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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-26 · Heft 30 (26.7.1912) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 30 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
Seite 356 (sequence 8)
Language
German
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dem Gotteshause gehen, um den herrlichen Predigten Des Dr. Hirsch zu lauschen. Auch hier hat derselbe am letzten Mittwoch die Mitglieder der Bene-Beriß-Logen durch seinen Vortrag über „Die jüdische Frau in Amerika" zu großem Dank verpflichtet. Er hat seinen zahlreichen Hörern einen wahren Genuß bereitet und hat ihnen ein anschauliches Bild von dem hohen und frommen Sinn der amerikanischen Frauen entworfen, die unermüdlich für ihre Glaubensgenossen und besonders für die armen jüdischen Einwanderer tätig sind. Es bewährt sich eben überall auf der Welt das „gute jüdische Herz", und auchnicht zum mindesten hier in Kissingen. Für die vielen armen Glaubensgenossen, die hierher kommen, ist ein Kurhospiz von unbedingter Notwendigkeit. Für diesen Zweck ist vor kurzem ein an der Salinenstraße gelegenes Gebäude, die sogenannte „Steinburg", erworben worden, und es ist zu hoffen, daß das Kurhospiz für arme Israeliten schon in nächster Zeit eröffnet werden wird. Der größten Sympathie erfreut sich hier die israelitische Kinderheilstätte, deren schöner Bau einem jeden ausfällt, wenn er den beliebtesten täglichen Spaziergang nach der Saline macht. Nicht weniger als 930 meist arme jüdische Kinder sind während der kurzen Zeit des Bestehens der israelitischen Kinderheilstätte hier verpflegt worden. Im letzten Jahre weilten in der. Anstalt 183 Kinder — 82 Knaben und 101 Mädchen, von denen 132 Kindern völlig unentgeltlich Unterkunft und Verpflegung gewährt wurden. Der Aufenthalt der Kinder ist aus vier Wochen berechnet, nach dieser Zeit wechseln sie sich ab rmd neue Schären blaßwangiger Kinder ziehen ein, um nach vier Wochen blühenden. Aussehens und gekrästigt wieder heimzukehren. Um diese Anstalt haben sich besonders Herr und Frau Dr. Münz verdient gemacht, die unermüdlich sich : bemühen, der Kinderheilstätte immer neue Anhänger unter den Kurgästen zu gewinnen. Nicht am wenigsten sind es die Berliner Glaubensgenossen, die die Anstalt reichlich unterstützen. Unter den immerwährenden. Mitgliedern befinden sich elf aus Berlin^ unter den Beitragenden zählen wir über 400 Berliner, die mehr als 3000 Mark zu den Kosten der Kinderheilstätte im letzten Jahre beigesteuert haben, der übrigens auch die Berliner jüdische Gemeinde eine Subvention gc- . wahrt. Dafür sind aber auch 30 Berliner Kinder hier verpflegt worden und Schwester Flora, die vom Verein jüdischer Krankenpflegerinnen aus Berlin hergeschickt worden ist, hat in sorgsamster Weise die Aufsicht über die Kinder ausgeübt. Die Heilerfolge sind bei ihnen — ebenso bei vielen Erwachsenen — dank den stärkenden Bädern und dem heilkräftigen Rakoczy überaus günstig gewesen. Dazu tragen allerdings auch eine große Anzahl tüchtiger und berühmter Badeärzte bei. Viele jüdische Aerzte erfreuen sich einer großen Beliebtheit, und einer der älteren, Sanitätsrat Dr. Rosenthal, hat in Kissingen eine neue Kurmethode eingeführt, die jetzt allgemein in Geltung ist, da sie sich glänzend bewährt hat. Viele Sanatorien sind neu eingerichtet worden und eines derselben suchen bedauerlicherweise sehr viele Glaubensgenossen aus. Der Inhaber, ein Arzt, der meist jüdische Kundschaft gehabt hat, hat sich und -seine ganze Familie taufen lassen. Anstatt ihm nun zu zeigen, daß er, der seiner Glaubensgemeinschaft untreu geworden ist, nun auch nicht mehr den Anspruch machen kann, von ihnen begünstigt zu werden — gehen unsere Glaubensgenossen aus Berlin W nach wie vor in hellen Haufen in dieses Sanatorium. Was nützen da alle Vorträge gegen die Taufe, wenn nicht nur von der Regierung, sondern von unseren Glaubensgenossen selbst eine Prämie auf den Abfall vom Glauben gesetzt wird? Wo bleibt da das Solidaritätsgefühl, das uns Juden nachgerühmt wird? Es ist betrübend, zu sehen, wie weit die Interesselosigkeit in Sachen des Glaubens um sich gegriffen hat, und wie der einzelne nicht einmal etwas von seiner Bequemlichkeit für seinen Glauben zum Opfer bringen will! Da zeigt sich der Opfersinn der Orthodoxen in ganz anderer Weise. Sie haben eine hübsche Synagoge hier erbaut, und wer von den vielen russischen und polnischen Juden, die in großer Anzahl hier weilen, sie besucht, wird sich darin wohl erbauen können. Der Gottesdienst wird in dem Ritus unserer Großväter abgehalten. Von den Reformen der letzten hundert Jahre, von Orgel und deutschen Gebeten ist keine Spur zu finden. Und doch konnte ich daselbst einen Fortschritt konstatieren. Als ich ein Jahrzeitslicht anbrennen ließ, drehte der Synagogendiener den Gashahn auf und steckte ein Gaslicht an. Ist das nicht eine Reform? Ist das nicht eine Verletzung der Tradition? Haben nicht unsere Vorväter nur die Oellämpchen angebrannt? Und in unseren Orgelsynagogen werden nur Kerzen angezündet, hier aber Gasflammen. Die Zeit schreitet eben vorwärts, und der Fortschritt wird sich nicht aushalten lassen. Das sieht man so recht auch an unseren russischen und Polnischen Glaubensgenossen. Sie sind in Massen hierher gekommen, und der größte Teil von ihnen kleidet sich ganz modern. Die langen Röcke verschwinden immer mehr, und die Locken sind wirklich schon verschwunden. Die Zeit nivelliert die Gegensätze, der Verkehr bringt die Menschen einander näher, und ganz besonders Hier und an allen besuchten Kur- und Badeplätzen. Neue Freundschaften werden geschlossen, frühere Bekanntschaften werden erneuert, und wenn sie auch nachher wie die Seifenblasen wieder zerplatzen — es ist doch schön, fern von den Sorgen des Tages mit fröhlichen Menschen froh zu sein. Und die meisten kommen immer wieder hierher, sobald der Sommer ins Land zieht, und das Albumb'latt, das Goethe an den Grafen Karl Harrach sandte, findet seine volle Bestätigung: Die sich herzlich oft begrüßten. Die das Leben sich versüßten. Führt ein guter Geist zur Stelle, Wieder an dieselbe Quelle! Sie Sprüche der „Väter" und dss Chrittentum. Von Rabbiner Dr. Friedmann in Lublinitz. ie kernigen Wahlsprüche der Pirke Aboth, welche die „Väter" und Lehrer als das Resultat ihrer Erfahrungen, Meinungen und Erkenntnisse in den alten bedeutsamsten Epochen der Geschichte, in der Zeit von etwa 250 vor bis 250 nach der gewöhnlichen Zeitrechnung ausgesprochen, haben'ihren anerkannt ewigen ethischen Wert, aber sie reflektieren auch die Zeitgeschichte. Sie sind daher auch zum Teil von geschichtlichem Werte, von geschichtlicher Bedeutung. Sie lassen uns auch die Kämpfe erkennen, welche damals mit dem Griechentum, mit dem Römertum und endlich auch mit dem auskeimenden, aufsprießenden und ausblühenden „Neuen Bund", dem Christentum geführt werden mußten. Von diesen Kämpfen interessieren uns Heutzutage wohl am meisten diejenigen, welche durch die Tochterreligion veranlaßt wurden, und darum mögen hier diejenigen Sprüche behandelt werden, welche diese Kämpfe zu reflektieren scheinen. Die Zeit nach der Zerstörung des zweiten Tempels war eine äußerst trübselige nicht nur in sozialer, sondern auch in religiöser Hinsicht, denn das Christentum, welches anfangs noch aus dem Boden des jüdischen Gesetzes stand und als eine jüdische Sekte galt, wurde allmählich antimonistisch und dem Judentum durchaus feindselig gesinnt. Dies zeigte sich zuerst

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