behandelt. Das Verhältnis zwischen beiden ist dabei für den Verfasser etwa gleich dem zwischen Krankheitserscheinung und Medizin. Es ist hier ganz gewiß nicht der Ort, um in eine ausführliche Kritik der Theorie des Nationalismus einzutreten, es sei aber dem Verfasser zugestanden, daß seine D i a g n o s e der westeuropäischen Krankheitserscheinungen eine sehr eindringliche und in den großen Zügen zutreffende ist, und das; sie auch von jenem Teil der Judenheit anerkannt werden muß, der in dem vorgeschlagenen Heilmittel, in der Nationalisierung des Judentums, Gift erblickt. Der Ton des Buches ist im Gegensatz 31t den meisten anderen zionistischen Erscheinungen würdig und vornehm. F. G. # — E ß b u ch f ü r K 0 p f a r b e i t e r von Sanitätsrat Dr. med. Stille. Medizinischer Verlag Schweizer u. Co., Berlin NW. 87, Eykevön-Nepkow-Platz 5: Der Verfasser weist in diesem, bereits in 6. Auflage erschienenen Buche darauf hin, daß die Lebensweise des Kopfarbeiters vielfach nicht mit den Forderungen der Gesundheitslehre im Einklang ist. Manche Schädlichkeiten, das vielstündige Sitzen, die zu geringe körperliche Tätigkeit, lassen sich schwer abstellen. Um so wichtiger ist Vs, daß wenigstens das Essen und Trinken so eingerichtet werden, wie es die wenig gesunde Berufsarbeit dringend erforderlich macht. In einer interessanten Auseinandersetzung über die Ernährung des Menschen nach den heutigen wissenschaftlichen Grundsätzen zeigt der Verfasser, daß die frühere Ueberschützung der Eiweißnahrung von Jahr zu Jahr nachläßt. Namentlich die viele Fleischkost ist dem geistigen Arbeiter nicht zuträglich. Das pflanzliche Eiweiß hat für die Ernährung denselben Wert, wie das tierische. Der geistige Arbeiter soll also mehr Gemüse, Obst, Brot, Mehlspeisen, Suppen, Milch u. dgl. genießen als - Fleisch. Aber auch vor jedem Uebermaß der Nahrung an sich ist zu warnen. Weit mehr Menschen leiden an Ueberernährung als an Unterernährung. Unsere Frommen w'erden mit Freude lesen, daß der Verfasser es für einen ganz gesunden Brauch erklärt, einige Male im Jahre zu fasten. Ueberhaupt ist es vielen sehr zu empfehlen, bisweilen einen halben oder ganzen Tag nichts zu genießen, bis sich ein rechtes Verlangen nach Speise und Trank einstellt. Eine mäßige Lebensweise sichert dem Menschen bessere Gesundheit, größere Kraft und längeres Leben, und das gilt nicht nur für das Essen, sondern auch für dgs Trinken, besonders den Alkoholgenuß, der dem Kopfarbeiter in keiner Weise dienlich ist. Neben solcher Mäßigkeit soll möglichst viel Bewegung im Freien und stärkere Körperanstrengung, nam'entlich größere Muskeltätigkeit, stattsinden. Die Darlegungen darüber, wie und was der geistige Arbeiter essen soll, wie er sich während des Essens verhalten soll, wie er für die Erhaltung des Appetits, einer freundlichen Gemütsstimmung beim Essen, für Ruhe und Ausspannung von der geistigen Arbeit usw. sorgen soll, wie er Erkrankungen verhüten kann, sind im einzelnen so belehrende daß das Buch allen Kopfarbeitern — und zu ihnen gehören ja auch viele unserer Glaubensgenossen — als ein guter Ratgeber nur bestens empfohlen werden kann

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