Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- Seite 352 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Galați 1× ep/1002400
- Tunis 1× ep/1048155
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wirkliche Ackerbauer geworden, erfüllt von der Liebe zum Boden, mit dem Wunsche, ihren Besitz zu vergrößern, vorsichtig und sparsam; dabei sind-sie ihrer Religion treu geblieben." 205 097 Hektar sind bebaut. Für die Bebauung dieser Flächen und für landwirtschaftlichen Betrieb überhaupt werden gebraucht 3000 Ochsen,. 25 000 Kühe, 1300 Stiere, 53 000 Pferde. - Seit 1903 sind auch in Brasilien, und zwar in dem Staate Rio Grande del Sul große Gebiete gekauft worden. Die erste Kolonie, die den Namen Philippson führt, mit 5398 Hektar, zählt 48 Familien und 284 Seelen. In Nordamerika, in Kanada, wird anders Verfahren: dem Einwanderer werden Mittel gewährt, um von der Regierung ein Stück Land zu kaufen. Auch in Palästina wurde durch Darleihung von Geld der Ackerbau gefördert. Die von der Gesellschaft unterstützte Schar umfaßt etwa 7500 Seelen. Der Bericht geht zum Schluß auf die Bemühungen ein, die Bevölkerung in Galizien zu unterstützen. Das Hauptziel für die dortigen Juden besteht darin, diejenigen, die schon an Ackerbau gewöhnt sind, zu unterrichten und ihnen die neuen Methoden beizubringen. Die. Schlußworte der Mitteilung lauten: „Man könnte vielleicht mit Recht behaupten, daß die materiellen Resultate auf dem Gebiete des Ackerbaues unbedeutend sind im Vergleich zu dem fruchtbaren Elend,, das zerstört werden muß. Was bedeuten ein paar Tausend glückliche Familien im Vergleich zu den Hunderttausenden, die in Rußland und Rumänien leiden? Aber wenn man die Art des Lebens und die Umwandlung der seit Jahrhunderten des Landbaus'Entwöhnten zu tüchtigen Bauern betrachtet, was wollen die zwanzig Jahre sagen? Man mußte in unseren Glaubensgenossen die Liebe zum Voden wecken, sie allmählich dazu erziehen, Freude an dieser neuen Tätigkeit zu gewinnen. Das haben wir getan und damit in der Geschichte der Juden einen tüchtigen Schritt vorwärts gemacht." ' II. Der Bericht der A. I. It. gedenkt zunächst der Bemühungen für die russischen Juden, konstatiert freilich, daß bei dem furchtbaren Elend mit noch so großen Summen, nicht viel anzusangen sei. Er spricht sodann von Rumänien, macht auf die neue, in 'Marokko geschaffene Lage aufmerksam, hofft durch Erziehung, namentlich' durch Hinsühr.ung der Juden zum Ackerbau Nutzen zu verbreiten und weist auf die Schultütigkeit in-Persien hin. Was die Einzelheiten betrifft, so mag folgendes erwähnt werden. Das Schülwerk von 1900 bis 1911 hat sich auf 166 Schulen im Orient erhöht (99 Knaben-, 67 Mädchenschulen) mit zusammen 45 000 Schülern. Diese werden von 1350 Lehrern unterrichtet, von denen 309 aus der Normalschule tit Paris hervorgegangen sind. Diese Schulen sind folgendermaßen verteilt: 28 in Marokko, 48 in der europäischen, 59 in der asiatischen Türkei, 11 in Persien, die übrigen in Bulgarien, Aegypten, Tunis, Algier. In allen Schulen ist die Unterrichtssprache die französische. Englisch wird in Aegypten und Mesopotamien, Italienisch in Tunis und Tripolis, Deutsch in fünf Schulen Konstantinopels und in drei zu Saloniki und in Bulgarien gelehrt. Handfertigkeitsschulen existieren in 37 Orten. In Smyrna gibt es 22 männliche, 45 weibliche Lehrlinge, in Saloniki 53 und 525, in Tunis 80 und 46. Bon nicht geringem Interesse wird speziell für unsere Leser dasjenige sein, was in dem Bericht über .den deutsch-französischen Zwischenfall gesagt wird. Nachdem schon der Großrabbiner des Konsistoriums, Herr Alfred Levy kurz aus die iueiäeuts käolleux angespielt, die die gute Harmonie des Vorstandes gestört hatten, hielt E. Söe einen Vortrag über den Plan der Statutenänderung. Es wird darin erzählt, daß die Liste zur Neuwahl sertiggestellt worden, als von der deutschen Konserenzgemeinschaft der Antrag gestellt wurde: 1. Hinzufügung, mehrerer neuer Mitglieder in Deutschland, 2. Streichung mehrerer deutscher Notabilitäten. Alan konnte, so wird weiter ausgesührt, den deutschen Anträgen nicht stattgeben, weil sie eine ungerechte Bevorzugung Deutschlands involvierten. Es wird dann mit ziemlicher Ruhe von den Angriffen gegen einzelne französische Mitglieder gesprochen und die sattsam bekannte Geschichte der vollzogenen Wahlen erzählt. Die Zwistigkeiten, die nach dieser Wahl entstanden, werden auseinandergesetzt, und als neu vorgeschlagener Artikel.wird der folgende angeführt: „Für die Mitglieder des Zentralkomitees, die nicht in Paris ihren Wohnsitz haben, soll das Zentralkomitee vor der Wahl von den Lokalkomitees, denen Mitglieder des Zentralkomitees angehören, Vorschläge verlangen. In dem Falle, daß diese Vorschläge dem Zentralkomitee un-. annehmbar erscheinen, soll es neue erbitten." Der Vortrag des Herrn See schließt mit folgenden Worten: „Die Alliance ist in Paris entstanden, dort ist sie groß geworden. Die Einrichtung, die wir geschaffen haben, hat zum Nutzen des ganzen Judentums, ohne Unterscheidung von religiösen Meinungen und Nationalitäten ihre, in der ganzen Welt geschätztes, grandioses Werk vollführt. Sie soll das bleiben, was sie seit 50 Jahren war; sie soll fortbestehen in diesem Mittelpunkte der Freiheit und des Fortschritts, wo sie ihre wohltätigen Bestimmungen verwirklichen kann. III. Aus dem 10. Geschäftsbericht des Hilfsvereins der deutschen Juden*) seien folgende Zahlen erwähnt: Die an 32 Orten bestehenden Komitees des Hilssvereins haben im Jahre 1905 10 000, 1906 60 000) 1907 36 000 (diese ungeheuren Zahlen für die genannten Jahre erklären sich daraus, daß in dem ersten Jahre die Pogrome stattfanden und im zweiten deren Nachwirkung noch anhielt), im Jahre 1908 18 000, 1909 15 000, 1910 12 000, 1911 13 000 Personen bei ihrer Auswanderung Schutz und Hilfe geleistet. Die gesamten Einnahmen waren , im Jahre 1911 350 000 Mark, darunter 85 000 Mark, die die I. C. A. für die Zwecke der Auswanderung als Subvention gewährt hatte. Die gesamten Ausgaben betrugen 500000 Mark, von denen 264 000 für Rußland und die Auswanderung, 240 000 für das Schulwerk verausgabt wurden. Was die einzelnen Länder betrifft, fo wird in Galizien eine Abnahme der jüdischen Bevölkerung konstatiert. Während sich die Juden früher um beinahe 12% der Gesamtbevölkerung vermehrten, fand im Jahre 1910 nur eine Vermehrung von 10,87% statt. Das Programm zur Besserung der Verhältnisse in Galizien wird in die Worte zusammengesaßt: „Selbsthilfe, Landesverband zur kulturellen und wirtschaftlichen Hebung der jüdischen Bevölkerung Galiziens." Die Tätigkeit erstreckte sich besonders aus die Kindergärten in Colomecu und das Mädchenwaifenhaus in Tarnopol. Für Rumänien galt es Front zu machen gegen die Beschränkungen der Juden im Handwerk und im Lehrerstand. Der Hilfsverein unterstützte 1. den Schulverein „Cultura" in Bukarest, der eine Reihe von Schulen unterhält, 2. den Schulverein „Reschih daath" in Bukarest, 3. die Handwerkerschule „Ciocanol" in Bukarest, 4. die Haushaltungsschule „Lumina" in Galatz. Für Bulgarien hat der Hilfsverein der deutschen Juden in die beiden Hauptstädte des Landes Sofia und Philipopel deutsche Lehrkräfte entsendet. Für die Türkei ist besondes interessant, daß der Hilfsverein nicht nur von jüdischen Gemeinden in Palästina und Kleinasien — wo das Fortschreiten der Bagdadbahn, die viele Deutsche auf die Baustrecken führt, auch zur Ausbreitung der deutschen Sprache beiträgt — Gesuche um Errichtung von Schulen erhält, sondern auch von angesehener mohammedanischer Seite hat man den Hilfsverein ersucht, wenn keine passende Schule vorhanden ist, eine solche auch zur Benutzung für mohammedanische Kinder zu errichten, in der Deutsch und Türkisch gelehrt wird. Der Hilfsverein suchte besonders die Not zu lindern, die durch den Brand in Galata entstanden war, begründete eine Leihkasse in Haskieu und förderte Pas Schulwerk in Konstantinopel und Saloniki. Auch in Palästina und Syrien wurden die durch mannigfache Unglücksfälle Geschädigten unterstützt und das Schulhilfswerk in bedeutender; Weise gefördert. In Palästina sind hauptsächlich Kindergärten eingeführt worden, Mädchenschulen eingerichtet, der Handfertigkeitsunterricht ermöglicht worden. Unterstützungen flössen ferner zu: der Mädchenschule, der jüdischen Zentralbibliothek, der Knabenschule in Jaffa. In Rußland suchte man soviel wie möglich den Wohnrechtsbeschränkungen und Ausweisungen entgegenzutreten, gegen den Ausschluß der Juden von Bildungsstätten zu agitieren, die traurigen Folgen der Ritualmordhetze abzuschwächen, die wirtschaftliche Lage der Juden zu verbessern. Das Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten war für die etwa 100 000 Auswandernden in hervorragender Weise tätig. *) Zehnter Geschäftsbericht (1911) des Hilssvereins der deutschen Juden, erstattet der Generalversammlung am 14. April 1912. Berlin 1912. Der Bericht zerfällt in zwei Teile, von denen der erste den Geschäftsbericht (152 S.), der Zweite das Mitgliederverzeichnis und die Satzungen (175 S.) enthält. Der Bericht ist mit einer ganzen Anzahl von Illustrationen geschmückt.