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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-26 · Heft 30 (26.7.1912) · p. Seite 351

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 30 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
Seite 351 (sequence 3)
Language
German
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aufmerksam zu urachen, daß ihre Teilnahme am Wahlkampf böse Folgen für sie haben könne. . . Deutlicher kann man es nicht sagen! Große Empörung hat hier das Vorgehen einiger jüdischer Fabrikbesitzer hervorgerufen. In den großen Schuhfabriken unserer Stadt, deren Eigentümer Juden sind, werden christliche und jüdische Arbeiter beschäftigt. Bisher feierten nun die christlichen Arbeiter am Sonntag und die jüdischen am Sonnabend. Einige Fabrikbesitzer fanden schon seit längerer Zeit an diesem Zustande keinen Gefallen und erschwerten in jeder Weise die Arbeitsbedingungen derjenigen jüdischen Arbeiter, die die Sabbatruhe beobachteten. Nunmehr entschlossen sich die Fabrikbesitzer zu einem radikalen Mittel. Sämtliche jüdischen Arbeiter mußten sich' schriftlich verpflichten, aus die Säbbatruhe zu verzichten und mit ihren christlichen Kollegen am Sonntag zu feiern. Wer die Erklärung nicht unterschrieb, wurde einfach an die Lust "gesetzt. Unter diesen Umständen sehen sich zahlreiche jüdische Arbeiter genötigt, dem Machtgebot ihrer Brotherren zufolge und sehr gegen ihren Willen den Sabbat zu entweihen. Man befürchtet, daß das böse Beispiel der jüdischen Schuhfabrikanten auch in anderen Industrien, z. B. der Kleiderkoufektion, die gleichfalls zum großen Teile in jüdischen Händen ist, Nachahmung finden wird. # Bei Gelegenheit der Rousseaufeier ist auch in diesen Blättern gesagt worden, daß der große französische Republikaner keine Beziehungen zu Juden gehabt hätte. Jetzt macht der Univers israelite auf folgende Stelle in dem berühmten „Glaubensbekenntnis des savoyardischen Vikars" (4. Buch des Emile) aufmerksam, die auch unseren Lefern interessant sein wird. Sie lautet: „Kennt ihr viele Christen, die sich die Mühe genommen haben, das sorgsam zu Prüfen, was das Judentum wider sie anführt? Sie schöpfen ihre Weisheit aus christlichen Büchern, als wenn das eine Art wäre, sich über die Gründe der Gegner zu unterrichten! Aber was soll man tun? Würde einer wagen, ein Buch zu veröffentlichen, in dem man offen das Judentum begünstigt, so würde man Verfasser und Verleger bestrafen. Das ist ein bequemes Verfahren, sicher, um immer Recht zu behalten. Aber auch die unter uns, die in der Lage sind, mit Juden zu verkehren, kommen nicht weiter. Denn diese Unglücklichen fühlen sich unserer Gnade unterworfen, sie sind durch unsere Tyrannei furchtsam geworden, sie wissen, wie wenig Grausamkeit und Ungerechtigkeit der christlichen Liebe kostet; sie wagen keine Aeußerung, die uns in Entrüstung setzen könnte. Sie. sind zu reich, um nicht unrecht zu haben, und die Habgier verleiht uns Eifer. Die Gelehrtesten und Aufgeklärtesten unter ihnen sind immer die Vorsichtigsten. Diese Gelehrten werden über eine Torheit lächeln, wenn es auch noch gelingt, über ein I paar Unwissende und Feige zu triumphieren, ein Paar Elende zu bekehren, die über ihre Glaubensgemeinschaft schlecht reden, um euch zu schmeicheln. Aber glaubt ihr an Orten, wo sie sich sicher fühlen, so leichten Kaufs mit ihnen fertig zu werden?. Den Doktoren der Sorbonne steht es fest, daß sich die Messiasverheißungen aus Jesus beziehen, die Rabbiner von Amsterdam sind vom Gegenteil, überzeugt. Ich würde nur dann glauben, die Gründe der Juden recht verstanden zu haben, wenn sie einen sreien Staat, Schulen und Universitäten besitzen, in denen sie ohne Gefahr sprechen und disputieren können. Erst dann könnten wir wissen, was sie zu sagen haben." * Ueber die jüdisch e G e m e i n dein A t h e n gibt der Univers israelite interessante Notizen., Sie ist noch jung, besteht aus. etwa 30 bis 40 Familien; ihr Leiter ist der Diplomingenieur R. Constantinis. Die Mitglieder stammen aus Korfu, Zante, Saloniki, Konstantinopel; der Kantor, Lehrer und Rabbiner, Joseph de Tchaves, ist aus Ungarn. Sie besitzt eine einfache Synagoge im ersten Stock eines Mietshauses. Der Gottesdienst dauert höchstens 1% Stunden, nach italienischem Ritus. Piutim werden nicht gesprochen. Das Gebet für den König findet vor dem Vorlesen der Thora statt. v* Einem amerikanischem Blatt Ille Reform advocate entnehme ich die Notiz, daß zur Ehre des Andenkens der mit so großem Heroismus verstorbenen Nathan und I d a Strauß sich unter der Leitung von Jakob H. Schiff u. a. ein Komitee , gebildet hat, um den Dahingegangenen ein Denkmal zu errichten. Bisher sind schon 10 000 Dollar gesammelt worden. Das Denkmal soll in einem klein'en Park an der Ecke, des Broadway und der 106. Straße errichtet werden. Der Park soll den Namen Strauß-Park führen. Dir Gerichte derI. €. %, der Ullisnre ilrselite unioerkelle und des tzilksorreins der drutkchen Juden. I. onDer I. C. A. liegt uns zunächst ein handschriftlicher Bericht über die Jahresversammlung vom 17. Juli vor. Wir übergehen die Formalien über die Verwandlung innerhalb der einzelnen Kommissionen und geben ein Stück der Begrüßungsrede des Herrn Franz Philippfon in Brüssel wieder. Nach einem Hinweis -auf die Bedeutung der Vereinigung sprach er: „Ich weiß nicht, ob heute noch ernstlich jemand glaubt, daß der Jude aus Bosheit oder Faulheit von der Bearbeitung des Bodens Zurückgehalten wird. Nur die Ge- ' setze und Verfolgungen haben die Juden in die , Städte zusammengedrängt und haben aus Hirten und Landarbeitern eine Masse von Handwerkern und Händlern gemacht. Rußland hatte in der ersten Hülste des vorigen Jahrhunderts den guten Gedanken, durch Aenderung der Gesetzgebung die Juden für den Landbau zu gewinnen. In einer Denkschrift der Grasen Denckendorf und Blaudorf an Zar Nikolaus I. heißt, es: „Der Plan, die Juden zu Ackerbauern zu machen, hat zum Ziel, die Zahl der kleinen Händler zu vermindern, die ohne großen Gewinn für sich, aber zum Schaden anderer und des Handels selbst die Zahl der Produzenten nicht vermehren, und ferner, die Juden an ein ordentliches und regelmäßiges Arbeiten zu gewöhnen, um aus ihnen nützliche Untertanen des Reiches zu machen." Wirklich hatte man den Juden seit 1804 das Recht eingeräumt, Ländereien zu erwerben und zu pachten. Später verpflanzte man sie in die neuen russischen Kolonien und zog sie durch Befreiung von der Konskription zum Ackerbau heran. Manche hatten sich in dem Gouvernement Cherson, andere in den westlichen Gebieten, noch andere in den Provinzen Jekaterinoslaw und Polen angesiedelt (1835—1840). Das war der Ursprung der dort bestehenden russischjüdischen Kolonie.' „Bald fehlten die Beschützer. Die Erlaubnis der Pachtung und des Erwerbs von Ländereien wurde zurückgezogen. Dann kamen die beschränkenden Gesetze, welche die Juden zwangen, nur in Städten zu wohnen. Die Folge davon war das größte Elend: 1898 lebten von 792 048 Familien 132 855 in der schlimmsten Armut." Der Redner zeigt, wie die I. C. Ä. den Plan gefaßt, Landarbeiter nach Argentinien zu verpflanzen, aber auch in Rußland den Ackerbau zu befördern. Zu diesem Zwecke, um die Juden rationell qn die Kultur des Bodens zu gewöhnen, wurden Ackerbauschulen in Minsk ' und Nowo-Poltaska sowie irr Czenstochau begründet, die treffliche Resultate erlangt haben. Die Gesellschaft hat ferner das Erwerben kleiner Ländereien, ebenso die Schaffung von Gärten unterstützt und Gelder zu diesem Zwecke ausgeliehen. Die-Wirkung aller dieser Leistungen war, daß sich im Gebiete von Cherson 21 Kolonien gebildet haben mit , 3000 Familien und ungefähr 19 000 Seelen. Seit 1901 sind 3000 Maschinen und Zugtiere aller Art angeschasft worden; dafür wurden 215 687 Rubel bewilligt. Auch der Weinbau wurde unterstützt, besonders in Bessarabien, wofür in 10 Jahren 315 687 Rubel aufgewendet worden sind. In Argentinien wurde mit außerordentlichem Erfolge gearbeitet. Die schon vor den Be-, mühungen der Gesellschaft begründete Kolonie in Santa Fö ist ausgedehnt worden; durch die Anstrengungen der Gesellschaft sind jetzt in dem genannten Lande viele Kolonien entständen, die von 6400 Familien mit 35 000 Seelen bewohnt werden. „Alle diese Menschen sinh

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