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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-26 · Heft 30 (26.7.1912) · p. Seite 350

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 30 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
Seite 350 (sequence 2)
Language
German
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worden ist, ohne Randbemerkung der Redaktion und gibt ferner gleichfalls ohne jeden Zusatz, m e i n e Bemerkungen über diese Neugründung wieder, die ich in Nr. 24 dieses Blattes vom 14. Juni 1912 (veröffentlicht habe. Es kann mir nur. angenehm sein, daß meine Betrachtungen, die cgewiß nichts vonUeberhebung des Judentums und noch , Viel, weniger irgendeine. Mendung gegen das Deutschtum enthalten, den Mitgliedern des Bundes ’ und denen, die es werden sollen, zur Kenntnis, gebracht werden, aber ich muß mich doch fragen: wie kann irgendein vernünftiger Mensch aus dem Zusammenschluß der orthodoxen Juden — also einer rein internen Angelegenheit — auf eine Ueberhebung des Judentums schließen? Das Interessanteste unter den mir zugesendeten Dokumenten ist nun aber das Folgend^ das auf einer blauen Karte, deren Rücksendung an. den Vorstand erbeten wird, abgedruckt ist, es lautet: ' „Ich beantrage meine Aufnahme in den Verband gegen Ueberhebung des Judentums und versichere an Eidesstatt, daß ich wissentlich kein jüdisches Blut habe und nicht mit einer Jüdin verheiratet bin. Ich verpflichte mich, aus dem Verbände freiwillig auszuscheiden, falls ich mich später mit einer Jüdin verheiraten sollte. Ich werde dafür Sorge tragen, daß vertrauliche Mitteilungen des Verbandes nicht in falsche Hände geraten, und bei meinem Ausscheiden oder Tode an den Vorstand zurückgesandt werden". Auf diese merkwürdigen Zeilen folgt ein Raum für die Namen, welche die Aufnahme des Kandidaten empfehlen und dessen Verpflichtung zu einem bestimmten Jahresbeitrag. Man sieht aus allen den Mitgeteilten Aktenstücken, wie kon- sequent der neue Bund Vorgehen will. Alle I udenstä m m - l i n g e sind ausgeschlossen. Es wird freilich nicht bestimmt gesagt, wieweit sich das Verbot, jüdisches Blut zu haben, erstreckt, ob hier bis in die vierte, fünfte Generation und noch weiter zurückgegangen werden soll. Wird diese Beschränkung konsequent durchgeführt, so bleiben in Deutschland und speziell in Berlin Tausende-und Abertausende — und gerade vielleicht die ärgsten Antisemiten — ausgeschlossen. Eine große Gefahr sehe ich, wie ich schon wiederholt erklärt habe, in diesem neuen Verbände nicht, weil ihm, wie ich glaube, die rechte Unterlage völlig fehlt. Der ehrliche und aufrichtige Jude kennt keine Ueberhebung gegen das Deutschtum; er kennt bei aller starken Zugehörigkeit zu seiner Religion nur die eine Aufgabe, für das Deutschtum zu wirken, mit Deutschen vereint zu sein und in sich und in seinen Genossen das - Deutschtum zu pflegen. Trotzdem hielt ich mich für berechtigt, ja für verpflichtet, von diesen nicht uninteressanten Aktenstücken meinen. Lesern Kenntnis zu geben. Nur ein kurzes Schlußwort möchte ich noch hinzufügen. Was heißt das eigentlich: „Ueberhebung'des Judentums?" Die Juden sind in Preußen ausgeschlossen von allen Staatsämtern, von den höheren Stellen im aktiven Militär, von der Staatsanwaltschaft, von den höchsten Nichterstellem Nur außerordentlich selten kommt es vor, daß ein Jude selbst Oberlandgerichtsrat wird;. die höheren Richterstellen sind ihm verschlossen. In den Universitäten' müssen sie sich trotz ihrer anerkannten Tüchtigkeit meist mit der Stelle eines Extraordinarius begnügen, die Ernennung zum Ordinarius ist eine große .Seltenheit; an manchen Universitäten entstehen bereits Schwierigkeiten in der Zulassung der Privatdozentur. Auch die Karriere in dem subalternen Verwaltungsdienst ist ihnen verschlossen. Ja, man weiß sehr genau, daß selbst die Titel eines Justizrats usw. ihnen erst viel später zuteil werden als den. Christgeborenen und den Christgewordenen. Alles dies zu erlangen in stetem, zähen Kampf ist unser, . der deutschen Juden, Recht, ja unsere Pflicht. In dem Kampfe ' um dieses Recht uns zu unterstützen, Ware die Aufgabe jedes Preußen und jedes Deutschen, der es ernst meint mrt dem Recht und der Verfassung. Denn die Verfassung gewährleistet?'nns - die Ansprüche, die^'das Gewohnheitsrecht und -eine seid Jahrzehnten (geübte verfassungswidrige Praxis uns versagt.' Und' da wagt man von Ueberhebung des Judentums zu reden! Es ist eine Schmach, wenn wirklich deutschgesinnte Männer sich zu einem solchen Tun vereinen und Rechtsverkümmerung und Verfassüngsbruch als eine Großtat verkünden wollen! Bit Mochk. . ‘ Berlin, den 23. Juli 1912. n vergangener Woche wurde Nr. 7 des „Gemeipdeblatts y der jüdischen Gemeinde in Berlin" ausgegeben. Sie enthält auf 16 großen Spalten den stenographischen 'Bericht über die Debatte in der Nepräsentantenversammlung vom 30.Juni über die Jnterpellatio n betr effend verschiedene bei der Königlichen Staatsr e g i e r u n g e i.n g e r e i ch t e P e t i t i o n e n, und gibt besonders die Reden der Herren Kalischer und Lilienthal wieder. Da der Raum unseres Blattes zu beschränkt ist, diese Reden zu wiederholen, so seien unsere Leser nachdrücklich auf diesen interessanten Bericht verwiesen. *i Aus Italien sendet uns ein Korrespondent folgende beachtenswerte Mitteilung: Zu dem italienischen Erfolge über die Türken bei Bu- Chamez Ende Juni wird in einem nachträglichen offiziellen Bericht auch des folgenden aufregenden Vorfalles Erwähnung getan, an dem ein Jude beteiligt war, wie denn überhaupt viele Juden als Freiwillige den Feldzug mitmachen: Bei Tagesanbruch stieg der Flieger Leutnant Sacerdote der bei Bu-Chamez stationierten Genietruppen, um die genaue Stellung der nach ihrer gestrigen Niederlage im Rückzüge befindlichen Türken festzustellen, zu einem Nekognoszierungssluge auf. Als sich Sacerdote nun hierbei fast über 20 Kilometer südwestlich von Bu-Chmaez entfernt hatte und sich bereits angesichts des Feindes in einer Höhe von 900 Metern befand, versagte plötzlich die Zündung seines Motors,, so daß die Gefahr eines Absturzes und das Fallen in Feindeshand nicht ausgeschlossen war. Kurz entschlossen versuchte Leutnant Sacerdote trotz per ungeheuren Höhe und Gefahr sein Flugzeug in einer ungeheuer großen Kurve und in einem immensen Gleitflug sanft herniederzubringen, und wirklich gelang es ihm auch in kaltblütigster Ruhe und in bewunderungswürdigster Weise, das Flugzeug in nur 12 Kilometer Entfernung' von Bu-Chamez sicher und unbeschädigt zur Erde niederzubringen, ohne daß es dem Feinde gelungen wäre, inzwischen die Stelle des niedergegangenen Fliegerosfiziers zu entdecken. Mit Hilfe einiger von 'Sacerdote aus den Nächstliegenden Verschcuizungen herbeigeholten Soldaten gelang es ihm dann, sein Flugzeug unversehrt wieder in Sicherheit zu bringen. . -*1 ■ ' Aus R u ßland enthält die „N. I. K." folgende betrübliche Berichte: Wie im russischen Reiche „freie" Dumawahlen gemacht werden und welchen Gebrauch die Juden, die im Besitze des Wahlrechts sind, davon machen können, illustriert folgender Vorfall: Dieser Tage bestellte der Gouverneur von Jekaterinoslow den Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu sich und sagte ihm, wie er höre, beabsichtigten die Juden, an den bevorstehenden Dumawahlen tätigen Anteil zu nehmen und die Progressisten zu unterstützen. Die Juden hätten anscheinend die Lehren der jüngsten Vergangenheit schon vergessen . ... Der Gouverneur forderte den Rabbiner aus, seine Glaubensgenossen daraus

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