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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-19 · Heft 29 (19.7.1912) · p. Seite 345

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 29 (19.7.1912)
Date
1912-07-19
Page
Seite 345 (sequence 9)
Language
German
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amtmann von Urspitz ■-ich bin des Namens nicht ganz sicher; .es mag auch Seelowitz gewesen sein-bin ich gewesen wie mit Euch. Ihr meint, es hat mich eppes gekost? Oser ä Fennig." Der Rabbi unterbrach ihn und erwiderte: „Reb Schloime. — — ich verschweige den Familiennamen, weil die Familie noch heute im Orte bestehen dürste- „Ihr braucht nicht zu schwören.. Wenn Ihr sagt, Ihr seid gewesen mit ihm wie mit.mir, weiß" ich doch schon, es hat nix gekost." Nach eines , interessanten Charakters aus dem . jüdischen Gemeindeleiben von Pohrnitz muß ich erwähnen, des Dajans Judah Brunner, der am 1. Dezember .1892, im Alter von achtzig Jahren starb. Mit. ihm ist der ganze Typus dieser Kategorie ausgestorben.. Reb Judah war ein äußerst tüchtiger Talmudist, , der sich hauptsächlich pon dem Ertrage eines kleinen Trödelladens ernährte. Ich besuchte ihn einst an einem Freitag in der Pessachwoche um die Mittagszeit. Er war gerade bei seinem Mittagessen, das aus einer Tasse Kaffee mit Matzos bestand. Im allgemeinen waren weder die geschäftlichen Er- - träge, noch das Gehalt so reichlich, daß man sich an jedem Wochentage eine außerordentliche Mittagsmahlzeit gönnen konnte. Und am Freitag mittag war die Beschränkung des Mahles eine religiöse Pflicht, um den Appetit für das Sabbatmahl am Abend zu sparen. Während Rabbi Judah mit mir die Ansicht Maimonides^ über die Möglichkeit, eine mehrfache Strafe durch eine einzige Tat auf sich zu ziehen (Keritot, 14 a) besprach, kam ein Bauer herein, der ein Paar alte Hosen kaufen wollte, für welche Rabbi Judah einen Gulden verlangte. Der Bauer bot natürlich neunzig Kreuzer. Reb Judah war gerade mitten in der Erklärung über die Ansicht des Rambam und sagte: „Schabbes und Jom Kippur ist eine andere Sache"-„nein, Herr Vetter, unter ein Gulden kann ich se nicht geben", und dann wieder zu mir gewendet, besprach er den Fall eines verendeten unreinen Tieres Der Bauer bot fünfundneunzig Kreuzer. „Ein Jssur Kolel" — „nein, Herr Vetter, nicht fer neunundneunzig e halb." Man konnte Rabbi Judah mit einem Pack alter Kleider oder alter Stiefel über die Straße gehen sehen, aber das tat der Achtung, die man vor ihm hatte, nicht den mindesten Eintrag. War jemand krank, so schickte man doch zu Rabbi Judah, daß er dem Kranken einen anderen Namen geben oder für ihn das Seelenauslösungsgebet verrichten solle. Trotz seiner orthodoxen Anschauung war Rabbi Judah dem.Rabbiner gegenüber sehr bescheiden; er betrachtete es als selbstverständlich, daß die Gegenwart einen gebildeten Mann verlange, und begnügte sich mit der zweiten Rolle. Der Nachfolger von Josua Weiß wird keinen Dajan mehr, zu fürchten haben. Ich habe die Erinnerung an Rabbi Judah in einem Kapitel meiner Erzählung „Unlösbare Fesseln" festzuhalten versucht. Die Zöglinge der Jeshiba, welche, wenn sie in das heiratsfähige Alter traten, heirateten und sich zu ernähren suchten, so gut es eben ging, sind wohl alle ausgestorben. Die Gemeinden in den kleinen Städten — Nikolsburg, die größte unter ihnen, nicht ausgeschlossen—-, sind zumeist auf einen kleinen Rest zusammengeschrumpft, zum Teile ausgestorben, oder sie befinden sich auf dem Aussterbeetat. Unsere Kulturgeschichte ist immer arg vernachlässigt gewesen. Ich schreibe das zwei Ursachen zu. Das Elend des Daseins tötet die Freude an dieser Erinnerung vergangener Tage. Die großen Meister der griechischen Historiographie lebten zur Zeit der Perserkriege. Ihr patriotischer Stolz begeisterte sie zu ihren Werken. Auch von Josephus kann man dasselbe sagen. Unter den Umständen, wie das jüdische Volk seine.Unabhängigkeit verlor, war die Geschichte seiner Niederlage ein Triumph. Im Judentum kommt noch ein anderer Grund dazu, um die Gleichgültigkeit gegen die Geschichte zu erklären. Die talmudische Dialektik kennt keine Persönlichkeiten. Von Moses bis auf den jüngsten rabbinischen Autor ist alles eine harmonische Anschauung (Jeruschalmi, Peah, II, 17 a). Infolgedessen haben wir keine Biographie und kein Memoirenwerk bis in das achtzehnte Jahrhundert hinein. Jakob Emden, der viel Verkannte, war auch hierin der große Meister. Möge es in der Zukunft wenigstens gelingen, das Interesse an Privaturkunden und Memoiren zu wecken, und mögen vor allem Greise der Pflicht der Festhaltung ihrer Lebenserfahrungen für die künftige Generation eingedenk bleiben. Tempetzerltärung. er Tempel fiel, es ward das V o l k zerstreut. Kein Bau erstand, der alle Gläubigen eint. Und wenn alljährlich sich die Klag' erneut, Was ist es wohl, was dieser Ruf vermeint? Wir fühlen Trauer ob der Väter Not, Mit tiefer Wehmut denken wir der Klagen, Die sie erduldet treu bis in den Tod, Vom grimmen Haß des bösen Feinds erschlagen. Doch nicht ziemt Jammer uns für alle Zeit, Nicht nach verlass'nen Stätten ödes Bangen; — Durch langes Leiden von dem Schmerz befreit. Nach starkem Tun, nach Leben wir verlangen. Mit Ehrfurcht sprechen wir vom „Heil'gen Ort", Wie Kinder an das Vaterhaus gedenken; Doch unsre Seele haßt das Lügenwort, „Zu neuem Staatenbau den Schritt zu lenken". Denn was uns eint, ist nicht das Volksgefühl, ' Es ist der starke, felsenfeste Glauben, Den der Verbleib im bunten Volksgewühl, Nicht girr'ndes Locken Mächt'ger konnte rauben. Mit seinem Glauben, der der Menschheit galt, Schritt Israel durch langer Zeiten Schwere, Nicht List noch Hohn, Verfolgung noch Gewalt Konnt^ ihm entreißen seines Gottes Ehre. So walle fort als starker Wahrheitsheld, Scheuch' feiges Klagen ob vergangener Schmerzen, Dein Kampf- und Siegesplatz die weite Welt, Wenn du den Tempel neu baust in dem Herzen. Ludwig Geiger. : Littrsrilchr Mitteilungen. Heinrich Heine. Sämtliche Werke. 1. Band. Herausgegeben von Oscar Walzel. Leipzig im Insel-Verlag. Preis 2 Mark, geb. 3 Mark. Dieser erste Band der neuen, in diesen Blättern bereits einmal erwähnten Ausgabe enthält die Gedichte in chronologischer Folge, nämlich die jungen Leiden, das lyrische Intermezzo, die Heimkehr, Harzreise, Nordsee, Nachträge zu allen Abteilungen, zerstreute.Hedichte, Uebersetzungen und Tragödien. Der Band ist von Jonas Fränkel ediert, voran steht eine große Einleitung (64 Seiten) von Oskar Walzel. Diese Einleitung ist sehr merkwürdig. Sie behandelt die Stellung des Dichters zur „Idee", sein Verhältnis zu Frauen, wobei merkwürdigerweise die Prinzessin Veglioso als die einflußreichste Frau in Heines Umgangskreis behandelt wird, ferner das Verhältnis des Dichters zum Judentum, sowie seinen Mut, sich selbst darzustellen und Lloßzustellen. Ausführlicher wird dann von der Dreiteilung in Heines Leben: Jugend, Kampfesjahre, Agoniegehandelt. Zum Schlüsse werden die Grundsätze auseinandergesetzt, nach

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