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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-19 · Heft 29 (19.7.1912) · p. Seite 344

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 29 (19.7.1912)
Date
1912-07-19
Page
Seite 344 (sequence 8)
Language
German
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während die Frommen die Rettung nur in der Rückkehr unters das Joch ausübender Pflichten sehen. Von bedeutenden Männern, die sich in jüngster Zeit über die Frage geäußert haben, wollen wir Wern e r S o m b a r t erwähnen/ der feststellt, daß der jüdische Einfluß trotz des geringen Anwachsens des jüdischen Bevölkerungsteils zweifellos zunimmt, und der ein restloses Ausgehen des jüdischen und nichtjüdischen Elementes ineinander, also eine vollständige Assimilation, für unmöglich hält. Professor Ludwig Stein rühmt' den Optimismus des Judentums, der eine Fülle von Lebens- und Widerstandsenergie besitzt, dem allein es das Judentum zu verdanken hat, daß es lebenskräftig, geistig frisch und-in ungebrochener Zukunftssreude in der Geschichte dasteht. Nie hat die Macht eines Volkes in der Zahl bestanden; nicht die Menge tut es,' sondern der Gehalt. Und' Rabbiner Dr. Max Iosep h behauptet, daß die natürliche Lebenskraft, der starke Lebenswille der jüdischen Rasse der Auslösung entgegenwirkt. Eine zähere, stärkere Rasse als die jüdische gibt es in Europa nicht. Trotzdem darf man — das unterliegt keinem Zweifel — den drohenden Wolken, den sestgestellten schwerwiegenden Tatsachen gegenüber nicht untätig bleiben. Die sinkende Macht des religiösen jüdischen Gedankens muß neu gekrästigt, der religiöse Sinn in der Jugend geweckt, bei den Erwachsenen frisch belebt werden. Es muß mehr wie bisher an der Charakterbildung gearbeitet werden. Sodann muß das Interesse für jüdische Geschichte und jüdische Wissenschaft gefördert, die Verachtung des feigen Abfalls gesteigert, der Stolz auf die jüdische Vergangenheit erhöht werden. Aber geeinigt müssen die Juden unter sich und treu sich selbst bleiben, wenn sie den Mut und die Hoffnung auf die Zukunft nicht verlieren sollen. Gelangt dann der wahre Wert des Judentums, der seinem reinen Glauben und seiner Sittenlehre innewohnt, in der Welt mehr zu seinem Rechte, siegen die freien Ideen im Staate und durchbraust der Gedanke tatsächlicher, vorurteilsloser Gleichberechtigung wie Frühlingssturm die Lande, dann werden sich auch die Schwachen und Mutlosen, die zum Abfall neigen, wieder um das Banner des Judentums scharen, neues, gesundes Leben wird in der gesamten Judenheit erblühen, und nicht zum .,Untergänge" der jüdischen Sonne wird es kommen, nein, zu ihrem strählenden „Wiederaufgehen", das Licht und Leben verbreiten wird bis in die fernsten Zeiten. Dir mshrrkche Lehittsh. Erlebtes und Erzähltes aus halbvergangenen Sagen. Von GotthardDeutsch. . Schluß. erartige Predigten konnte Rabbi Loebs Nachfolger nicht mehr halten. Cr hätte es auch gar nicht versucht, denn Josua Weiß gehörte zu jener Uebergangsepoche, welchem dem Jüdischen etwas durchaus Verwerfliches sah, und anders als im Scherze könnte ja das Jüdische auch heute nicht mehr verwendet werden. Fernerläßt sich unser heutiges Publikum -eine derartige Polemik aus der Kanzel nicht mehr gefallen. Rabbi Josua Weiß wurdewegen einer Predigt von Mitgliedern seiner Gemeinde ans Ehrenbeleidigung. verklagt, und mit dreißig Gulden bestraft.- Mir ist die Sache, obwohl ich damals, 1887, in Brünn lebte, nicht mehr in ihren Einzelheiten erinnerlich. Soviel ich weiß, hätte die jüngere Generation das Heft in die Hände bekommen und wollte. dem Rabbiner bei der Verwaltung dpr'-Stiftungen/Schwierigkeiten machen, die ihn empörten — und wohl nicht mit Ünrecht, Die mährischen Gemeinden hatten in ihren Mitgliedern ein^Gefühl der Loyalität erzogen, welches sich in zahlreichen Stiftungen kundgab. Diese Stiftungen wären zumeist/ von der katholischen Umgebung 'beeinflußt, sogenannte / Seelenheilstiftungen, die stipulierten, daß man am Jahrzeitstage des Testators in der Synagoge eine Kerze anzünden, Kaddisch sagen, und eine bestimmte Anzahl von Leuten auf das Grab schicken solle, damit sie dort das übliche Gebet sprechen. . Der Bankier Philipp Gomperz, einer der Pioniere der Brünner Gemeinde, hat letztwillig hinterlassen, daß zehn Männer an seinem Todestage sein Grab besuchen sollen. Der Todestag ' ist am neunten Ab. Und einzelne der Grabbesücher pflegten den. Seelenheilverdienst bei ihrer Rückkehr von dein langen Wege an dem heißen Tage teilweise in Bier umzusetzen. Als infolge der Freizügigkeit die Gemeinden in den kleinen Städten an Mitgliederzahl zurückgingen und infolge der freiheitlichen Gesetzgebung auch sonst dem Rabbiner gewisse Sporteln für Zeugniserteilung entzogen wurden, schlug Rabbi Weiß einen neuen Modus vor, nach welchem er als Verwalter der Stiftungen einen prozentualen Betrag von diesen Einkünften erhalten sollte. Er ging dabei von der richtigen Voraussetzung aus, daß der Stifter die Erhaltung der religiösen Einrichtungen der Gemeinde gewünscht habe und darum mit einer solchen Abgabe zufrieden gewesen wäre. Einige der alten Talmudisten betrachteten das Projekt als eine Beraubung der Armen, und ich erinnere mich, daß einer von ihnen, Rabbi Aaron Schild, sagte: Vorzeitens hat man gesagt „Rabo.-nemm"; jetzt kann man sagen „Rabbener" (Räuber). Dem Rabbiner wurde diese Aeußerung hinterbracht, und er verklagte den würdigen alten Mann auf Ehrenbeleidigung — ein Ereignis, das so auffällig erschien, daß selbst der die Verhandlung leitende Richter, als der Rabbiner den Antrag auf Ausgleich zurückwies, bei der Verhandlung sagte: „Herr Rabbiner, Sie werden doch nicht darauf bestehen, ein Mitglied' Ihrer Gemeinde gerichtlich bestrafen lassen zu wollen." Der Ausgang der Sache ist mir nicht mehr erinnerlich. Die Nemesis erreichte aber den Rabbiner etwa Zwanzig Jahre später, als ihn die Vertreter der nachkommenden Generation, die nicht mehr die traditionelle Ehrfurcht vor dem rabbinischen Amte hatten, wegen seiner Predigt verklagten. In dem letzeren Falle war Rabbiner Weiß jedenfalls der Gekränkte. Das jüngere Element wollte ihm die Verwaltung der Stiftungen entziehen, und reizte ihn aus eine Art, die ein Mann von Selbstachtung nicht ertragen konnte, ohne seine Fassung zu verlieren. In der Sache selbst hatte Weiß jedenfalls recht, denn die Ausschreibung des Konkurses nach seinem Tode spricht ausdrücklich von Stiftungserträgnissen als einem wesentlichen Teile des Einkommens des Rabbiners. Unter Rabbi Loeb Berlin war die alte Anschauung, welche verbietet, jüdische Angelegenheiten selbst privatrechtlicher Natur vor die weltlichen Gerichte zu bringen, so unbestritten, daß es sicherlich niemandem eingefallen wäre, den Rabbiner für seine Auslegung von Raschi und für das Gleichnis von der goldenen Mütze und dem goldenen Kumt vor Gericht zu ziehen. Er konnte sich auch den Gemeindemitgliedern gegenüber einen derberen Scherz erlauben. Mein Vater erzählte mir von einem wohlhabenden Mitgliede der Gemeinde, der dem Rabbi mit seinen Prahlereien über seine geschäftlichen Erfolge und besonders mit seinen Großtuereien über seine Freundschaftsbeziehungen zu Beamten und Gutsbesitzern oft lästig siel. Als er nun einmal sich einer solchen Freundschaft rühmte und zur Bekräftigung sagte: „Rebbe, mit dem Ober-

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