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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-26 · Heft 30 (26.7.1912) · p. Seite 355

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 30 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
Seite 355 (sequence 7)
Language
German
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Dein Blick ist so sanft wie Himmelsbläue. Und deutet aus ewige Liebe und Treue. O, könnte ich dich doch die Meinige nennen Und mein Ideal recht oft in dir erkennen! Wie stürmisch bewegt sind des Meeres. Wogen, So ist das Gemüt auch des M e y e r B o g e n. Inzwischen war es dunkel geworden, und da wir es nötig gesunden, uns zu verabschieden, so verabredeten wir uns, am nächsten Abend auf der Promenade wieder zusammenzutreffen. Dies geschah nun auch, und bei dieser Gelegenheit gab mir Mr^ Bogen eine amüsante Beschreibung von einigen der Gäste, die in seinem Gasthof wohnten. Er erwähnte namentlich zwei von ihnen, die Reb Schmulche und Reb Bankelche hießen. Ersterer, sagte er, habe ein kleines Söhnchen bei sich namens Moses, der, wie sein Vater, große und dunkelgefärbte Augengläser trägt.. Jüngst, fuhr Mr. Bogen fort, fragte ich diesen pater familias, ob denn sein Söhnchen kurzsichtig sei, da er doch mit großen Augengläsern versehen sei. Darauf rief er aus„Chass We-scholem' (Gott behüte!). Mein Söhnchen Moses — hundert Jahr soll er leben — ist abends scharfsichtig wie Sie selber es sind. Nur habe ich ihm meine alten Augengläser zum Ausnutzerr gegeben, da ich jüngst aus Anraten eines Augenarztes mir neue angeschafft habe." - Von Reb. Schmulche sprechend,' fuhr Mr. Bogen fort, will ich noch eine andere Anekdote.erwähnen, worin dieser ebenfalls figuriert. Derselbe ersuchte nämlich gestern seinen Freund und Tischgenossen, Reb Bankelche, ihm eine Zigarre von derselben Sorte zu geben, wie die, womit er ihn einen Abend zuvor beschenkt hatte. Letzterer war natürlich bereit, den Wunsch seines" Freundes zu erfüllen, nur wollte er zuerst' wissen, warum er denn diese spezielle Qualität wieder zu haben wünschte. Darauf gab ihm Reb Schmulche folgende Erklärung. „Sehen Sie",, sagte er mit einem lakonischen Lächeln, „mein kleiner Junge Moses hat jüngst zu rauchen angefangen und ich will ihm daher eine Ihrer Zigarren zum Geschenk geben. Denn ich hoffe, daß, nachdem er sie gekostet hat, er für immer von der Lust kuriert sein werde, Tabak zu rauchen." Was Reb Bankelche anlangt, fügte Mr. Bogen hinzu, so hat er ebenfalls zuweilen recht witzige Einfälle. Jüngst zeigte er mir z. B. eine Photographie von sich, die. er vor kurzem hat anfertigen lassen. Darin sah er derart, böse und schaudererregend aus, daß ich ihn verwundert fragte, was denn diese kuriose Repräsentation feines Aussehens zu bedeuten hätte. Diese Frage beantwortete er folgendermaßen. Eine Schwägerin von mir, sagte er, die eine Witwe ist, und mich feit langer Zeit nicht gesehen hat, schrieb unlängst meiner Frau einen Brief, worin sie den Wunsch äußerte, uns in diesem. Badeorte mit ihren fünf jungen Kindern zu besuchen und einige Zeit bei uns zu wohnen. Um nun diesen unangenehmen und kostspieligen Besuch zu verhindern, schickte ich meiner Schwägerin eine Kopie der fraglichen Photographie, und die Folge davon war, daß sie seitdem die Lust verloren hat, mich eine Zeitlang zu sehen und einen kostenfreien Umgang mit mir zu genießen. Auf einem anderen Spaziergang, den ich mit Mr. Bogen machte, erwähnte er einen zweiten witzigen Einfall, den Reb Bankelchen Hatte, und den er während einer in seinem Gast- Hof stattgefundenen Abendmahlzeit den Tischgästen.kund gab. Den. Gegenstand der Konversation bildete näinlich der unlängst verunglückte englische Riesendampfer „Titanic", wobei" einer der Anwesenden die Einrichtung lobte und befürwortete, daß nämlich bei derartigen Unglücksfällen die. Frauen und Kinder zu allererst gerettet würden. Darauf bemerkte Reb Dankelche, daß, .im. Falle er mit seiner Frau nächstens nach New Bork reisen sollte, um ihren daselbst wohnenden Sohn zu besuchen, dann würde er vorher folgende Vorsichtsmaßregeln treffen, er würde nämlich, ehe er das Schiff besteige, sich den Bart abzwicken lassen und zugleich auch ein Frauenkostüm in, seinen Reisekoffer stecken. Sollte nun das Schiff, worauf er sich befände, mit einem-Eisblock in Kollision geraten und zu sinken anfangen, dann würde er schnell, von dem fraglichen Kostüm Gebrauch machen, so daß er samt seiner Frau zu allererst gerettet würde. . Vor meiner Abreise von dem englischen Badeorte hatte ich noch eine freundliche Zusammenkunft mit Mr. Bogen.. Bei dieser Gelegenheit verabschiedete ich mich , von ihm und fragte ihn zugleich auch, warum ich denn nichts mehr von ihm von seiner Verlobung mit der schönen Gastwirtin hörte, wovon er mir früher manche Andeutung gegeben hatte. Statt aber meine Frage mündlich zu beantworten, tat er dies schriftlich, indem er mir ein Gedicht zu lesen gab, das die verlangte Erklärung enthielt. Dieses lautete wie folgt: Vanitas vanitatum, alles ist eitel. Und so ist auch die schöne Witwe, Mrs. Beitel. Wohl kann sie kochen, backen und tranchieren. Und einen geregelten Hausstand führen, . Doch traurig isUs, daß ihr seliger Gatte,. Viel Schulden ihr vererbt, die einst er hatte; Und nmriy ich sie nun zur Frau mir machen, Dann müßte ich selber über mich lachen. Daher will ich sortsahren, 'Witwer zu bleiben Und schuldenfrei mein Geschäft betreiben, . Bis endlich ich finde eine reiche Schöne, Nach der ich mich öfters recht herzlich sehne. Wie aus diesem Gedicht zu ersehen ist, hat Mr. Vogen, infolge an- ■ gestellter Erkundigungen, erfahren, daß Mrs. Beitels pekuniäre Verhältnisse keineswegs von rosiger Natur waren, und seine beabsichtigte Verlobung mit ihr kam daher nicht zustande. Jedenfalls verlebte er seine Sommerferien in seinem, „Das Paradies" genannten Gasthos, in recht jovialer Weise. Mlünger Osdkbrikk. Von Benas Levh- Berlin. issingen wurde kürzlich im „Berliner Tageblatt" als „Diplomatenbad" bezeichnet, weil der Staatssekretär v. Kiderlen-Waechter und.neben ihm einige andere Vertreter der hohen Politik hier weilen. Mit dem gleichen Recht könnte ich Kissingen ein „Rabbinerbad" nennen.. Auf der Promenade lustwandeln an jedem Morgen zum mindesten ein halbes Dutzend von Rabbinern, aus allen Teilen des Deutschen Reiches herbeigeströmt.Sie schlürfen bedächtig den Rakoczh aus ihren Bechern und leeren sie-bis zur Neige. Unter ihnen befindet sich auch ein Vertreter des Berliner Rabbinats, Dr. L. Blumenthal, der stets mit seiner anmutigen Gattin und seinem hoffnungsvollen Sohne erscheint und seine vielen Getreuen aus Berlin um sich versammelt. Es ist doch erfreulich, zu sehen, wie die Beliebtheit in seinem Wirkungskreise den Rabbiner am Badeorte gewissermaßen zum Mittelpunkt der Gesellschaft macht, und wie so viele sich freuen, dem hervorragenden Kanzelredner auch einmal nähertreten zu können. Das zeigt sich am besten bei dem regelmäßigen Besucher Kissingensdem Rabbiner Professor Dr. Emil Hirsch aus Chicago, dem geistreichsten und tüchtigsten Prediger, der'aus der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin hervorgegangen ist, und der mit seiner Gattin hier weilt. Mit Stolz und Bewunderung blicken besonders die liberalen Juden auf ihn, der eine Zierde des Rabbinerstandes bildet, und der durch die Macht seiner Beredsamkeit die Männer und Frauen seiner Gemeinde hinreißt und begeistert. Durch die Kraft seiner Rede hat Dr. Emil Hirsch es bewirkt, daß der Gottesdienst am Sonntag in Chicago, stets zahlreich besucht wird. Ich kenne Leute, die in Deutschland niemals eine Synagoge aufgesucht habest mnd die in Chicago, an jedem Sonntag nach

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