Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-26 · Heft 30 (26.7.1912) · p. Seite 358

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 30 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
Seite 358 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229015-3229046--68655-3280925
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

hielten es sowohl in ihrem eigenen als auch im Interesse ihrer irregeleiteten Umgebung sür geraten, sich den Anschein zu geben,, als hätten sie die an Gut und Blut: erlittenen Verluste so schnell wie einen bösen Traum, verschmerzt und vergessen, und mit noch größerem Eifer als zuvor ging jeder von ihnen seinem Gewerbe nach. Freilich im geheimen beklagte so mancher den Untergang seiner mühsam erworbenen Habe, den Tod eines teuren Angehörigen; allein das Geräusch des öffentlichen Verkehrs übertönte den Laut der stillen Klage, und die Liebe zum Leben erwies sich mächtiger als die vergebliche Trauer um Unwiederbringliches. So herrschte heute in der Wohnung des jüdischen Uhr-, machers Michail Schimanow, dessen ganzes Besitztum vor nicht allzulanger Zeit, beim Pogrom in der südrussischen Fabrikstadt I. der bestialischen Vernichtungswut der entmenschten Barsüßlerhorden zum Opfer gefallen war, rauschender Jubel und herzliche Freude. Seine hübsche junge Frau, die schöne Nahel, wie sie allgemein genannt wurde, hatte ihm ein Söhnchen geschenkt, das heute in den Bund der Väter ausgenommen werden sollte. Ein solcher Tag erfüllt den armen Ghettobewohner, der im Familienzuwachs, im Kinderreichtum einen Segen des Herrn erblickt, mit frischem Mut und neuer Hoffnung für die Zukunst und hebt ihn hinweg über den Jammer der Gegenwart, selbst wenn er Noch so schwer und drückend aus ihm lastet. . Die religiöse Zeremonie nahm den üblichen Fortgang; die erschienenen Gäste beglückwünschten den freudestrahlenden Vater und nahmen dann in gehobener Stimmung an dem Mahle teil, das zur Ehre des künftigen Glaubens- und Leidensgenossen sür sie hergerichtet war. Niemand dachte jetzt noch an die verflossene Schreckenszeit zurück, und niemand, auch nicht der glückliche Vater, ahnte etwas von dem schaurigen Drama, das sich damals in diesem Raume abgespielt hätte. Nur die in einem Nebenzimmer aus ihrem Bette ruhende, bleiche Mutter konnte jenen unglücklichen Tag nicht vergessen, und tiefes Weh erfaßte sie heute bei der Erinnerung an jene Schreckensszene, die ihr Leben verbittert und sie so grenzenlos unglücklich gemacht hatte. Allein niemand erfuhr und niemand — hatte sie sich gelobt — sollte ihr Geheimnis je erfahren. Doch heute, am Tage der religiösen Weihe ihres Kindes empfand sie die Last des Schweigens drückender als je zuvor, so daß sie zur nicht geringen Verwunderung und Bestürzung der um sie versammelten fröhlichen Frauen Plötzlich in ein konvulsivisches Schluchzen ausbrach. Indessen hielt dies nicht allzulange an; die unaufhaltsam hervorstürzenden Tränen wirkten befreiend auf ihr qualvolles Gemüt, und als die Hebamme kurz darauf das weinende Kind an ihre Brust legte und ihr tröstend mitteilte, daß alles den besten Verlaus genommen und das Kind bei dem heiligen Akte den Namen ihres, während des Pogroms um sein Leben gekommenen Vaters Alexander erhalten habe, erheiterte sich zusehends ihr Gesicht, und wie von einem drückenden Alp befreit, murmelte sie mit einem leisen Seufzer vor sich hin: „wenigstens dieser eine Trost." Die schöne Rahel ist von ihrem Kindbette nicht wieder aufgestanden. Still wie sie gelebt und gelitten, schloß sie ihre. Augen zum ewigen Schlaf und nahm ihr Geheimnis mit in das Grab, das ihr neben der Gruft ihres im Tode vorangegauaenen Vaters bereitet wurde. * Seit dieser Begebenheit waren fünfundzwanzig Jahre verstrichen. In dem großen, breitschultrigen Alexei Michailowitz Schimanow erkannte jetzt niemand mehr den so früh von seiner Mutter und einige Jahre nachher auch von seinem Vater verwaist zurückgelassenen Knaben Alexander, über dessen traurige Kinderjahre die rastlos vorwärtsschreitende Zeit ebenso.'schnell dahingeeilt - war, wie sie über die Leiden und. Freuden der Gemeinschaft, - der er entstammte, dahinslutet. Bis zu seinem dreizehnten Lebensjahre wurde er von armen Verwandten erzogen und idann, da er sich nicht durch besondere Geistesgäben auszeichnete, seinem-eigenen Wunsche gemäß zu einem Schlosser in die. Lehre gebracht. -Dieser, obgleich ein strenggläubiger Russe, nahm sich des ihm ander-, trauten „Hebräerknaben", wie er ihn zärtlich nannte, fast väterlich an und ermahnte seine Angehörigen sowie die Gesellen und "Lehrlinge, ihn in keiner Weise seine jüdische Abstammung fühlen zu lassen.. Diese Ermahnung wurde von allen um so gewissenhafter befolgt, da Alexander, der russischen Sprache mächtig, gegen jedermann bescheiden, gehorsam und gefällig war und in seiner äußeren Erscheinung nichts von jenen Merkmalen hatte, die als spezifisch jüdische bezeichnet werden. Sein kräftiger Körperbau, seine stramme Haltung sowie sein schönes, herabwallendes, blondes Haar und der treuherzige Blick seiner blauen Augen gewannen ihm mit jedem Tage immer mehr die Zuneigung und Liebe seiner neuen Umgebung, der er schon nach wenigen Wochen als einer der Ihrigen, als echter Russe galt. Und auch er selbst dünkte sich als berechtigtes Glied dieses Kreises, liebte treu und innig seinen Lehrherrn, suhlte sich in seinem Hause und im Zusammenleben mit seinen Kameraden recht glücklich und hielt sich möglichst fern von seinen früheren Freunden und Bekannten, was die natürliche Folge hatte, daß diese gar bald auch ihn mieden und ihn mit scheelen Blicken an sahen, wenn er am Todestage seiner Eltern oder am Versöhnungsseste das Gotteshaus aufsuchte. Auch nachdem er seine Lehrzeit beendigt hatte, arbeitete er noch eine Reihe von Jahren gegen geringes Entgelt bei seinem Meister und trennte sich von ihm erstdann, als dieser ihm eines Tages etwas verlegen erössnete: er dürfe ihn nicht länger bei sich behalten, da er jetzt einer aus höheren Befehl kürzlich gebildeten Gesellschaft patriotischer Männer angehöre, deren Satzungen den Mitgliedern strengstens verbieten, Hebräern irgendwelche Beschäftigung zu bieten. Es täte ihm unendlich leid, da . er persönlich ein Freund der Hebräer sei und namentlich ihn so liebhabe, als ob er sein eigener Sohn wäre, allein er müsse sich dem Beschluß der Gesellschaft, die wichtige Staatsinteressen vertrete, unbedingt fügen. So verließ nun Alexander seinen Heimatsort, begab sich, dem Rate seines Meisters folgend, noch am selbigen Tage nach Odessa und trat dort kurze Zeit daraus in eine der größten Maschinenfabriken als Geselle ein. Hier aber befand er sich in einem Kreise von Berussgenossen, in deren Gesellschaft er sich in der ersten Zeit völlig fremd und unbehaglich fühlte. Zum ersten Male vernahm er hier die Namen Marx und Lassalle, erfuhr er, daß es einen Sozialismus^ eine Arbeiterfrage gebe, daß er ein Proletarier sei, sich als solcher vor der Ausbeutung seiner Kraft durch die Macht der Kapitalisten schützen und darum der weltumspannenden, schützgewührenden Arbeiterorganisation beitreten müsse. Das überstieg sein Fassungsvermögen, klang ihm noch befremdlicher und unglaublicher als früher die Mitteilung seines Meisters, daß er ihn aus patriotischen Gründen entlassen müsse, und er sehnte sich im stillen nach jener glücklichen Zeit zurück, wo er sich unter dem Schutze seines patriarchalischen Lehrherrn so-sicher und geborgen gefühlt hatte. Indessen lag es nicht in seiner Natur, über seine neue Lage, über die vernommenen Dinge, Namen und Begriffe lange nachzüdenken. Mit. dem. der Jugend eigenem'Anpassungsvermögen hatte er sich nach, verhältnismäßig kurzer Zeit an die neuen Verhältnisse und. seine Kameraden in dem Maße gewöhnt, an ihren Gesprächen und weltbeglückenden Ideen so sehr berauscht, daß er ihren: Weisungen blindlings folgte - und ein regelmäßiger Besucher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.