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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-26 · Heft 30 (26.7.1912) · p. Seite 354

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 30 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
Seite 354 (sequence 6)
Language
German
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nach Bildung des Geistes und ein opferwilliges Bedürfnis zu gemeinnütziger Betätigung mitgebracht. Aeußerer Besitz, der nicht durch Bildung und Feingefühl geadelt war, galt ihnen als Unsegen, da so der Mensch der Sklave seines Geldes sei, nicht sein Herr. Es erschien meinem Vater zwar sittlich geboten und Politisch notwendig, daß die Juden als Gesamtheit gegen die Verletzungen der gesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung kämpfen; aber daneben hatten und betätigten meine Eltern-auch die tiesgewurzelte Ueberzeugung, daß jeder einzelne Jude für.sich selbst-die Abneigung des deutschen „Wirtsvolkes" gegen die jüdischen ^Mitbürger bekämpfen und möglichst überwinden müsse, nämtzch durch ein gesittetes Familienleben, durch besondere Leistungen des Geistes und des Gemeinsinnes und nicht zuletzt durch eine bescheidene Lebensführung. Das mag manchen eine altvaterische, gar nicht „moderne" Auffassung dünkenaber es war nun einmal die meiner Eltern; und wenn mein Vater am Sederabend von Jahwe sang, der Israel aus dem „Hause der Sklaverei" geführt hatte, so dachten wir Kinder wohl des Großvaters, von dem die Rede ging in der Familie, daß er am Anfang des 19, Jahrhunderts, zur Warnung vor gefährlicher Berührung mit den Juden, noch den gelben Fleck an seinen Kleidern nach Vorschrift tragen mußte, und den später Magistrat und Stadtverordnete zum Ehrenbürger seiner Vaterstadt erwählten, weil er Jahrzehnte hindurch in der vordersten Reihe" gestanden hatte, wo es das Wohl der Stadt galt. Längst sind die Passahlieder mir verklungen. Nicht ohne Bewegung-und ehrlichen Dampf habe ich mich von den Glaubenssätzen des Judentums gelöst und mir das Weltgebäude aus anderen Bausteinen errichtet. Dennoch bin ich Mitglied der jüdischen Gemeinde und werde es bleiben, solange die Gemeinschaft der Juden nicht nur eine religiöse, sondern auch eine „politische" Gemeinschaft ist, (ach, leider nicht ist, wohl aber sein sollte!), die gegen gewalttätige und heuchlerische Unterdrückung und Zurücksetzung der jüdischen Gesamtheit und ihrer einzelnen Glieder irn Kampfe stehen muß. In solchen Zeitläuften aus der Gemeinschaft der Juden Ausscheiden, in welcher Form und zu welchem Zwecke es immer geschähe, das heißt: Die Gewalttat billigen und dem Unrecht Recht geben; es kann wenigstens so ausgedeutet werden, und man muß in solchen Dingen auch den bösen Schein vermeiden. Freilich muß die Kampfgemeinschaft der Juden mehr und mehr auch wieder eine sittliche Gemeinbürgfchaft werden, in der Richtung, die ich oben angedeutet habe./Das scheint mir für die Entwicklung des Judentums, auch nach der religiösen Seite hin, nötiger zu sein, als mancher „moderne" Anspruch des einzelnen. Aus einem enslilchrn Lsdeorte. Von Dr. G. Chotzner. Wie ist die Welt doch so schön, so schön! Es glänzt das Tal, es leuchten die Hölsin, Doch schöner ist^s da, wo die Meereslüfte wehen. Dorthin, dorthin will bald ich" nun gehen. it diesen wenigen poetischen Zeilen leitete Mr. Bogen seinen Brief ein, den er mir gegen Mitte Juni dieses Jahres zukommen ließ. Daraus ersah ich nun, daß der Autor der fraglichen Zeilen, der den Lesern dieser Blätter von früheren ‘ Jahren her als Witzling und lustiger Patron bekannt ist, die Absicht hatte, tn kurzer Zeit nach einem Seebade zu reisen. Was den Brief selbst anlangt, so war er recht kurz abgefaßt und enthielt hauptsächlich die Mitteilung, daß der Schreiber desselben sich entschlossen habe, wiederum nach demselben englischen Badeorte zu gehen, wo wir früher schon während einiger Jahre in den Sommermonaten zusammengetrofsen waren: Er bemerkte darin auch zum Schluffe, daß er nach wie vor das jüdische Gasthaus, das „Paradies" genannt, patronisieren ' werde. Außerdem sprach er die Hoffnung aus, daß auch ich in diesem Jahre denselben Badeort besuchen werde, wo wir in vergangenen Jahren so häufig recht angenehme Spaziergänge die Meeresküste entlang gemacht hatten. In meiner Antwort, die ich Mr. Bogen zuschickte, sägte ich ihm, daß ich gern kommen werde. Als ich gegen Ende Juni in dem Badeorte anlangte, fand ich das Wetter daselbst recht unangenehm. Denn während einer ganzen Woche regnete und stürmte es fast unaufhörlich, und ich war daher genötigt, meine beabsichtigten abendlichen Spaziergänge am Meeresstrande einstweilen einzustellen. Statt dessen aber besuchte ich einigemale das lokale Theater, wo, , nebst anderen Stücken, auch „The Merry Widow" (Die lustige . Witwe) aufgesührt wurde. Eines abends nun, als ich im Theater anwesend war, wo die besagte komische Operette gerade gespielt wurde, hörte ich ein enthusiastisches da capo von der Galerie her ertönen, nachdem die Sängerin, welche „Die lustige Witwe" repräsentierte, eine ihrer schönklingenden Melodien beendigt hatte.' Dieses dacapo wurde von einer, mit einer tiefen Baßstimme versehenen Person wiederholentlich ausgerufen, und als ich aus Neugierde nach der.Galerie des Theaters hinaufblickte, da bemerkte ich, daß der Inhaber dieser Baßstimme kein anderer als der stets verliebte Mr. Bogen war. Dieser erkannte mich sofort, und nach der Beendigung der Vorstellung wartete; er aus mich außerhalb -des Theaters, wo er mich in gewohnter herzlicher Weise grüßte. Zugleich entschuldigte er sich bei mir, daß er im Theater so recht laut und enthusiastisch da capo gerufen, indem er bemerkte, daß er immer in Extase gerate, so oft er die liebliche Stimme einer Sängerin höre, namentlich wenn sie eine recht anziehendes Aeußereshabe. Schließlich propottierte er, daß wir nächsten Abend bei schönem Wetter auf . der Promenade an der Meeresküste Zusammentreffen sollen, bei welcher Gelegenheit, wie er zufügte, er mir eine,Mitteilung machen werde, die für mich wohl einiges Interesse haben dürfte. Am folgenden Abend, der recht schön war, traf ich Mr. Bogen wirklich auf einer der Bänke fitzen, die dem Strande entlang angebracht sind. Er. schien in recht guter Lauste zu sein, und mit einem schelmischen Lächeln sagte er mir, daß er hoffe, bald in der Lage zu sein, mir seine Verlobung mündlich anzuzeigen. Ich drückte natürlich den Wunsch aus, etwas näheres über den besagten, interessanten Gegenstand zu hören, worauf der Bräutigam in spe mir folgende Mitteilung darüber machte. „Seit meinem letzten Hiersein", sagte-er, „hat Mr. Beitel, der Eigentümer des Gasthoses, worin ich logiere/das Zeitliche gesegnet, und seitdem wird dasselbe von dessen Witwe geleitet. Diese, fügte er hinzu, hat eine recht anziehende Erscheinung, und namentlich spielt ein süßes Lächeln auf ihrem schönen Gesicht, so oft ich in den Speisesaal komme. Ja, noch mehr. Als ich ihr kürzlich andeutete, daß Gänseleber mit süßsaueren Bohnen für mich eine Jdealspeise sei, hat sie seitdem diese Delikatesse einige Male für mich zubereiten lassen. Selbstverständlich hat sie aus den besagten Gründen ganz mein Herz gewonnen und mich zugleich auch recht Poetisch gestimmt, so daß ich jüngst ihr zu Ehren ein Gedicht komponiert habe, das ich ihr nächstens einzuhändigen gedenke." Darauf Zeigte mir Vir. Bogen das fragliche Gedicht, das ich, da gerade voller Mondschein war, leicht lesen konnte. Es lautete wie folgt: : ■/ Kaum find' ich Worte, dich. Liebste zü Preisen!; . : ' Du bist so süß wie deine Götterspeisen, Die da bestehen aus Fladen und Makronen; Nebst köstlicher Leber mit süß-sauren Bohnen.

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